Seon

Das alte Mühlenrad dreht sich wieder

Bernadette und André Zemp haben die Untere Mühle saniert und wollen hier einen Ort der Begegnung schaffen.

Jedes Mal, wenn Bernadette und André Zemp an der Unteren Mühle vorbeikamen, schmerzte sie deren Anblick. Das älteste spätgotische Gebäude im Seetal wurde über Jahrzehnte vom Besitzer vernachlässigt und steht seit den 1980er-Jahren leer.

Am rund 100 Jahre alten Mühlenrad nagte der Rost, der Verputz bröckelte und der Wind pfiff durch die Fensterläden. Das Ehepaar aus Seon kaufte deshalb die auf das 15. Jahrhundert zurückgehende Mühle, um dieser neues Leben einzuhauchen. Sie konnten nicht mitansehen, wie eines der repräsentativsten Gebäude im Dorf verlotterte.

Das war 2012. Seither ist viel Wasser am Mühlenrad vorbei den Aabach hinuntergeflossen. Bernadette und André Zemp haben das denkmalgeschützte Gebäude in den vergangenen zwei Jahren sanieren lassen und den Umschwung mit Klostergarten neu angelegt.

Das Mühlenrad mit einem Durchmesser von 4,5 Metern dreht sich jetzt nach der Behandlung durch den Küttiger «Mühledoktor» Kurt Fasnacht wieder geschmeidig, genauso die vielen Rädchen der Mechanik im Mühleraum. Um die Funktionsweise sichtbar zu machen, treibt dort die Wasserkraft einen alten Walzenstuhl als Mahlwerk an.

Modern wirkt der ganze Mühleraum: Das neue Eichenparkett ist frisch geölt, darüber thronen Kronleuchter und futuristisch anmutende, ringförmige Lampen. «Wir haben versucht, Altes mit Neuem zu verbinden und dem Mühleraum einen besonderen Touch zu geben», sagt Bernadette Zemp bei einem Rundgang durch die Mühle.

In der Mühle wüteten Flammen

Die herausgeputzte Mühle will das Ehepaar Zemp der Öffentlichkeit nicht vorenthalten. Mühleraum und Umschwung können für Hochzeiten, Familienfeiern, Geschäfts- und Vereinsanlässe und andere Events gemietet werden. André Zemp schwebt zudem vor, kulturelle Veranstaltungen durchzuführen. Deshalb wurde im Mühleraum eine kleine Bühne aufgebaut.

Die Untere Mühle soll damit auch ein Ort der Begegnung werden, zum ersten Mal Mitte November: Dann weiht das Ehepaar Zemp das Gebäude mit einem grossen Fest ein.

Bei dieser Gelegenheit können Besucher einen Blick in die oberen Stockwerke werfen. Diese wurden ebenfalls saniert und werden als Büro- und Wohnräume privat genutzt. Zu sehen gibt es unter anderem altes Täfer und Malereien aus dem 17. Jahrhundert, alte Kachelöfen und das romantische Turmzimmer.

Als «Glanzstück» bezeichnet Bernadette Zemp den früheren Festsaal im dritten Stock, der heute Teil einer modernen 7½-Zimmer-Wohnung ist: An der Decke des Saals, in dem früher Getreidesäcke lagerten und später die Dorfbevölkerung tanzte, prangen schwungvolle Stuckaturen. «Diese haben drei Spezialisten originalgetreu wieder aufgebaut», sagt Bernadette Zemp. «Es war jeweils mucksmäuschenstill.»

Verheerend: Das Feuer in der Unteren Mühle in Seon hat grossen Schaden angerichtet. (Dezember 2014)

Verheerend: Das Feuer in der Unteren Mühle in Seon hat grossen Schaden angerichtet. (Dezember 2014)

Die Stuckaturen mussten nicht nur wegen des hohen Alters der Mühle restauriert werden. Im Dezember 2014 brach bei den Umbauarbeiten im oberen Teil des Gebäudes Feuer aus. Der Festsaal und die Nebenräume wurden weitgehend zerstört, genauso die Stuckaturen.

Stark beschädigt wurde auch der darüber liegende Dachstock. Der Sachschaden betrug mehrere hunderttausend Franken – auch wegen des Löschwassers, das zusätzliche Schäden anrichtete. Decken hingen durch und Täfer in den unteren Stockwerken mussten entfernt und nach der Restaurierung wieder eingebaut werden. «Der Schaden war gross», sagt Bernadette Zemp. Vieles habe man restaurieren können, sei aber nicht mehr alt. «Der Brand hat uns mental zurückgeworfen, wir brauchten mehrere Wochen, um alles zu verdauen.» Dank des grossen Einsatzes aller Handwerker habe man den Zeitplan aber einhalten können.

Für die Komplettsanierung der Mühle haben Bernadette und André Zemp viel Geld investiert. Wie viel, möchten die beiden nicht verraten. «Das ist eine Herzensangelegenheit», sagt Bernadette Zemp. Ihr Mann ergänzt: «Wir haben Freude an solchen alten Gebäuden, die eine lange Geschichte haben.»

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