Die Erkenntnis kam Lotti Baumann an Heiligabend. «Nach dem Essen waren meine Schwiegermutter, meine Tochter und ich in der Küche beim Abwasch und die Männer sassen gemütlich am Tisch, tranken Wein und diskutierten», sagt sie. Gopfriedstutz, habe sie sich gedacht. «Genau dieses alte Rollenmuster wollte ich meinen Kindern nicht weitergeben.» An Heiligabend schwieg sie, dem Frieden zuliebe. Doch schweigen ist nicht Lotti Baumanns Stärke. Lautstark mobilisiert die Präsidentin der Aargauer Landfrauen für den Frauenstreik am 14. Juni. Am Bauernhaus der Familie Baumann in Beinwil am See hängt eine violette Fahne, auf der eine Hand die Faust macht.

Lotti Baumann (44) ist seit drei Jahren die höchste Aargauer Bäuerin. Einstimmig hat der Vorstand beschlossen, beim Frauenstreik mitzumachen. «Es ist Zeit, hinzustehen», sagt sie. «Für mich liegt der Fokus auf der Hausarbeit. Das betrifft uns alle.» Lotti Baumann will sich für die Frauen einsetzen, die jahraus jahrein den Haushalt erledigen, Kinder aufziehen und an Heiligabend den Abwasch machen. «Diese Arbeiten werden als selbstverständlich angeschaut, nichts, worauf man stolz sein könnte», sagt sie. Sogar unter Frauen werde diese Arbeit klein gemacht, «du bist ja nur daheim, ich gehe auswärts arbeiten», höre man jeweils. Noch schlimmer als der fehlende Respekt sei der fehlende Lohn. «Die Frauen müssen schauen, dass sie zu ihrem Geld kommen.» Lotti Baumann kennt Bauernbetriebe, die das Geld zwischen Mann und Frau aufteilen. Auch wenn es nicht viel sei. Oder wenigstens die Arbeit der Frau aufschreiben. Damit sie im schlimmsten Fall einer Scheidung dokumentiert sei.

«Es geht um mehr als Politik»

Doch Lotti Baumann ist das schwarze Schaf unter den Bäuerinnen. Die Rückmeldungen auf den Streikaufruf waren ernüchternd. Statt Zuspruch und Anmeldungen erhielt sie Reaktionen wie «Muss das sein?» oder «Streiken gehört sich nicht». Viele der Frauen würden beim Wort Streik an Frauen denken, die Parolen schreiend durch die Strassen ziehen. «Das wollen wir nicht», sagt Baumann. Sie wehrt auch das Argument ab, dass die Landfrauen politisch neutral sein sollten und der Streik ein linkes Instrument sei. «Es geht hier um mehr als Politik.» Baumann will, dass Frauen sich austauschen und solidarisieren.

Sie weiss von einer Frau, die nicht am Streik teilnehmen wird, weil sie dann zu Hause Lämpen habe. «Ich bin überzeugt, dass das kein Einzelfall ist.» Was sagt ihr Mann dazu? «Ich frage natürlich nicht», sagt Lotti Baumann. Aber er unterstütze sie. Ihre Kinder, eine Tochter und drei Söhne im Alter von 15 bis 21 Jahren seien eher bereit, an den Rollenbildern zu rütteln. «Bei den jungen Männern heisst es jeweils, die Frauen sollten zuerst mal ins Militär.»

Für den 14. Juni hat sie einen Sitzstreik geplant, von 15.30 bis 16.45 Uhr werden die Landfrauen mit den Frauen vom Katholischen Frauenbund Schlossplatz besetzen. Optimistisch hat sie bei der Stadtpolizei 50 bis 80 Personen angemeldet. Es war Baumann wichtig, dass keine aufwendige Aktion geplant wurde. «Die Landfrauen kennt man von Apéros und Kuchenbuffets. Ich will nicht, dass jemand für den Streik backen muss.» Für den Fotografen der AZ posiert sie in der Tracht. «Das mache ich sonst eigentlich nicht», sagt sie. Doch am 14. Juni werden die Landfrauen auch in der Tracht streiken, sofern sie eine haben. Damit sie nicht am Boden sitzen muss, wird Lotti Baumann einen Liegestuhl mitnehmen und einfach mal nichts tun. Mitten in der Erntezeit. «Bei uns zu Hause ist dann auch Chrieset», sagt sie. Aber da müsse man sich einfach herausreissen. «Darum heisst es ja Streik.»