Ein Riesentheater
Darum fallen alle zwei Jahre die Freischaren in Lenzburg ein

Alle zwei Jahre fallen die Freischaren in Lenzburg ein. Ohne Grund, aber mit historischem Hintergrund.

Janine Gloor
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Das Schlussbild auf der Schützenmatte aus dem Jahr 1956. Die Burg scheint unversehrt zu sein; der Ausgang des Gefechts ist also noch ungewiss.ZVG

Das Schlussbild auf der Schützenmatte aus dem Jahr 1956. Die Burg scheint unversehrt zu sein; der Ausgang des Gefechts ist also noch ungewiss.ZVG

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Die Vorbereitungen für die Schlacht haben begonnen. Am Donnerstagabend hat Zugführer Mario el Toko Conipur seine treuen Kämpferinnen und Kämpfer um sich geschart. Ihr dreifaches Honolulu schallte über das Wyl und es wurden Strategien, Kampfrufe und der Einsatz von tierischer Unterstützung diskutiert. In drei Wochen, am 13. Juli, führt der rothaarige Befehlshaber seine wilde Truppe in den Kampf.

Mit grimmiger Miene bewachen sie die Fahne. Diese ist mit der Jahreszahl 1911 versehen – damals fand das Manöver noch fast jedes Jahr statt.

Mit grimmiger Miene bewachen sie die Fahne. Diese ist mit der Jahreszahl 1911 versehen – damals fand das Manöver noch fast jedes Jahr statt.

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Dann findet in Lenzburg das Freischarenmanöver statt – die Stadt im Kriegszustand. Hunderte von Schulkindern ziehen los, um in blauen Uniformen Lenzburg gegen Spanier, Indianer oder Piraten zu verteidigen, die raufend und saufend in das Städtli eingefallen sind. Das Freischarenmanöver ist ein einmaliges Spektakel; eine Reizüberflutung für alle Sinne. Doch woher kommen diese Freischaren und was wollen sie?

Freischaren besetzen Aarau

Im historischen Lexikon der Schweiz werden die Freischaren als militärische Verbände beschrieben. Die Teilnehmer der Freischarenzüge sammelten sich freiwillig, oft ohne oder gegen den Willen der Obrigkeiten, und brachen zu kriegerischen Unternehmungen auf.

Im Aargau zogen die ersten Freischaren im frühen 19. Jahrhundert los. Grund dafür war der Unmut gegen die Regierung in Aarau, wo der Regierungsrat bestimmte. Das Volk fühlte sich nicht vertreten, gegen Ende der 1820er-Jahre herrschte im Aargau mehr als Missmut gegenüber der Regierung. Patriotische Vereine wurden gegründet, die Bürger organisierten sich. An einer Volksversammlung mit bis zu viertausend Teilnehmern wurde 1830 eine Verfassungsrevision entworfen.

Auf die negative Antwort des Grossen Rates griffen die Freiämter zu den Waffen und stürmten am 6. Dezember 1830 nach Aarau. Sie hielten die Stadt zwei Tage besetzt. Danach zog sich das Heer nach Lenzburg zurück, damit der Grosse Rat tagen konnte. Am 10. Dezember fasst dieser die Beschlüsse für die gewünschte Verfassungsänderung. In Lenzburg wurde diese Nachricht mit 101 Kanonenschüssen gefeiert.

In den kommenden Jahren schwärmten Freischarenzüge mit Aargauer Teilnehmern in alle Richtungen aus. Beim gescheiterten Putsch der Stadt Luzern 1844 waren sie ebenso dabei wie beim nächsten Versuch 1845. Abenteuerlich und furchterregend müssen diese Horden gewesen sein. Bärtig und wild, grösstenteils ohne militärische Ausbildung und «nicht ohne Spuren genossenen Weins», wie es in einem Text über ein Gefecht 1841 zwischen Dintikon und Villmergen heisst.

Erstes Manöver 1852

Am Jugendfest 1852 lieferten sich die Freischaren zum ersten Mal eine Schlacht mit den Kadetten – und verloren zum ersten Mal. Zuschauer und Kadetten fanden Gefallen am Schauspiel, auch wenn es sich um eine freie Übertragung handelt. Lenzburg war nie umkämpft, fungierte aber mehrfach als Organisationsplatz oder Etappenziel. Im Bericht über das Jugendfest 1852 im Lenzburger Wochenblatt steht, die Freischaren hätten ein «lebhaftes Conterfey des Blenker’schen Frei- und Raubkorps» aus Deutschland abgegeben.

Dieses war erst drei Jahre zuvor auf der Flucht vor der preussischen Armee durch Lenzburg gezogen und bewirtet worden. Früher fand das Manöver fast jedes Jahr statt. In Kriegsjahren wurde pausiert, seit 1948 existiert der Zweijahresrhythmus. Ungehorsam und ungehobelt sind die Freischaren noch immer. Dafür schnell organisiert. Wer weiss, was passieren würde, wenn in Aarau wieder mal ein besonders unbeliebter Entscheid gefällt wird.

Schlachtruf dank Ananas Wenn bei der Kriegserklärung dem «Hono» der Generalität aus über 600 Kehlen das «Lulu» entgegendonnert, geht es los. Der Schlachtruf der Freischaren wurde 1928 erstmals schriftlich festgehalten, als Erfinder gilt Gustav Ferdinand Zeiler. 1950, 1952 und 1956 war der Sohn des Hero-Gründers Freischarengeneral. Um mehr über den Inhalt seiner Conserven zu erfahren, reiste er 1911 zu den Ananasplantagen im fernen Hawaii. Auch die Hauptstadt Honolulu besuchte er und brachte den Schlachtruf mit, der die Freischaren noch heute zuverlässig bei jeder Niederlage begleitet.

Schlachtruf dank Ananas Wenn bei der Kriegserklärung dem «Hono» der Generalität aus über 600 Kehlen das «Lulu» entgegendonnert, geht es los. Der Schlachtruf der Freischaren wurde 1928 erstmals schriftlich festgehalten, als Erfinder gilt Gustav Ferdinand Zeiler. 1950, 1952 und 1956 war der Sohn des Hero-Gründers Freischarengeneral. Um mehr über den Inhalt seiner Conserven zu erfahren, reiste er 1911 zu den Ananasplantagen im fernen Hawaii. Auch die Hauptstadt Honolulu besuchte er und brachte den Schlachtruf mit, der die Freischaren noch heute zuverlässig bei jeder Niederlage begleitet.

zvg
Ungeschlagen seit 1852 Sie sind der ewige Feind, der unbezwingbare Gegner der Freischaren: Die Kadetten. Blau gewandet und geordnet legen sie die Burg, Träume und Hoffnungen der Freischaren Mal für Mal in Schutt und Asche. Bereits ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es Kadettenkorps. Schulbuben bekamen hier eine erste militärische Ausbildung und die Söhne reicher und wichtiger Lenzburger konnten sich gesellschaftlich positionieren. 1972 wurde der obligatorische Kadettenunterricht aufgehoben. Am Manöver 2016 kämpften rund 270 Mädchen und Buben als Kadetten.

Ungeschlagen seit 1852 Sie sind der ewige Feind, der unbezwingbare Gegner der Freischaren: Die Kadetten. Blau gewandet und geordnet legen sie die Burg, Träume und Hoffnungen der Freischaren Mal für Mal in Schutt und Asche. Bereits ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es Kadettenkorps. Schulbuben bekamen hier eine erste militärische Ausbildung und die Söhne reicher und wichtiger Lenzburger konnten sich gesellschaftlich positionieren. 1972 wurde der obligatorische Kadettenunterricht aufgehoben. Am Manöver 2016 kämpften rund 270 Mädchen und Buben als Kadetten.

Streng geheim Das Jugendfest lebt von der Wiederholung. Immer der gleiche Ablauf; von den Böllerschüssen zur Tagwacht bis zum Wasserfall am Schluss. Auch das Manöver ist durchgetaktet. Doch aufgrund ihres lockereren Auftretens haben die Freischaren im Gegensatz zu den Kadetten etwas mehr Spielraum für kreative Kriegsführung. Immer wieder zaubern sie eine Geheimwaffe hervor: Im Jahr 1928 war es eine Burg im Bauhausstil (Bild), einmal waren es zwei Burgen, mehrmals die Regierungsrätin Susanne Hochuli, letztes Jahr ein Mammut. Leider hat bisher noch keine zum Sieg geführt.

Streng geheim Das Jugendfest lebt von der Wiederholung. Immer der gleiche Ablauf; von den Böllerschüssen zur Tagwacht bis zum Wasserfall am Schluss. Auch das Manöver ist durchgetaktet. Doch aufgrund ihres lockereren Auftretens haben die Freischaren im Gegensatz zu den Kadetten etwas mehr Spielraum für kreative Kriegsführung. Immer wieder zaubern sie eine Geheimwaffe hervor: Im Jahr 1928 war es eine Burg im Bauhausstil (Bild), einmal waren es zwei Burgen, mehrmals die Regierungsrätin Susanne Hochuli, letztes Jahr ein Mammut. Leider hat bisher noch keine zum Sieg geführt.

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Frauen an die Waffen Die Frauen waren bei den Freischaren schon immer dabei, ob mit oder ohne oder gar als Waffe. Im Freischarenprotokoll von 1956 steht: «Die eingesetzten Soldatenweiber schleppten nur mit Mühe ihre Waffen die bewaldeten Höhen hinauf.» Protokollist Paul Steinmann gibt den Frauen gar die Schuld für die Niederlage, sie hätten «den Schwung unserer Bewegungen» gebremst. «Nie mehr werden wir uns herbeilassen, unsere Reihen mit Flintenweibern zu durchsetzen», schreibt er. Spätestens beim Manöver 1958 dürfte er gemerkt haben, dass es nicht an den Soldatenweibern gelegen hat.

Frauen an die Waffen Die Frauen waren bei den Freischaren schon immer dabei, ob mit oder ohne oder gar als Waffe. Im Freischarenprotokoll von 1956 steht: «Die eingesetzten Soldatenweiber schleppten nur mit Mühe ihre Waffen die bewaldeten Höhen hinauf.» Protokollist Paul Steinmann gibt den Frauen gar die Schuld für die Niederlage, sie hätten «den Schwung unserer Bewegungen» gebremst. «Nie mehr werden wir uns herbeilassen, unsere Reihen mit Flintenweibern zu durchsetzen», schreibt er. Spätestens beim Manöver 1958 dürfte er gemerkt haben, dass es nicht an den Soldatenweibern gelegen hat.