Bezirksgericht Lenzburg
Damals wollte er Ex-Frau und Sohn töten - nun lässt ihn Gericht in der Psychiatrie

Seit sieben Jahren sitzt ein 64-Jähriger in der geschlossenen Abteilung in Königsfelden. Und weil der psychisch Kranke weiterhin als gefährlich gilt, entschied das Bezirksgericht, die Therapie zu verlängern.

Aline Wüst
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Ein 64-Jähriger Mann muss laut Gerichtsentscheid in der Geschlossenen Abteilung in Königsfelden bleiben. (Symbolbild/Archiv)

Ein 64-Jähriger Mann muss laut Gerichtsentscheid in der Geschlossenen Abteilung in Königsfelden bleiben. (Symbolbild/Archiv)

Raphael Hünerfauth/Archiv

Ein Klavierspieler ist er. Der alte Mann, der seine Worte genau wählt. Der verletzlich wirkt und liebenswürdig ist. Mit seiner Art scheint er die Menschen um ihn zu verzaubern – es wurde oft gelacht am Donnerstag im Gerichtssaal in Lenzburg.

Mit einem Hammer schlug Herr Meier (Name geändert) seiner von ihm geschiedenen Ehefrau vor sieben Jahren auf den Kopf. Er versuchte sie zu töten und sich im Anschluss gemeinsam mit seinem ebenfalls psychisch kranken Sohn das Leben nehmen. Eine Vereinigung im Tod, das wollte er. Herr Meier hat nach der Tat mehrmals bedauert, dass seine Tat missglückte.

Nie sprach ein Gericht Herr Meier schuldig. Er ist nicht schuldfähig. Er leidet an einer schizophrenen Störung. Statt Gefängnis verhängte das Gericht eine stationäre Massnahme. Herr Meier kam nach Königsfelden. Dort war er knapp fünf Jahre in einer geschlossenen Abteilung.

Stationäre Massnahmen: «Das ist ein Ventil der Justiz»

Im Kanton Aargau sind 36 Menschen in einer stationären Massnahme nach Artikel 59 StGB. Das heisst, sie sind in einer psychiatrischen Einrichtung oder einer Massnahmevollzugseinrichtung untergebracht und werden therapiert.

Ein Gericht muss spätestens alle fünf Jahre darüber befinden, ob die betroffene Person entlassen werden kann oder die Massnahme um weitere fünf Jahre verlängert werden soll. Die stationäre Massnahme wird daher auch «kleine Verwahrung» genannt.

Der Verteidiger des 64-Jährigen, der gestern vor Gericht stand, kritisierte die stationären Massnahmen als Ventil einer Justiz, die vor einer Verwahrung zurückschrecke und zugleich die Schlagzeilen bei einem möglichen Rückfall nach einer Entlassung scheue. Verwahrt sind fünf Aargauer Straftäter.

Die ordentliche Verwahrung wird angeordnet, wenn kein Therapieerfolg zu erwarten ist. Sie kann bis zum Tod aufrechterhalten werden, muss aber jährlich durch die Vollzugsbehörden überprüft werden. (AZ)

Er sagt: «Man ging meiner Meinung nach ungerecht mit mir um, wenn ich das so sagen darf.» Er wehrte sich gegen die Therapie.

Vor drei Jahren versuchte er sich das Leben zu nehmen und erlitt dabei einen Hirninfarkt. Seither hat er Lähmungen. Seine Hand ist verkrümmt. Der Klavierspieler kann nicht mehr Klavier spielen. Seit Ende letzten Jahres lebt er nun in einer offenen Einrichtung. Er kann allein einkaufen im Dorf, spazieren gehen.

Die vom Gericht ausgesprochene Massnahme läuft in einem Monat aus. Was soll dann mit Herrn Meier geschehen?

Der alte Mann sagt, dass er die Tat bereue. Dass es nicht hätte passieren dürfen. Er sei damals verzweifelt gewesen. Es habe ihn einfach reingezogen. «Ich will nicht, dass so etwas nochmals passiert. Ich lasse mich nicht mehr reinziehen.»

Keine günstige Prognose

«Wollen Sie denn leben, Herr Meier?», will Gerichtspräsident Daniel Aeschbach wissen. Meier sagt: «Ja, ich will leben.» Und weint.

Gutachter prophezeien Herrn Meier nach wie vor eine hohe Rückfallgefahr für schwere Übergriffe auf ihm nahestehende Personen. Vor allem dann, wenn keine engmaschige forensisch-psychiatrische Betreuung gewährleistet ist.

«Herr Meier sieht ungefährlich aus, aber man muss davon ausgehen, dass er in einem weniger strukturierten Umfeld seine Medikamente absetzen würde», sagt die Staatsanwältin.

«Ihm kann keine günstige Prognose gegeben werden.» Das habe auch damit zu tun, dass Herr Meier keinerlei Tateinsicht habe und sich bisher auch noch nicht mit seiner Tat auseinandersetzte.

Mit weit aufgerissenen Augen schaut Herr Meier die Staatsanwältin an, während sie über ihn spricht. Besser gefällt ihm das Plädoyer seines Verteidigers. Er bedankt sich im Anschluss für dessen Ausführungen. «Das hat mir gutgetan», sagt Meier.

Sein Verteidiger sagt, dass viele Lebensjahre seines Mandanten verschwendet wurden mit der Unterbringung in der geschlossenen Abteilung in der Psychiatrie. Er bezweifelt sogar, dass Herr Meier unter einer paranoiden Schizophrenie leidet. Die unverhältnismässige Unterbringung in der geschlossenen Abteilung habe seinen Mandanten so belastet, dass er sich das Leben nehmen wollte.

Der Verteidiger sagt: «Es stellt sich die Frage, ob wir 99 Personen zu Unrecht einsperren dürfen, weil einer vielleicht rückfällig werden könnte.» Er kritisiert zudem die langen Entscheidungswege und macht ein Beispiel: Es dauerte knapp zwei Jahre, bis entschieden worden sei, ob Herr Meier Ausgang mit seiner Partnerin haben könne.

Die Staatsanwältin entgegnet: «Die genaue Prüfung ist nötig auch im Hinblick auf andere Fälle.» Wäre bei einem Ausgang etwas passiert, hätte man gesagt: ‹Warum habt ihr es nicht geprüft?› Der Verteidiger bestand darauf, dass solche Entscheide aufgrund der öffentlichen Hysterie so lange dauern. Er fordert, die Massnahme auf ein Jahr zu beschränken.

Und was sagt Herr Meier? Der sagt: «Denkt einmal dran, was das alles kostete. Das ist doch Unfug auf dem Buckel des Steuerzahlers, was da mit mir getrieben wird.»

Auf seinen Stock gestützt nimmt er den Entscheid entgegen. Die Massnahme wird um weitere fünf Jahre verlängert. Herr Meier kann im offenen Vollzug bleiben. Er habe ein auf ihn massgeschneidertes Setting und geniesse viele Privilegien.

«Das hat nichts mit einer kleinen Verwahrung zu tun», sagte Aeschbach. Man wolle ihn nicht plagen. Es werde regelmässig geprüft, ob eine Entlassung möglich sei.

Herr Meier müsse sich bewähren. Dann könne die Massnahme auch weniger als fünf Jahre dauern. Falls es aber nicht klappe, sei auch eine Verlängerung der Massnahme möglich, hält Aeschbach fest.

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