Prozess
Club-Präsident wegen dieser Russinnen vor Gericht – dann kam die Überraschung

Der Volleyball-Funktionär erhielt zuerst einen Strafbefehl wegen Verstoss gegen das Ausländergesetz. Jetzt erkämpfte er sich vor dem Bezirksgericht Lenzburg einen Freispruch.

Urs Helbling
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Sind längst wieder in Russland: Die Volleyballerinnen im November 2015.zvg

Sind längst wieder in Russland: Die Volleyballerinnen im November 2015.zvg

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«Ah – ist das eine Erleichterung!», freute sich E. W. (49). Eben hatte ihm der Gerichtspräsident eine echte gelbe Karte gezeigt: «Ich finde es persönlich nicht gut, wenn Sport so ausgeübt wird.» Aber viel wichtiger als seine moralische Keule war sein juristischer Entscheid: Freispruch – auf der ganzen Linie. Einmal mehr sieht ein Aargauer Staatsanwalt schlecht aus, weil ein Gericht seinen Strafbefehl überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Immerhin verdanken wir ihm eine Stunde heiteres Landgericht, über die hier berichtet wird. Es geht um vier russische Volleyballspielerinnen, die vor einem Jahr vier Spiele für das 1.-Liga-Team «Dynamo SeeWy» (Seetal/Wynental) gespielt hatten und damit letztlich den Abstieg der Mannschaft verhinderten.

Gestern ging es vor dem Bezirksgericht Lenzburg darum, ob der Vereinspräsident gegen das Ausländergesetz verstossen hatte. Der Staatsanwalt fand ja und hatte dem Familienvater im Februar eine bedingte Geldstrafe (50 Tagessätze à 100 Franken) und eine Busse von 1000 Franken aufgebrummt. «Rechtlich bin ich schockiert. Ich sehe nicht, dass ich etwas falsch gemacht habe», erklärte der Informatiker, der monatlich 8500 Franken (netto) verdient. Er kennt die Volleyballerinnen, drei davon ehemalige Profis in Nationalteams, von seinen Reisen nach Russland. Eine hat ihn seit dem Jahr 2007 fünfmal in der Schweiz besucht. Und er war an ihre Hochzeit nach Moskau gereist.

Im November letzten Jahres flogen die vier Frauen für zwei Wochen in die Schweiz. Es sei von Anfang an klar gewesen, dass sie für das Team «Dynamo SeeWy» Volleyball spielen werden. Das taten sie denn auch (und die az berichtete darüber). Haben sie dabei etwas verdient? Nein, es sei ein Freundschaftsdienst gewesen, versicherte E. W. Die Frauen hätten sogar auf eigene Kosten eine Lizenz gelöst. «Sie spielten zum Spass und zum Vergnügen in der Amateurliga.» Und: «Volleyball ist in der Schweiz eine brotlose Kunst.» Es gebe einen einzigen Vollprofi-Klub. In Zürich. Die vier Russinnen wohnten bei der Mutter von E. W. in Egliswil. Und sie waren viel unterwegs – um die Schweiz zu erkunden.

Ob es moralisch statthaft ist, sich für vier Spiele mit Russinnen zu verstärken, war gestern nur am Rand ein Thema. Dies umso mehr, als der Volleyball-Verband sich nicht daran störte. Aber die Baselbieter Konkurrenten von «Dynamo SeeWy». Und so kam es zum Verfahren wegen Beschäftigens von Ausländerinnen ohne Bewilligung.

«Ich hoffe, dass ich von Schuld freigesprochen werde, sagte der Angeklagte in seinem letzten Wort. Es dauerte nicht einmal fünf Minuten, bis das Urteil gefällt war: Freispruch. Denn es handle sich beim Volleyballspielen in der 1. Liga um eine Tätigkeit, die üblicherweise nicht gegen Entgelt ausgeübt werde.