Museum Aargau
Closomat, Pestsarg, Wasschmaschine «Bettina» – Einblick ins Geheimdepot von Egliswil

Die Waschmaschine «Bettina». Der Pestsarg von Mandach. «Maxim»-Kochherde aus Aarau: Carte Blanche für Konservator Peter Brack für seine letzten Führungen durch das Sammlungsdepot Egliswil.

Jörg Meier
Drucken
Teilen
Sammeldepot Egliswil
5 Bilder
Der Pestsarg von Mandach ie aus schwarz gefasstem Fichtenholz und mit Blattgoldstäben verzierte Pendule stammt aus dem Jahre 1820. Gebaut wurde sie von den Gebrüdern Hagnauer in Aarau. Hinter dem aufklappbaren Glastürchen befindet sich das Zifferblatt aus Email, auf welchem «frères Hagnauer Beim Pestsarg von Mandach handelt es sich um den ältesten erhaltenen Mehrfachsarg in Europa. Der Sarg galt als verschollen. 2004 wurden Teile des Sarges auf dem Kirchenestrich entdeckt. Man hatte ihn zerlegt und die einzelnen Bretter als Unterlage für Dachziegel verwendet. Der Sarg stammt aus dem Jahre 1548 und war für Gemeindeangehörige bestimmt, die sich keinen Individualsarg leisten konnten.
Aargauer Keramik Zu den von Peter Brack ausgewählten Objekten gehört auch eine Auswahl von Keramik aus dem Aargau. Bei einigen Stücken ist klar, wo sie herkommen, die formschönen Teekrüge etwa stammen aus der Ziegelei Frick. Bei anderen Objekten wie der abgebildeten Gugelhopfform aus dem 19. Jahrhundert, lässt sich nicht mehr eruieren, wer sie geschaffen hat.
Joggeli wott go Birrli schüttle Felix Hoffmann (1911 – 1975) gestaltete Glasfenster im Berner Münster und in elf reformierten Kirchen im Aargau. Bekannt wurde er auch durch seine Illustrationen für Kinderbücher und zu den Märchen der Brüder Grimm. Im Depot in Egliswil werden unter anderem die originalen Holzstiche zum Kinderbuchklassiker «Joggeli wott go Birrli schüttle» gezeigt.
Die Pendeluhr «ARRAU» Die aus schwarz gefasstem Fichtenholz und mit Blattgoldstäben verzierte Pendule stammt aus dem Jahre 1820. Gebaut wurde sie von den Gebrüdern Hagnauer in Aarau. Hinter dem aufklappbaren Glastürchen befindet sich das Zifferblatt aus Email, auf welchem «frères Hagnauer ARRAU» steht. Individuelle Schreibweisen von Ortsnamen waren damals nicht unüblich. Im 18. und 19. Jahrhundert waren in Aarau insgesamt 35 Personen in der Uhrenherstellung tätig.

Sammeldepot Egliswil

Sandra Ardizzone

Der Closomat ist eine Aargauer Erfindung. Auch die erste Alu-Folie wurde im Aargau entwickelt. Die erste Spanplatte entstand im Aargau, und dies dank der Tabakindustrie im Wynental. Ein Aarauer hat die erste funktionierende Fahrradkette entwickelt. Und die von Birchmeier in Künten im 19. Jahrhundert entwickelten Rückenspritzen trugen entscheidend dazu bei, die Reblaus zu besiegen.

Den weltberühmten Bleistiftspitzer von Caran d’Ache hat Walter Helbling von der Firma Injecta in Teufenthal konstruiert und entwickelt. In den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts gab es im Aargau sieben verschiedene Fabriken, die Waschmaschinen herstellten.

Konservator Peter Brack zeigt seine Lieblingsstücke.

Konservator Peter Brack zeigt seine Lieblingsstücke.

Sandra Ardizzone

Carte Blanche für Peter Brack

Peter Brack, Konservator der historischen Sammlung im einst geheimen Depot in Egliswil, beschäftigt sich seit Jahren leidenschaftlich mit der Aargauer Industriegeschichte.

Er sammelt für das Museum Alltagsobjekte aus dem Arbeitsalltag und erforscht die Geschichte hinter den Objekten. Und wenn er an die industriellen Leistungen denkt, die im Aargau erbracht worden sind, gerät der Konservator geradezu ins Schwärmen. Nichts gegen die Schönheit der Schlösser, aber sie seien bei der damaligen Aargauer Bevölkerung nicht besonders beliebt gewesen, weil man von dort eher Macht und Unterdrückung spürte als Förderung und Unterstützung, sagt Brack.

Der Pestsarg.

Der Pestsarg.

Sandra Ardizzone

«Die industrielle Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert hingegen brachte dem jungen Kanton Bildung, Know-how und einen gewissen Wohlstand.» Es sei unglaublich, wie viele Patente es für erfolgreiche Erfindungen von aargauischen Tüftlern gebe. Deshalb gilt das besondere Interesse Bracks Objekten, die den industriellen Wandel und die Entwicklung dokumentieren.

Mit einem untrüglichen Gespür und grossem Fachwissen ausgestattet, entdeckt Brack diese alltäglichen Objekte, oftmals rettet er sie vor Vernichtung und Vergessen: Kochherde der Marke «Maxim», made in Aarau; die schwenkbare Tischlampe der BAG Turgi aus den 30er-Jahren; die über hundertjährige, an der Weltausstellung prämierte Bandsäge der Maschinenfabrik Müller in Brugg. Und erst kürzlich hat er aus einem Container einen schnittigen Halbrenner der Marke «Diana» gefischt; hergestellt um 1970 in Gränichen.

Ein Velomechaniker, der bei Brack in der Sammlung Zivildienst leistete, hat den Halbrenner restauriert; in fernen Zeiten werden Museumsbesucher das Gefährt bestaunen. Sie werden zur Kenntnis nehmen, dass in Gränichen einst Fahrräder hergestellt worden sind und vielleicht sind sie beeindruckt von der Eleganz des Designs von 1970.

«Ein Objekt ist für die Sammlung erst interessant, wenn wir möglichst viel über seine Geschichte wissen», sagt Brack. Gerade bei industriellen Produkten sei es oftmals schwierig, nur schon herauszufinden, wer sie erfunden oder entwickelt habe.

«Den Namen Pablo Picasso kennt jeder. Aber wer den Closomat erfunden hat, weiss keiner», bringt es Brack auf den Punkt.

Ende Juni wird Peter Brack pensioniert. Zum Abschied erhält er eine Carte Blanche: An der diesjährigen öffentlichen Führung der Historischen Sammlung im Depot in Egliswil darf Brack Objekte präsentieren, die ihm besonders am Herzen liegen. Eine schöne, aber für Brack auch eine unerhört schwierige Aufgabe. Denn unter Tausenden Objekten, die das Depot in Egliswil enthält, gibt es unzählige, die Brack entdeckt hat und mit denen ihn eine besondere Geschichte verbindet.

Pestsarg und «Bettina»

Dazu gehört ganz sicher der auf dem Kirchenestrich 2004 wiederentdeckte Mehrfachsarg von Mandach aus dem Jahre 1548. Ebenfalls in die Bracksche Auswahl geschafft haben es Waschmaschinen aus Aargauer Produktion, darunter eine «Bettina» der Firma Bettenmann aus Suhr, die von 1966 bis 2014 im Einsatz stand.

Zu sehen sind die alten Kochherde der Marke «Maxim», die in Aarau hergestellt wurden; daneben stehen die ersten Franke-Einbauküchen, die wohl bei vielen Besucherinnen und Besuchern Erinnerungen an die eigene Kindheit wach werde lassen. Brack zeigt auch die originalen Holzschnitte von Felix Hoffmann für den Bilderbuchklassiker «Joggeli wott go Birrli schüttle» oder filigrane Keramik aus den Ziegelwerken in Frick.

Dann nimmt Brack eine Gugelhopfform aus Keramik in die Hand. Die Form stammt aus dem 19. Jahrhundert, wohl aus einem einfachen Haushalt, und zeigt Gebrauchsspuren. «Diese Kuchenform wurde vor langer Zeit wohl bei besonderen Gelegenheiten in den Ofen geschoben. Man sieht, dass die Benutzer zu ihr Sorge getragen haben. Die Sorgfalt der einfachen Leute, die an dieser Gugelhopfform erkennbar ist, berührt mich.»

Wer es wissen möchte: Hans Maurer, gebürtig aus Suhr, hat den Closomat 1958 erfunden und 1961 auf den Markt gebracht. Produziert wurde er von der Firma Kera in Laufenburg.

Öffentliche Führungen im Sammlungsdepot Egliswil:
Sonntag, 24. April (ausgebucht)
Dienstag, 26. April, 18 Uhr
Sonntag, 1. Mai, 14 Uhr
Dienstag, 3. Mai, 18 Uhr
Anmeldung: 0848 871 200 oder
reservationen.lenzburg@ag.ch

Aktuelle Nachrichten