Schafisheim
Burnout und Depression: Mit Arbeit zurück ins Leben

Wie eine junge Frau gegen Burnout und Depression kämpfte und dank dem Töpferhaus zurück ins Arbeitsleben fand.

Deborah Onnis
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Shélla Huggenberger vor dem Töpferhaus in Aarau, das ihr half, zurück in den Berufsalltag zu finden.

Shélla Huggenberger vor dem Töpferhaus in Aarau, das ihr half, zurück in den Berufsalltag zu finden.

Deborah Onnis

Shélla Huggenberger aus Schafisheim kann heute wieder lachen. Als Begleitperson arbeitet die 33-Jährige heute in Lenzburg in einer Wohngruppe für Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung. Das wäre für die gelernte Pflegeassistentin, Kosmetikerin und Spielgruppenleiterin vor rund zwei Jahren noch undenkbar gewesen. Damals war sie dauernd krank, mied die Gesellschaft und fühlte sich ziellos.

Die Diagnose: Burnout und Depression. «Es hatte sich mit der Zeit angestaut», sagt sie heute. Selber meldete sie sich für eine Therapie in einer Klinik an. Nach einem dreimonatigen Klinikaufenthalt empfahl man ihr das Töpferhaus Aarau, der Lebens- und Arbeitsraum für Menschen mit einer psychischen Einschränkung bietet und individuelle soziale und berufliche Integration unterstützt. Und Huggenberger wollte die Chance nutzen und meldete sich an. «Für mich war immer klar, dass ich weiterarbeiten wollte.»

Immer mehr Arbeitsstunden

Konkret erhielt Shélla Huggenberger zuerst einzelne Aufgaben in der Kreativ-Werkstatt und später einen Arbeitsplatz in der Küche des Töpferhauses. Begleitet wurde ihre Entwicklung in dieser Zeit von Job-Coach Kathrin Sulser. Belastbarkeitstraining nennt Sulser diese Phase, bei der der Kandidat langsam immer mehr Präsenzzeit bei der Arbeit aufbaut. Im Fall von Shélla Huggenberger musste sie zuerst nur zwei Stunden am Tag arbeiten, mit der Zeit dann mehr, bis zum Schluss sieben Stunden Arbeitszeit zum Alltag wurden.

«Am Anfang war es schon eine grosse Umstellung», sagt Huggenberger. «sTöpfi», wie sie das Töpferhaus liebevoll nennt, sei ihr aber sehr entgegengekommen, wenn es an manchen Tagen gar nicht ging. «Ich fühlte mich sehr gut aufgehoben.» Durch die Integrationsmassnahme habe sie viel an Selbstsicherheit gewonnen. «Und irgendwann hat’s klick gemacht», sagt sie. «Dann hatte ich das Gefühl, jetzt geht es vorwärts.» Die Zeit im Töpferhaus habe sicher viel zu dieser Entwicklung beigetragen. Wenn sie heute über die schwere Krankheits-Zeit spricht, sagt sie selbstbewusst, die Krise habe sie stärker gemacht. Und sie habe dadurch auch ein grosses Potenzial in sich entdeckt.

Überstandene Krise als Plus

Als Huggenberger bereit war für den Arbeitsmarkt, begann das Bewerben. Dafür machte sich Shélla Huggenberger mit Job-Coach Sulser Visionen, Wünsche und Fähigkeiten bewusst. Und schaute, wie und wo diese mit den momentanen Rahmenbedingungen am besten umgesetzt werden könnten. «Ich wollte im sozialen Bereich bleiben», sagt Huggenberger. Und auch nach Job-Coach Sulser liegen ihre Stärken in diesem Bereich. Huggenberger suchte einen Arbeitgeber, der so wie sie eine überstandene Krise als Plus betrachtet und das Potenzial darin erkennt. Nach nur zwei Bewerbungen wurde sie fündig. «Meine Arbeitgeber haben von Beginn an grosses Verständnis gezeigt.» So fing Huggenberger zuerst mit einem 50-Prozent-Pensum an und erhöhte es mittlerweile auf 60 Prozent. Das stimme jetzt so für sie. Wenn sie heute noch manchmal Depressionssymptome spüre, könne sie damit umgehen.

Laut Kathrin Sulser nehmen die Anfragen für Wiedereingliederung zu. Dabei ist die grösste Gruppe der Bewerber um die 30 Jahre alt. Oftmals haben die Kandidaten Mehrfachdiagnosen. Trotzdem kann vielen geholfen werden, zurück in den Arbeitsmarkt zu finden. Offenbar haben auch mehr Arbeitgeber Verständnis für psychische Beeinträchtigungen. Sulser: «Erstaunlich viele Arbeitgeber, aus allen Bereichen, haben Verständnis für die Vorgeschichten von Bewerbern und geben ihnen eine Chance.»

Haben die Kandidaten eine Arbeit gefunden, bleibt der Vertrauensbezug mit dem Job-Coach da. Shélla Huggenberger: «Ich weiss, dass ich mich jederzeit beim Töpfi melden kann.» Noch heute geht sie manchmal beim Töpferhaus vorbei. Auch einfach nur, um Hallo zu sagen.