2018 bleibt als stürmischer Jahresauftakt in lebhafter Erinnerung. In den ersten Tagen fegte «Burglind» mit Orkanböen durchs Land und richtete in den Wäldern auch in unserer Region massive Verwüstungen an. Selbst die Infrastruktur wurde in Mitleidenschaft gezogen. Die Waldhütte Niederlenz zum Beispiel gab ein düsteres Bild ab; eine rund dreissig Meter hohe Tanne war über der Dachfirst geborsten und liess Schlimmes erahnen.

Ein Jahr später spricht Willi Bürgi, Präsident der Landschaftskommission Niederlenz, von «einem kleinen Wunder», dass sich im «Länzert»-Wald zugetragen hat. Obwohl morsch, haben die schweren Holzbalken des 1924 erbauten massiven Blockhauses dem Sturm getrotzt, die Last des herabstürzenden Baumes hat keine grösseren Schäden verursacht. Die Reparaturarbeiten beliefen sich auf rund 20'000 Franken. Ein vergleichsweise bescheidener Betrag in Anbetracht der ursprünglichen Befürchtungen.

Eins zu Null für die Waldhütte Länzert in Niederlenz.

Eins zu Null für die Waldhütte Länzert in Niederlenz (10. Januar 2018)

Das Dach hielt nicht nur dem umgestürzten Baum Stand, es liess den Baumstaum sogar brechen.

Sturmbänkli gezimmert

Die Sturmschäden in den Wäldern in der Region waren gross. Auf gegen 200'000 Franken beziffert Stadtoberförster Frank Haemmerli den Verlust in den Wäldern der Forstdienste Lenzia. Das entspricht gut 5000 Kubikmetern Holz oder rund der Hälfte der jährlichen Nutzung aus den 1132 Hektaren umfassenden Lenzia-Wäldern. Im Forstbetrieb Lenzia sind die Ortsbürgergemeinden Lenzburg, Ammerswil, Niederlenz, Othmarsingen und Staufen zusammengeschlossen.

Gar 7000 Kubikmeter Holz riss «Burglind» im mit 1020 Hektaren unwesentlich kleineren Forst Rietenberg (Gemeinden Dintikon, Egliswil, Hendschiken, Seengen und Villmergen) zu Boden. Förster Matthias Bruder spricht von «Streuschäden, die auf das ganze Revier verteilt waren. Unsere Wälder waren vom Hauptzug des Sturms glücklicherweise nicht betroffen».

So wütete Sturm Burglind im Aargau:

Noch grösser war der vom Orkan verursachte Schaden in den Wäldern der Forstbetriebsgemeinschaft Seon (Ortsbürgergemeinden Seon, Dürrenäsch, Teufenthal und Einwohnergemeinde Schafisheim). Sie bewirtschaftet 750 Hektaren Wald. Dazu kommen noch 174 Hektaren Privatwald. «Rund 10’000 Kubikmeter Holz sind dem Wintersturm zum Opfer gefallen. Etwa drei Viertel im Forstbetrieb, ein Viertel im Privatwald», erklärt Förster Marcel Hablützel.

Alle drei Forstbetriebe haben die Aufräumarbeiten rasch vorangetrieben und das Sturmholz verkauft: Es wurde zu Bauholz oder Holzschnitzeln verarbeitet. Etwas Spezielles hat man sich bei den Forstbetrieben Rietenberg einfallen lassen. «Aus einem Teil des gefallenen Holzes haben wir 51 Sturmbänkli gezimmert», erklärt Förster Bruder. Die aus einer Notsituation entstandenen Sitzgelegenheiten haben die Herzen der Bevölkerung im Sturm erobert, innerhalb Wochenfrist waren sie ausverkauft.

Nach dem Sturm lagen die geknickten und entwurzelten Bäume teilweise wie Mikadostäbchen auf dem Boden verstreut und versperrten die Waldwege. Der Seoner Förster erinnert sich an die Erwartungshaltung der Bevölkerung, die Wege rasch wieder freizulegen. «Die Waldnutzer, Jogger, Spaziergänger, Biker, Reiter und Walker, erwarteten, dass die Waldstrassen raschmöglichst geräumt und wieder begehbar gemacht wurden», erklärt Hablützel.

Nach dem Sturm die Käferwelle

Doch nicht nur der Sturm Burglind spielte den Wäldern in der Region übel mit. «Vorfälle, wie ‹Burglind› destabilisieren die Waldbestände und bieten Angriffsfläche für weitere Ereignisse. Nach dem Sturm kam die Käferwelle. Bedingt durch die lange Trockenperiode hat der Borkenkäfer grosse Schäden verursacht. Rund 2300 Kubikmeter Holz mussten deswegen geschlagen werden», sagt der Lenzburger Oberförster. Und er ergänzt: «Durch Umwelteinflüsse oder Krankheiten geschwächte oder frisch abgestorbene Nadelhölzer sind Brutherde für Borkenkäfer.»

Die Rottanne (Fichte) ist die bedeutendste Wirtschaftsbaumart der Schweiz. Wenn sich das Klima so weiterentwickelt, dürfte sich das möglicherweise ändern, befürchtet Haemmerli. «Im heissen und trockenen Sommer kamen die Bäume extrem auf den Prüfstand», sagt er und ergänzt: «In unserem Forstrevier findet nun in einem ungewöhnlichen Tempo eine Entfichtung statt.» Frank Haemmerli deutet dies als klaren Vorboten des Klimawandels. Werden in den Lenzia-Wäldern Bäume gepflanzt, so kommen deshalb klimataugliche Baumarten zum Zug: Eiche, Douglasie und Lärche.

Kommt das Thema auf die Käferplage im letzten Sommer runzeln auch die Förster der zwei andern Forstbetriebe die Stirn. Zusätzlich zum Sturmholz ist im Seoner Forst 2000 Kubikmeter Käferholz angefallen, im Forst Rietenberg die Hälfte. Bisher. Matthias Bruder befürchtet weitere Schäden. «Wenn die Rottannen ihre Nadeln verlieren, ist das kein gutes Zeichen», erklärt er.

Alle drei Revierförster hoffen nun auf einen nassen Frühling, nur so könne der Käferbefall eingedämmt werden. Ansonsten droht die nächste Borkenkäferplage. Für Lenzia-Oberförster Haemmerli ist der finanzielle Schaden nur die eine Seite. Ebenso gravierend sei der Substanzverlust im Wald, sagt er. «Jeder Baum, der vorzeitig gefällt werden muss, vermindert das Holzwachstum und damit den Wertzuwachs im Wald», erklärt er. Und dieser Schaden sei so einfach nicht zu beziffern.