Britische Einflüsse in Gärten und Gläsern

Was eine Schottin mit Lenzburg und Champagner mit der Emanzipation zu tun habe.

Valérie Jost
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Stilecht auf der Lenzburg: Kuratorin Lea Schieback als Lady Mildred.

Stilecht auf der Lenzburg: Kuratorin Lea Schieback als Lady Mildred.

Bild: Valérie Jost

Optisch zeigt nur der Mund-Nasen-Schutz eindeutig, aus welchem Jahrhundert sie wirklich stammt. Und auch dieser ist natürlich stilecht aus demselben Stoff wie das Kleid genäht und mit Spitze versetzt: Kuratorin Lea Schieback ist auf Schloss Lenzburg meist in ihrem aufwendig selbst genähten Gewand als Lady Mildred anzutreffen, eine der früheren Schlossbewohnerinnen.

Nicht zu Unrecht ist Lady Mildrid Marion Jessup – geborene Bowes Lyon und Grosstante von Queen Elizabeth II – die Inspiration hinter der aktuellen Ausstellung auf der Lenzburg, «Rosen, Tee, Naturgenuss – Gartenlust im 19. Jahrhundert»: Ihr Ehemann Augustus erwarb das Schloss 1893 und liess extra einen Rosengarten errichten, um seine Frau an ihre Heimat Schottland zu erinnern. Der Rosengarten ist neben dem Heilkräuter- und dem Barockgarten heute noch auf dem Schloss zu bewundern.

Spaziergärten dank der Industrialisierung

Lady Mildred genoss fortan ihre Sommermonate auf der Lenzburg – und ist wohl mitverantwortlich für den Import einer britischen Lebensart: Jene der Outdoor-Genusskultur, die Ende des 19. Jahrhunderts von England in die Fabriken sowie die gehobenen Haushalte und Gärten des europäische Festlands überschwappte. Als Gegenbewegung zur Industrialisierung, die die Städte grauer, schmutziger und lärmiger machte, entstanden so Parks in Städten und Gartenanlagen in Stadtvillen nach dem Vorbild englischer Landschaftsgärten.

Die neue Freiheit und Musse ist unter anderem mitverantwortlich für den Erfolgszug der Picknickkörbe und der Spazierstöcke. Einige dieser Exemplare sind auf der Lenzburg ausgestellt, darunter eine Herrenversion mit Zigarrenhalter, eine Damenversion mit Handschuhhalter und sogar eine Kinderversion.

Auch der Champagner wurde dank der aufkommenden Picknicke bekannter, bei denen er nicht fehlen durfte. Auch dies ein von den Briten gesetzter Trend: Eigentlich durch einen Fehler – dem zu frühen Abfüllen in Flaschen – erfunden, konnte sich der perlige Schaumwein nicht sofort durchsetzen. Doch am englischen Königshof war man begeistert und bald verbreitete sich das heute so beliebte Getränk über die ganze Welt.

Emanzipation auf Picknickdecken

Wenn Männer anwesend waren, kamen beim Picknicken sogar Frauen in den Genuss der französischen Spezialität; denn Alkohol trinkende Frauen waren bis dahin alles andere als gern gesehen, erzählt «Lady Mildred».

Sowieso war die neue Freiheit auch eine Art Befreiungsschlag der Frauen, für die sich bis dahin vor allem der Aufenthalt im Haus und bei Teekränzchen geziemt hatte: Wie Florenze Anliker von Museum Aargau erzählt, konnten auch sie an der neuen Freiluftkultur teilhaben, und sich statt auf Stühle ebenfalls zum Picknick auf den Boden setzen. «Die damalige englische Regentin, Queen Victoria, hat das Speisen im Grünen regelrecht zelebriert», so Anliker. Diese royale Gewohnheit habe auf den Rest Europas abgefärbt.

Tea Time mit Lady Mildred

Die nächsten szenischen Führungen finden am 23. Mai, 24. Mai und 6. Juni statt.