Lenzburg
Borstige Glockenblume: Fast ausgestorbene Pflanze soll den Berg erobern

Ein kantonales Förderprojekt will die fast ausgestorbene Pflanzenart an ihrem historischen Ort beim Lenzburger Fünfweiher wieder ansiedeln.

Ruth Steiner
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Borstige Glockenblume soll Berg erobern

Borstige Glockenblume soll Berg erobern

zvg Bild: zVg

Dem Namen nach würde man die Borstige Glockenblume (lateinisch Campanula cervicaria) zu den widerstandsfähigeren Pflanzen zählen. Dem ist nicht so. Seit Jahren schon ist sie auf der Liste der gefährdeten Pflanzen zu finden. Das nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa. In der Schweiz ist die Borstige Glockenblume hauptsächlich in den Kantonen Aargau, Bern und Zürich verbreitet. Nachdem die Population in der Vergangenheit stark zurückgegangen ist, haben die Kantone ein Artenschutzprojekt zur Förderung dieser Art gestartet.

Die ursprünglichen Vorkommen im Kanton Aargau waren die Gebiete Seon, Egliswil, Lenzburg, Wohlen und Tägerig. Mit gezielten Massnahmen will man den bestehenden Bestand erhalten und fördern. Ein wichtiger Schritt wurde nun getan.

Optimale Bedingungen beim Fünfweiher

In einem Waldstück am Bärenhübelweg unweit des Fünfweihers, im Gebiet des Berg-Ebnet, ist seit einigen Wochen ein rund 50 Quadratmeter grosses Waldstück eingezäunt. Findigen Spaziergängern wird dies nicht entgangen sein. Dort wurden rund 200 Exemplare der Borstigen Glockenblumen gepflanzt. Der Pflanzort ist nicht von ungefähr gewählt, wie Gottfried Hallwyler erklärt. «Der gewählte Ort für die Neubepflanzung beim Fünfweiher hat historischen Charakter. Es ist erwiesen, dass die Pflanze dort früher vorgekommen ist.» Hallwyler, pensionierter Leiter Unterhaltsdienst Sektion Natur und Landschaft des Kantons Aargau, ist von der Fachstelle Natur- und Landschaftsschutz mit dem Projekt beauftragt.

Die Borstige Glockenblume wächst auf feuchten Wiesen, an Säumen und in lichten Wäldern. Damit die Jungpflanzen genug Licht erhalten, haben die Forstdienste Lenzia, welche dem Projektleiter des Kantons unterstützend zur Seite stehen, zwei Bäume gefällt. Die Bedingungen sind optimal, dass die Population innerhalb des Schutzzauns gedeihen kann. «Es ist naheliegend, dass hier die Pflanzen wieder wachsen», sind sich Gottfried Hallwyler und Matthias Ott, Leiter der Forstdienste Lenzia, einig.

Der Schutzzaun soll verhindern, dass gfräsige Rehe sich an den Jungpflanzen gütlich tun. Den Tieren allein die Schuld über das Verschwinden der Glockenblumenpopulation zuzuschieben, ist jedoch zu kurz gegriffen. Die veränderten Lebensgewohnheiten der Menschen, welche im Naherholungsgebiet gepflegte Waldwege erwarten, haben das Ihre dazu beigetragen, weiss Hallwyler. «Durch das regelmässige Säubern und Mähen der Wegränder konnten die Pflanzen nicht mehr versamen und verschwanden mit der Zeit.»

Wer jetzt am Bärenhübelweg durch den Maschendrahtzaun blickt, entdeckt keine Jungpflanzen. Sie sind mit Laub bedeckt, jetzt liegt zusätzlich eine Schneedecke darüber. In einem halben Jahr sieht es dann anders aus. «Dann wird man sehen, wie viele der jungen Pflanzen es tatsächlich aus dem Boden schaffen und erblühen», sagt Hallwyler.

Doch bis es so weit ist, wartet noch einige Pflegearbeit auf ihn. Die Glockenblume ist empfindlich, lässt sich schnelle verdrängen. «Gezielte Pflege» bezeichnet Projektleiter Gottfried Hallwyler diese Arbeit. Mit Blick auf das Ergebnis macht er dies gern, erzählt er. «Es ist öppis Gfröits, wenn es mit der Borstigen Glockenblume wieder aufwärtsgeht.»