Entwicklung

Boom-Village-Staufen: Ein Dorf rüstet sich für 1000 neue Einwohner

Kaum eine Gemeinde entwickelt sich so rasant wie Staufen. Im Mega-Quartier Esterli-Flöösch entstehen 500 Wohnungen. Hier werden rund 1000 Neuzuzüger leben, die Gemeinde wächst damit um einen Drittel. Für Staufen ist das eine Chance. Doch es gibt auch kritische Stimmen.

In Staufen gibt es mehr Stangen als Einwohner. Das ist eine kühne Behauptung, doch der Stangenwald an der Kantonsstrasse zwischen Lenzburg und Hunzenschwil ist zu imposant, um hier nicht dick aufzutragen. Die Staufner Stangen sind Teil unzähliger Bauprofile, die wiederum unzählige Bauprojekte ankündigen.

Die Gemeinde Staufen ist im Wandel: Neubauten werden aufgezogen Bauland überbaut. Aufgenommen am 19. August 2016 in Staufen. Im Bild: Blick vom Hochhaus an der Aarauerstrasse vom 15. Stockwerk in Richtung Staufen Esterli/Flöösch.

Stangenwald in Staufen

Die Gemeinde Staufen ist im Wandel: Neubauten werden aufgezogen Bauland überbaut. Aufgenommen am 19. August 2016 in Staufen. Im Bild: Blick vom Hochhaus an der Aarauerstrasse vom 15. Stockwerk in Richtung Staufen Esterli/Flöösch.

Der Stangenwald ist Symbol für das Staufen der Zukunft. Rund 500 Wohnungen sowie Gewerberäume werden seit 2012 zwischen Staufberg, Fünflinden und Kiesgrube aus dem Boden gestampft. Das 120 000 Quadratmeter grosse Mega-Quartier Esterli-Flöösch soll rund 1000 Neuzuzüger anziehen. Die Dorfbevölkerung wird damit innert weniger Jahre um einen Drittel wachsen.

«Heute stellen wir die Weichen für die Zukunft», hatte Gemeindeammann Otto Moser im Mai 2012 feierlich verkündet, als sich beim Spatenstich für die erste Erschliessungsstrasse blank polierte Schaufeln in die grüne Wiese gruben. Danach wurden Strassen von einem Kilometer Länge gebaut sowie mehrere Kilometer Leitungen und Kabel verlegt. Das kostete die Gemeinde 8,5 Millionen Franken.

Otto Moser beim Spatenstich zur Erschliessung des Quartiers 2012

«Heute stellen wir die Weichen neu»

Otto Moser beim Spatenstich zur Erschliessung des Quartiers 2012

Das ist viel Geld. Geld, das Staufen nicht leichtfertig lockergemacht hat. Die Erweiterung des Dorfes wird seit den 1970er-Jahren in den Amts- und Wirtsstuben diskutiert. Schon Otto Mosers Vorgänger wussten um die Attraktivität von Esterli-Flöösch: Wer hier wohnt, ist zu Fuss schnell am Bahnhof Lenzburg und dann in 20 Minuten in Zürich. Der Autobahn-Anschluss Hunzenschwil liegt praktisch vor der Haustür. Neidisch blickt zudem der Nachbar Lenzburg ins Steuerparadies Staufen.

Kein Wunder also, dass die Investoren in Scharen kamen, als Staufen 2012 den Startschuss für die Erweiterung des Dorfes gab. Als die Haupt-Erschliessungsstrasse gebaut wurde, standen bereits die ersten Bauprofile.

Der 3000. Staufner ist ein Bub

Heute ist Esterli-Flöösch eine andere Welt. Wo einst Katzen vor dem Mausloch kauerten, rollen Autos aus Tiefgaragen. Dutzende Mehrfamilienhäuser sind aus dem Boden geschossen, die Überbauungen tragen Namen wie «Pfalz», «Lindenblick» und «Wohnpark Tilia». In deren Mitte steht eine 1,8 Millionen Franken teure Wärmezentrale der AEW, die 380 der 500 Wohnungen versorgt. Die Energie liefern Holzschnitzel aus der Region.

Noch sind nicht alle Wohnungen an den Wärmeverbund angeschlossen, der jährlich 5500 Tonnen CO2 einsparen soll. Von den 500 Wohnungen sind derzeit etwa 200 bezogen. Das erste Namensschild war 2014 an einer Türklingel angebracht worden. Seither haben sich rund 500 Neuzuzüger im neuen Gemeindehaus angemeldet. Dieses war 2013 eingeweiht worden, gerade rechtzeitig vor dem Ansturm.

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Blick ins Quartier Esterli-Flöösch

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Die Einwohnerzahl ist damit innert zweier Jahre von etwa 2600 auf 3100 Personen gestiegen. So konnte Otto Moser diesen Mai den 3000. Staufner begrüssen: den sechs Monate alten Julian Grohmann, der mit seinen Eltern aus Lenzburg in ein Mehrfamilienhaus gezogen war. «Ein wunderschönes Quartier», schwärmt die Familie über Esterli-Flöösch. Nebst der Idylle schätzen die Grohmanns vor allem die Nähe zum Lenzburger Bahnhof.

Seit der Begrüssung der Familie Grohmann vor drei Monaten sind weitere rund hundert Personen zugezogen. Und der Zustrom reisst nicht ab. In zwei bis drei Jahren, wenn alle erwarteten 1000 Neuzuzüger im Mega-Quartier eingezogen und alle Wohnungen belegt sind, wird Staufen voraussichtlich 3600 Einwohner zählen.

Gemeindeammann Otto Moser (rechts) begrüsst Julian Grohmann als3000. Einwohner, hier mit den Eltern Bettina Ludi Grohmann und Markus Grohmann.

Der 3000. Staufner ist ein Bub

 Gemeindeammann Otto Moser (rechts) begrüsst Julian Grohmann als3000. Einwohner, hier mit den Eltern Bettina Ludi Grohmann und Markus Grohmann.

Die Neuzuzüger bereichern die Dorfgemeinschaft. Das sagt Gemeindeammann Otto Moser. Die junge Familie Grohmann stehe stellvertretend für die Entwicklung Staufens. Ein junges, aufstrebendes Staufen. Im Dorf hört man auch skeptische Töne: Man befürchtet, dass mit Esterli-Flöösch ein in sich geschlossenes Quartier entsteht und sich die Neuzuzüger nicht integrieren.

Genährt wird diese Befürchtung durch die Struktur der Gemeinde: Staufen hat kein Zentrum und Esterli-Flöösch liegt abgeschieden am Dorfrand. Verkehrstechnisch gut gelegen, könnte sich eine Schlafgemeinde innerhalb der Gemeinde entwickeln. «Das befürchten viele, und ich teile diese Bedenken», sagte eine Ur-Staufnerin der az, als 2012 die ersten Bagger auffuhren. Andere Stimmen halten dagegen, dass Neuzuzüger neuen Wind ins Dorf bringen und Staufen mit seinen Angeboten und der Infrastruktur gerüstet ist. Tatsächlich wurde jüngst viel investiert.

Der Gemeinderat weiss, dass mit dem Bauboom grosse Aufgaben auf Staufen zukommen. «Es ist wichtig, das Gebiet gut zu integrieren», sagte Otto Moser beim Start der Dorferweiterung 2012. Der Gemeinderat werde offensiv auf Neuzuzüger zugehen.

Das scheint zu funktionieren: Als der Gemeinderat Ende 2014 die ersten Neuzuzüger zum Apéro lud, kamen diese in Scharen. Was den Ammann freut: «Wir haben viele junge Gesichter gesehen, die Neuzuzüger haben Interesse an der Gemeinde.» Das sei lobenswert, sagt Moser, der hofft, dass sich dies beim Neuzuzügerabend Ende 2016 wiederholt.

40-Mio.-Projekt an Kantonsstrasse

Esterli-Flöösch ist also zu 40 Prozent gebaut. Was noch nicht steht, wird sich nun vor allem entlang der Kantonsstrasse Lenzburg-Hunzenschwil entwickeln. Genehmigt ist der Businesspark Zelgli auf der Nordseite der Kantonsstrasse zwischen dem Abholmarkt LeShop und den ersten Lenzburger Liegenschaften. Das 40-Millionen-Projekt umfasst einen langgezogenen Gewerbebau entlang der Kantonsstrasse, der für grössere Anbieter von Dienstleistungen attraktiv sein dürfte. Dahinter und damit vom Verkehrslärm geschützt sind drei Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 63 Wohnungen geplant. Baubeginn ist voraussichtlich Anfang 2017.

Auf der gegenüberliegenden Strassenseite sind sieben Mehrfamilienhäuser mit 167 Wohnungen geplant, der Gestaltungsplan ist genehmigt. Zu stehen kommen die wuchtigen Bauten im Galgenacher. Dieser Flurname bezieht sich auf der benachbarte Lenzburger Richtplatz Fünflinden, wo unter anderem Gaunerkönig Bernhart Matter geköpft wurde.

Ein weiteres Projekt mit acht Mehrfamilienhäusern (111 Wohnungen) entsteht ab 2017 in der Mitte des Mega-Quartiers. Hinzu kommen weitere Projekte, die als solche gross sind, im Vergleich zu den Grossüberbauungen aber klein anmuten. Der Baubeginn ist noch nicht überall bekannt. Es ist deshalb unklar, wann der letzte Wohnungsschlüssel im «Esterli-Flöösch» übergeben wird.

Keineswegs kühn zu behaupten ist aber: Die Gemeinde Staufen hat schon bald mehr Einwohner als Stangen.

Autor

Pascal Meier

Pascal Meier

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