Wachstum
Boniswils Befreiungsschlag: Die ersten von über 100 Neuwohnungen sind bald fertig

Im Zentrum von Boniswil werden bald die ersten von fast 120 Wohnungen fertiggestellt. Die Gemeinde erhofft sich das Ende von 13 Jahren Stillstand.

Michael Küng
Drucken
Teilen
Boniswils Befreiungsschlag
3 Bilder
Das gelbe Haus aus den 30er-Jahren wurde verlassen.
Die Nachbarswiese wird mit weiteren 40 Wohnungen bebaut.

Boniswils Befreiungsschlag

Michael Küng

Bereits seit 13 Jahren ist die Bevölkerung von Boniswil nicht mehr gewachsen. Das ist ein Problem, denn während der finanzielle Druck auf die Gemeinden zunimmt, tut sich bei den Einnahmen von Boniswil nichts: Pro Kopf nahm die Gemeinde 2016 mit 2276 Franken sogar weniger ein als im langjährigen Mittel seit der Jahrtausendwende (2411 Franken). Der eine oder andere kurze Ausreisser nach oben bot zwar Entlastung, doch das Problem blieb: Bezüglich Einwohnerzahl und Steuerkraft befindet sich Boniswil heute da, wo es bereits 2005 war.

Nach dreizehn Jahren hofft das Dorf nun auf Besserung: Lukrativem Bauland mitten im Dorfzentrum und dem tiefen Zinsniveau ist es zu verdanken, dass nun gleich drei Bauherren unabhängig voneinander zwischen dem Schulhaus und der Seetalstrasse Projekte für insgesamt 106 Miet- und elf Eigentumswohnungen vorantreiben. Das freut die Gemeinde. Dabei sorgt der übersättigte Baumarkt schon seit längerem weitherum für steigende Leerstandsquoten. Bei tiefbleibendem Zinsniveau ist das für die Investoren verkraftbar, die Gemeinde ist allerdings auf Zuzüger angewiesen. Ein Risiko?

«Das ist so, da müssen wir uns nichts vormachen», sagt Gemeindeammann Gérald Strub. Doch als Gemeinde müsse Boniswil nun Mal ein gewisses Wachstum haben, um die steigenden Ausgaben decken zu können. «Dass die Einwohnerzahl von Boniswil die letzten zehn Jahre stagniert hat, liegt vor allem daran, dass wir keinen Wohnraum hatten», erklärt Strub. «Wir sind uns bewusst, dass in der Region zur Zeit sehr viel gebaut wird, etwa in Lenzburg und Staufen. Doch als Gemeinde brauchen wir die Chance, Wohnraum zu bieten». Mit der Zusammensetzung aus Miet- und einigen Eigentumswohnungen haben die Bauherren einen guten Mix gewählt, ist Strub ausserdem überzeugt.

Nicht nur Begeisterung

In der im Herbst bezugsbereiten Lindenhof-Überbauung sind von 24 Mietwohnungen sechs vermietet und zwei weitere reserviert. Dazu zählen fast alle 2,5-Zimmer- und die Attika-Wohnungen. Im dritten Haus sind die elf Eigentumswohnungen untergebracht, von denen bislang vier einen Abnehmer haben. Die Perimeter, die nun bebaut werden, wurden mit der letzten Revision der Nutzungsplanung im Jahr 2007 festgelegt, erklärt Gemeindeammann Strub. Ein Gebäude kommt in der Kernzone zu stehen, die anderen sechs in der Wohnzone 3. Die Bauarbeiten an den letzten zwei Gebäuden starten diesen Sommer an der Mättlistrasse. So soll die Einwohnerzahl der Gemeinde bis im Jahr 2020 von 1400 auf ungefähr 1700 Einwohner anwachsen.

So grosse Pläne hat Boniswil noch nie gesehen. Wie kommt das im Dorf an? Gemeindeschreiber Rudolf Holliger lacht. «Ich werde im Dorf oft auf die Überbauungen angesprochen», sagt er. «Doch seit den 70er-Jahren haben die Stimmbürger die betroffenen Wiesen immer wieder der Kernzone zugewiesen.» Es könne deshalb davon ausgegangen werden, dass die Überbauung dem Willen der Bevölkerung entspricht. «Aktuell ist die Beurteilung noch schwierig, weil es eine einzige grosse Baustelle ist. Aber sobald alles fertig ist, legt sich das in der Regel», tönt Holliger die Stimmung an. «Wir legten bei der Gestaltung sehr viel Wert auf das Dorfbild und verzichten darauf, Mehrfamilienhäuser als Lärmschutzwände an die Hauptstrasse zu stellen.» Stattdessen würden die stolzen Patrizierhäuser an der Strasse weiterhin erhalten. In Anbetracht der Dimensionen des Projekts sind die Überbauungen tatsächlich gut in das Dorfbild integriert. Bis auf die unmittelbaren Nachbarn und die Besucher der Schule merkt kaum jemand, dass hier überhaupt gebaut wird: Im Norden schirmen vier Nachbarn die Siedlung gegen aussen ab, im Süden ein grüner Gürtel aus Sträuchern und hohen Bäumen. Und das höhere Niveau der angrenzenden Seetalstrasse tut sein übriges.

Schüler aus Hallwil kommen

Und was ist mit der Schule? Sie wird nach den Sommerferien auch noch die 5.- und 6.-Klässler von Hallwil übernehmen. Doch das sei kein Problem, meint Rudolf Holliger: «Dass wir vor vier Jahren den Neubau der Schule realisiert haben, erweist sich nun als richtig und vorausschauend. Dank ihm werden wir auch mit den Kindern aus Hallwil noch genügend Schulraum für zuziehende Familien haben.»

Alles gut also? So ganz ohne Opfer geht der Wandel dann doch nicht vonstatten: Die Gärten der wenigen Nachbarn an der Seengerstrasse sind im dunklen Schatten der neuen Bauten versunken. Und drüben an der Seetalstrasse steht eines der erwähnten Patrizierhäuser leer, es ist zur Vermietung ausgeschrieben. Eingerahmt von den hohen Neubauten hat es die Familie, die es bewohnt hat, verlassen. Es ist ein kleiner Preis.