Bildhauerei

Bitte berühren: Lenzburgerin stellt Kunstwerke ihres verstorbenen Mannes aus

Es gibt Gegenstände, die will man einfach anfassen. Jean-Louis Ruffieux’ Skulpturen gehören dazu. Der glatte Stein glänzt verführerisch und würde sich unter der Hand sicher schön kühl anfühlen. Der verstorbene Künstler hatte grosses Verständnis für diesen Drang, noch mehr als das: «Seine Steine muss man anfassen», sagt Jeanine Ruffieux. Erst wenn man die Finger über die glatt polierten Steine gleiten lässt, spürt man die ganze Arbeit des Bildhauers. Wie eine Perlenkette erheben sich Högerli aus der glatten Fläche, der Stein wölbt und biegt sich, als hätte er vor einer Sekunde gerade noch gelebt und sei mitten in der Bewegung erstarrt. Heute eröffnet Jeanine Ruffieux die Ausstellung «Kunstvoll», in der sie nochmals die steinernen Kunststücke ihres 2013 verstorbenen Mannes präsentiert.

Die Ähnlichkeit der Skulpturen zum menschlichen Körper ist kein Zufall. «Die Anatomie hat ihn fasziniert», sagt Jeanine Ruffieux. Die Högerli sind die Wirbelsäule, die Rillen Rippen. Jean-Louis Ruffieux wollte Chirurg werden. Doch er habe das Blut nicht vertragen. «Stattdessen hat er die Anatomie durch Zeichnen studiert.» Jean-Louis Ruffieux absolvierte die Kunstgewerbeschule und wurde Bildhauer.

Durch eine Stelle bei der Firma Gerodetti in Hunzenschwil kamen Jean-Louis und Jeanine Ruffieux nach Lenzburg. Jahrelang gehörte der Künstler wie seine markanten Skulpturen zum Ortsbild: Im «Sandhüsli» hatte er sein Lager und bei schönem Wetter schliff und hobelte er im Garten des Hauses vis-à-vis. Er sei ein ruhiger Mensch gewesen, sagt Jeanine Ruffieux. Durchaus gesellig und interessiert am Kontakt mit Menschen. Aber auch einer, der sich regelmässig rückziehen musste. Jeanine Ruffieux ist voller Wärme, wenn sie über ihren verstorbenen Mann spricht. Immer wieder kommt ihr ein gemeinsamer Witz oder eine Anekdote in den Sinn, über die sie lachen muss.

Ein Jahr im Gefängnis

In seinem nächsten Atelier, der 145 Jahre alten Kapelle bei der Othmarsingerstrasse, ist Jean-Louis Ruffieux noch sehr präsent. Vor genau zwanzig Jahren konnte der Künstler diesen speziellen Raum kaufen. Er hatte die Kapelle schon länger im Auge gehabt und sei überglücklich gewesen, als der Kauf zustande gekommen sei. Endlich hatte er einen Raum, wo er arbeiten und ausstellen konnte. Die Sonne scheint durch die hohen Fenster, im Büro wärmt ein Feuer im Ofen. Überall stehen oder hängen Fotos, auf denen Jean-Louis Ruffieux zu sehen ist. Jeanine Ruffieux zeigt ein Album mit Bildern aus den 80er-Jahren. In diese Zeit hat der Bildhauer mit dem dichten dunklen Haar und dem Bart optisch richtig gut reingepasst. In diesem Jahrzehnt habe er auch sein Jahr im Knast verbracht. Jeanine Ruffieux muss wieder lachen, als sie das erzählt. Jean-Louis habe das jeweils extra so formuliert. Er war jedoch nicht als Häftling in der Strafanstalt, sondern für Kunst am Bau. Er wurde mit der Gestaltung eines 60 Meter langen Verbindungsganges betraut. «Er hat immer gesagt, das sei einer seiner schönsten Aufträge gewesen», sagt Jeanine Ruffieux. Der Bildhauer hat die Wände des Ganges mit Steinen in verschiedenen Bearbeitungsstadien versehen. Von ungehobelt bis ganz geschliffen, sagt Jeanine Ruffieux. Bei den Arbeiten haben ihm jeweils zwei bis vier Insassen geholfen. In Lenzburg kann man auch an zugänglicheren Stellen auf Ruffieux’ Skulpturen treffen. Zum Beispiel im Rathaus, in der Stadtbibliothek oder im «Widmipark».

Mittlerweile kann Jeanine Ruffieux gut mit dem Gedanken umgehen, sich von den Kunstwerken ihres verstorbenen Mannes zu trennen. Einige Stücke bleiben in Privatbesitz. Geschenke und besonders erinnerungsträchtige Skulpturen. Auch wenn sie noch so viele Angebote dafür erhält von Leuten, die ihre Finger auch nicht von den glatten Steinkörpern lassen können.

Ausstellung: Samstag, 23.3., Vernissage, 17–19.30 Uhr. Sonntag, 24.3., 14–16 Uhr, Donnerstag, 28.3., 19–21 Uhr, Sonntag, 31.3., 14–16 Uhr. Kapellenweg 4 in Lenzburg.

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