Bezirksgericht Lenzburg
Schweizer nötigt übers Internet zwei Teenager-Mädchen in Argentinien, ihm Nacktbilder zu senden

Weil die beiden 13-jährigen Mädchen im Ausland leben, dachte der damals 20-Jährige, er komme mit seinen Taten straffrei davon. Das rieb er ihnen sogar unter die Nase. Doch er hat die Rechnung ohne die Aargauer Staatsanwaltschaft gemacht.

Valérie Jost
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Der heute 23-Jährige hatte sich unter anderem wegen Nötigung vor dem Lenzburger Bezirksgericht zu verantworten.

Der heute 23-Jährige hatte sich unter anderem wegen Nötigung vor dem Lenzburger Bezirksgericht zu verantworten.

Bild: Chris Iseli

«Und? Niemand kennt mich. Ich lebe auf einem anderen Kontinent, du kannst nichts machen», schrieb der damals 20-jährige Mario der damals 13-jährigen Ines (Namen geändert) vor drei Jahren auf Instagram. Dies, nachdem die Argentinierin, die in der Region Buenos Aires wohnt, dem Schweizer mit einer Anzeige gedroht hatte – weil er sie genötigt hatte, ihm Nacktbilder zu schicken. Dass aber sehr wohl rechtliche Konsequenzen möglich sind, zeigte die Verhandlung vor dem Lenzburger Bezirksgericht wegen mehrfacher, teilweise versuchter Nötigung und mehrfacher Pornografie.

Gemäss Anklageschrift war Folgendes passiert: Mario, in der Region Lenzburg wohnhaft und des Spanischen mächtig, gab sich beim Chatten mit Alba, der damals 13-jährigen Kollegin von Ines, als 17-Jähriger aus und bat sie um Fotos. Sie tat ihm den Gefallen, doch er schrieb ihr, sie sei darauf noch zu sehr bekleidet. Er schickte ihr Fotos von sich, darunter auch solche von seinem Penis, worauf Alba ihm ebenfalls Fotos schickte, auf denen teilweise ihre nackten Geschlechtsorgane zu sehen waren. Als sie ihm nichts mehr schicken wollte, er aber darauf bestand, blockierte sie ihn auf Instagram, sodass er ihr keine Nachrichten mehr schicken konnte.

Er leitete Fotos weiter

Daraufhin schrieb Mario Albas Kollegin Ines, ebenfalls in Argentinien zu Hause, an und gab sich als 15-Jähriger aus. Auch Ines bat er um Nacktbilder und schickte ihr welche von sich. Er sagte ihr mehrmals, er würde Albas Fotos veröffentlichen oder ihren Freunden weiterleiten, wenn Ines ihm keine Nacktbilder schicken würde. Schliesslich gab Ines dem Druck nach und schickte übers Internet die verlangten Nacktfotos in die Schweiz.

Als Ines nicht mehr wollte, versuchte es Mario mit einer anderen Masche. Er fragte sie, was wohl passieren würde, wenn er ihre Fotos verbreite. Ines antwortete, dann würde sie sich umbringen. Worauf Mario schrieb, dann müsse sie ihm eben weiterhin Nacktbilder schicken, dann würde nichts passieren. Auch Ines blockierte schliesslich sein Konto, worauf Mario mehrere Fotos der beiden minderjährigen Mädchen an deren Instagram-Kontakte weiterleitete.

«Nicht jedes statische Nacktbild ist Pornografie»

Bei der Befragung durch Gerichtspräsidentin Danae Sonderegger Coradi verweigerte Mario jede Aussage – etwa auch auf die Fragen, welche Gefühle er bei der Suiziddrohung von Ines gehabt habe oder auf jene, was er empfinden würde, wenn jemand mit seiner jüngeren Schwester dasselbe machen würde wie er mit Ines und Alba.

Marios Anwalt forderte einen teilweisen Freispruch. Den Strafbestand der mehrfachen Pornografie sah er nur im Punkt des Versendens normaler pornografischer Bilder an Minderjährige erfüllt, nicht aber beim Besitz und dem Versenden von Material «tatsächlicher sexueller Handlungen mit Minderjährigen», so der Strafgesetzbuchsartikel.

Die 13-jährige Ines (Namen geändert) drohte Mario mit einer Anklage. (Symbolbild)

Die 13-jährige Ines (Namen geändert) drohte Mario mit einer Anklage. (Symbolbild)

Getty Images

«Nicht jedes statische Nacktbild ist Pornografie», sagte der Anwalt. «Dazu ist eine übermässige Betonung des Genitalbereichs nötig, was in den vorliegenden Fotos nicht der Fall ist. Da sie nicht pornografisch sind, sind sie auch nicht kinderpornografisch.» Zwar sei auf einem Foto der Genitalbereich des einen Kindes ersichtlich, jedoch nur die Schamhaare und nicht mehr, wie es etwa auf Pornowebseiten der Fall wäre.

Strafmindernd zugutezuhalten seien Mario zudem: sein Geständnis und seine Kooperation im Verfahren, das Fehlen von Vorstrafen und sein straffreies Verhalten seit 2019, sein Alter zur Tatzeit («jugendlicher Leichtsinn»), die Gewaltlosigkeit der Nötigung, die tiefe Zahl der Fotos und der Fakt, dass er diese nicht öffentlich postete, sondern an einzelne Personen weiterleitete.

Der Anwalt forderte eine tiefere Strafe als die Staatsanwaltschaft, auf das beantragte Tätigkeitsverbot mit Minderjährigen sei wegen des «leichten Falls» zu verzichten: Es sei unverhältnismässig, würde Marios erst gestartete berufliche Karriere im Gesundheitsbereich stark einschränken und es bestehe keine Wiederholungsgefahr.

Glaubwürdige Reue kommt ihm zugute

Die Gerichtspräsidentin sah das anders. Sie sprach Mario in allen Punkten schuldig. Sie verhängte eine auf zwei Jahre bedingte Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 70 Franken (12’600 Franken), eine Busse von 3150 Franken sowie das lebenslängliche Tätigkeitsverbot. Zudem muss Mario die Verfahrenskosten und Anklagegebühr (total 2668 Franken) und seine Anwaltskosten tragen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

«Bei Kinderpornografie sind die Hürden tiefer als bei Erwachsenen», erklärte Sonderegger Coradi. «Schon ein Foto des nackten Genitalbereichs ist als pornografisch zu werten.» Zudem habe Mario die Verzweiflung der Mädchen ignoriert und seine Drohung zur Weiterverbreitung am Ende auch wahr gemacht. Es sei kein «leichter Fall», weshalb das Tätigkeitsverbot von Gesetzes wegen ausgesprochen werden müsse, «auch wenn bei der Notwendigkeit ein Fragezeichen gesetzt werden könnte». Zugutegehalten habe sie Mario sein Geständnis und seine glaubwürdige Reue – er hatte sich bei seinem letzten Wort unter Tränen entschuldigt.

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