Das Ende der Bezirksschule Lenzburg
Bez-Lehrer Andreas Bachmann erinnert sich zurück: «Man darf nie jemanden unterschätzen!»

Andreas Bachmann hat 34 Jahre lang an der Bez Lenzburg unterrichtet. Er war Deutsch- und Geschichtslehrer des heutigen az-Chefredaktors. Die beiden trafen sich zum Abschiedsgespräch – denn nach 86 Jahren muss das traditionsreiche Gebäude weichen.

Christian Dorer (Text) und Chris Iseli (Fotos)
Drucken
Teilen
Andreas Bachmann (l.) und sein früherer Schüler und heutige az-Chefredaktor Christian Dorer im Schulzimmer 225.

Andreas Bachmann (l.) und sein früherer Schüler und heutige az-Chefredaktor Christian Dorer im Schulzimmer 225.

Chris Iseli

Ich möchte die Bezirksschule nochmals so erleben, wie sie von 1987 bis 1991 mein Alltag war. Es ist die letzte Gelegenheit: Im Juli muss die Bez aus dem altehrwürdigen Gebäude an der Angelrainstrasse ausziehen. Und Andreas Bachmann, der letzte meiner Lehrer, wird pensioniert.

Am Mittwoch darf ich eine seiner letzten Lektionen besuchen. Geografie, Thema: Irland. Es kommt mir vor wie eine Reise in die eigene Vergangenheit. Das gleiche Schulzimmer wie damals, die gleichen Landkarten, dasselbe Poster an der Wand, der Unterricht abwechslungsreich wie damals: Lehrgespräch, Einzelarbeit, Diashow. Es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen!

Welche Erinnerungen haben Sie an unsere Klasse?

Andreas Bachmann: Ein alter Mathematiklehrer hat mir mal gesagt: An die ersten Klassen erinnert man sich viel besser als an die letzten. Das ist auch bei mir so. Am 7. Oktober 1989 wurde die DDR 40 Jahre alt und ich 37. Aus diesem Anlass sagte ich zu eurer Klasse: Hoffentlich werde ich älter als die DDR!

Kurz darauf fiel die Berliner Mauer. Sie schauten mit uns die TV-Bilder an uns sagten: Diesen Moment werdet ihr euer Leben lang nicht vergessen!

Das weiss ich hingegen nicht mehr. Gerade im Geschichtsunterricht aber versuche ich, Zusammenhänge zwischen Gegenwart und Vergangenheit aufzuzeigen.

Ade, Bezirksschule! Nach der Sanierung wird hier Primarschule unterrichtet.

Ade, Bezirksschule! Nach der Sanierung wird hier Primarschule unterrichtet.

Chris Iseli

Und welche Erinnerungen haben Sie an mich?

Sie waren schon damals ein Fan von Journalismus und haben für den Regionalbus Lenzburg eine Fahrgastzeitung gemacht. Als wir im Deutsch-Unterricht einen Liebes-Fotoroman realisierten, waren Sie der Fotograf.

Stimmt! Erkennen Sie, was dereinst aus Ihren Schülern wird?

Wenn jemand eine grosse Begabung hat, kann man es erahnen. Bei schwachen Schülern hingegen habe ich gelernt: Man darf nie jemanden unterschätzen und kein voreiliges Urteil fällen! Da kann einer nach einer traurigen Schulzeit eine grosse Karriere hinlegen. Das fasziniert mich. Es kam auch vor, dass ich mit Schülern vier Jahre lang Ärger hatte. Dann trifft man sich Jahre später und hat ein hervorragendes Gespräch.

Sie haben seit 1982 hier unterrichtet. Wie haben Sie es so lange ausgehalten?

Es hat mir gefallen! Man kann zwar denken, es sei immer das gleiche Zimmer und es hängt seit 30 Jahren dasselbe Poster. Aber es sind immer andere Klassen, und jede Klasse ist anders. Lehrer ist ein super Beruf!

Man unterrichtet vier Jahre lang eine Klasse und beginnt wieder vorne.

Ich kann den Unterricht selber immer wieder neu gestalten, damit es nicht langweilig wird. Ich unterrichte Deutsch, Geografie und Geschichte – da habe ich viele Freiheiten. Ich lese viele Bücher, baue Neues in den Unterricht ein und und bin heute bestimmt ein anderer Lehrer als vor zwanzig Jahren.

Man spürt Ihr Engagement selbst in einer der letzten Lektionen. Wie haben Sie dieses Feuer bewahrt?

Ich hatte wohl einfach Glück im Leben (lacht). Ich hätte ja auch krank werden oder in eine Depression fallen können. Natürlich kann man das mit seiner Einstellung beeinflussen. Ich hatte immer den Plausch an der Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern.

Sie haben sich immer dafür interessiert, was die Schüler machen?

Privatgespräche habe ich eher gemieden, weil ich nicht gerne bohre. Aber ich habe sie so akzeptiert, wie sie sind.

Bez-Lehrer Andreas Bachmann (l.) und der az-Chefredaktor Christian Dorer auf dem Schulhof des Noch-Bezirksschulgebäude.

Bez-Lehrer Andreas Bachmann (l.) und der az-Chefredaktor Christian Dorer auf dem Schulhof des Noch-Bezirksschulgebäude.

Chris Iseli

War für Sie immer klar, dass Sie hier eine Lebensstellehaben?

Viele wechseln in der Hälfte ihre Berufslebens die Stelle. Bei mir stand das nie zur Diskussion. Ich hatte auch nie eine Midlife-Crisis – oder dann hätte ich es nicht gemerkt. Lenzburg ist eine typische Aargauer Kleinstadt, wie Zofingen, mein Wohnort. Hier leben Menschen mit einer gesunden Einstellung.

Wie haben sich die Schüler verändert?

Gar nicht – trotz neuer Techniken, Handy und Social Media. Ich empfinde junge Menschen immer noch gleich positiv wie früher, und sie lassen sich auch für dasselbe begeistern. Ich bin der Letzte, der noch Diashows macht – das kommt auch heute noch an.

Wie äussert sich die digitale Revolution in der Schule? Haben die Schüler ein Handy?

Ja klar, alle. Sie dürfen es aber nicht zeigen, sonst nehmen wir es ihnen bis zur letzten Schulstunde weg.

Dient das Handy als Ersatz für den Spickzettel von früher?

Das wäre möglich. Kürzlich hatte ein Schüler eine Einzelprobe, da er am Tag der Prüfung krank war. Ich habe sein Handy eingezogen – später aber entdeckt, dass er ein zweites dabei hatte. Er konnte mir glaubhaft versichern, dass er es nicht als Spickzettel benutzt hat.

Früher gab es Telefonlisten. Geht das heute über Whatsapp-Gruppen?

Die gute alte Telefonliste existiert noch immer. Bloss sind dann über ihre eigenen Kanäle bereits alle informiert, wenn der Auslöser des Klassentelefons erst den zweiten oder dritten Schüler angerufen hat.

Bez-Lehrer Andreas Bachmann (l.) und der az-Chefredaktor Christian Dorer im Gespräch.

Bez-Lehrer Andreas Bachmann (l.) und der az-Chefredaktor Christian Dorer im Gespräch.

Chris Iseli

Man sagt, die Jugend sei politisch nach rechts gerutscht. Was ist Ihre Beobachtung?

Viele sind komplett unpolitisch oder dann von den Meinungen der Eltern beeinflusst. Die meisten haben ein sehr soziales Denken und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Einzig vielleicht beim Thema Flüchtlinge könnte man viele politisch eher rechts verorten.

Sind Eltern schwieriger geworden?

Nicht unbedingt schwieriger, aber sie wollen häufiger den Grund zum Beispiel für eine schlechte Note wissen. Ich hatte zum Glück kaum Probleme mit Eltern, stelle aber fest, dass junge Kolleginnen von Eltern eher angefahren werden. Das finde ich schade, denn wir haben sehr gute, junge Frauen im Kollegium.

Sie halten in diesen Tagen Ihre letzte Schulstunden.

Ja, am Mittwoch der Jugendfestwoche mit einer ersten Bez-Klasse. Vermutlich gehe ich mit ihnen auf den Gofi. Danach ist fertig – und ich freue mich. Ich bin an vielem interessiert, engagiere mich bei der Kleinen Bühne Zofingen, liebe Bergtouren, gehe an Spiele von Ambri. Wobei: Ich habe bereits zugesagt, im Herbst eine Stellvertretung von zwei Wochen zu übernehmen.

Würden Sie wieder Lehrer werden?

Ja, aber kritisch hinterfragen. Ich stelle fest, dass die Vorgaben immer enger werden, der einzelne Lehrer hat immer weniger Kompetenzen, seinen Unterricht so zu gestalten, wie er will. Das finde ich falsch. Ein Lehrer soll seine Schüler auch prägen dürfen. Es darf ein Unterschied sein, ob er bei Bachmann oder Hugentobler Deutschunterricht hatte.

Nicht nur die Ära Bachmann geht zu Ende, auch die Bez zügelt. Ist es nicht wahnsinnig schade, diese 86-jährige Tradition zu beenden?

Mich reut es auch! Wir haben es bis jetzt paradiesisch gehabt, vor allem seit der Reduktion von vier auf drei Jahre. Ich hatte selbst mit meinem halben Pensum ein eigenes Zimmer – ein Traum!

Welches ist Ihr Wunsch an die Bez?

Sie soll eine derart attraktive Schulstufe sein, dass Eltern von guten Schülerinnen und Schülern nicht das Gefühl haben, sie müssten sie in die Privatschule stecken.

Diese Persönlichkeiten sind im Berufsleben die Karriereleiter hochgeklettert. Für die az kramten sie in ihren Erinnerungen an die Bez-Schulzeit in Lenzburg (Klicken Sie sich durch die Bildergalerie):

Marianne Wildi, CEO Hypothekarbank Lenzburg, in der Bez Lenzburg von 1978 bis 1981
12 Bilder
 «Schon während meiner Schulzeit liebte ich die Musik. In der Bezirksschule spielte ich nebst Posaune eine Zeit lang auch noch Querflöte. Dabei lernte ich in dieser Zeit die klassische Musik kennen, die ich heute noch geniesse. Zusammen mit meiner Mutter am Klavier trat ich an einem Konzert der Musikschule von Edy Binggeli auf. In der ersten Reihe sass damals der Chefkassier der Hypothekarbank Lenzburg AG. Meine Mutter und ich verspürten unter dem strengen Blick des wohlbekannten «Bankbeamten» ein gerüttelt Mass an Nervosität. Noch heute erinnere ich mich an diese Episode in der Bez-Aula, wenn ich meinen inzwischen pensionierten Kollegen treffe.»
Christian Dorer, Chefredaktor «az Nordwestschweiz», in der Bez Lenzburg von 1987 bis 1991
 «Keine andere Schule hat mich derart geprägt wie die Bez. Bis heute habe ich enge Freunde aus dieser Zeit – wer sich in jungen Jahren kennen lernt, entwickelt eine Tiefe, die später schwierig zu erreichen ist. Mit meinen ehemaligen Lehrpersonen Urs Strub, Rosemarie Wildi und Thomas Burkard gehe ich einmal pro Jahr Mittagessen. Ich bin ihnen dankbar, dass sie mich damals über das übliche Mass hinaus gefördert haben. Während der Bez fiel mein Entscheid, Journalist zu werden: Mit 13 schrieb ich meinen ersten Artikel; er erschien im «Aargauer Tagblatt» und handelte von neuen Zügen auf der Seetalbahn. Die Bez ist ein einzigartiger Ort. Deshalb halte ich es für einen Skandal, dass mit dem Umzug ins Lenzhard eine 80 Jahre alte Tradition beendet wird.»
Agatha Zobrist, Künstlerin, in der Bez Lenzburg von 1978 bis 1982
 «Ein düsterer Innenraum, in meinem Rücken ein Treppenhaus mit steinernen Stufen, zu meiner Rechten ein langer, schmaler von einer Fensterfront einseitig beleuchteter Korridor, zur Linken eine offene Türe zu einem überbelichtet hellen Raum. Beim Stichwort «Bezirksschulhaus Lenzburg» poppt mir dieses immer gleiche Erinnerungsbild auf. Erst als zweites, drittes oder x-tes Bild erscheint der Pausenhof, das französische Zimmer mit Militärflugzeugen als Wandschmuck und erhöhtem Lehrerpodest oder der riesige Singsaal, der die Hierarchie umgekehrt erscheinen liess: Wir Schülerinnen blickten, einem Hörsaal ähnlich, von oben auf Flügel und Lehrer.»
Hans Ulrich Glarner, Vorsteher Amt für Kultur Kanton Bern, in der Bez Lenzburg von 1971 bis 1975
 «Als 4.-Bezler waren wir der damals 8-jährigen Volksschulzeit bereits entwachsen, also freiwillig in einer geschrumpften Klasse. Wir hatten bei der Lehrerschaft schon fast Erwachsenenstatus. Im Stundenplan gabs eine Reihe spannender Freifächer. Und dort konnten wir eigene Gestaltungsideen einbringen. Freundschaften fürs Leben wurden geschmiedet. Mit unserer Klassenlehrerin Christine Egerszegi machten wir Exkursionen, beispielsweise in den kulturellen Untergrund von Bern (Keller-Theater). In Walter Baslers Geografie-Unterricht gingen wir auf Weltreisen. Vom Bezschulhaus am Angelrain aus wurde der Horizont plötzlich ganz weit. Aufbruchstimmung und Lebenshunger lagen in der Luft. Ein Glanzpunkt der Schulerinnerungen.»
Pepe Lienhard, Musiker, in der Bez Lenzburg von 1958 bis 1962
 «Während der gesamten Bez-Zeit war Musik für mich das Wichtigste. Meine ersten Auftritte mit unserer Band den ‹College-Stompers›, hatten wir an den Vorabenden zum Jugendfest. Ich erinnere mich zum Beispiel auch an ein Konzert am Abschlussabend mit dem temperamentvollen Musikdirektor Ernesto «Snello» Schmied. Er am Klavier, ich am Saxofon, spielten wir ‹Rhapsody in Blue› und ‹Smoke gets in your Eyes› und mit der Klarinette trug ich den «Hummelflug» vor. Das führte dazu, dass mir mein Französischlehrer, Dr. Till Urech, zu einer Prüfung folgenden Kommentar schrieb: ‹Lieber Pepe, vielleicht solltest du ein bisschen weniger blasen, sonst sagen die in Aarau an der Kanti-Prüfung auch, du kannst uns blasen›.» (Bild: Pepe Lienhard, 3. von rechts)
Stefan Wildi, Chefarzt Stadtspital Waid, Zürich, in der Bez Lenzburg von 1975 bis 1979
 «Zwischen den zwei Oberstufenschulhäusern im Angelrain und Lenzhard bestand stets eine gewisse Rivalität. Ganz besonders im Vorfeld des Freischaren-Manövers. Kadetten-Hauptmann und Offiziere (damals noch eine reine Männerveranstaltung!) wurden von der Freischaren-Kommission bestimmt. Hingegen den Fähnrich wählten die Schüler. Ein Kandidat kam aus unserer Klasse. Mit vereinten Kräften engagierte sich die 3d in seinem ‹Wahlkampf›. Plakate, Flyer wurden kreiert. Leintücher beschrieben und in den Pausen aus den Fenstern im dritten Stock gehisst. Die Aktionen wurden jeweils mit kräftigen Trompetenstössen ‹eingeläutet›. Auf dem Pausenplatz verteilten wir Bonbons mit den Initialen unseres Schulkollegen. Mit Erfolg – er wurde zum Fähnrich gewählt.»

Marianne Wildi, CEO Hypothekarbank Lenzburg, in der Bez Lenzburg von 1978 bis 1981

ZVG

Aktuelle Nachrichten