Der Fall ist aussergewöhnlich: Fünf Lehrerinnen und Lehrer der Schule Hallwil gehen mit einer Aufsichtsbeschwerde gegen die eigene Schulpflege vor. Hauptvorwurf: Die Schulpflege ignoriere seit langem bekannte Qualitätsmängel an der Schule sowie Empfehlungen der Lehr- und Fachpersonen. Wenn schwache Schüler besondere Unterstützung benötigen, zum Beispiel.

All dies erschwere den Unterricht in den Klassen mit drei Jahrgängen und grosser Spannweite zwischen starken und schwachen Schülern. Krankheitsausfälle und Kündigungen seien die Folge. «Die Schulpflege nimmt die Sachlage nicht ernst», kritisieren die Lehrkräfte in der Beschwerde zuhanden des Bezirksschulrats Lenzburg. «Wir können die Verantwortung für den Unterricht nicht mehr übernehmen.»

Die AZ hatte die Aufsichtsbeschwerde im März publik gemacht. Diese umfasst 20 Punkte mit Forderungen an die Schulpflege. Weitere Recherchen zeigten damals: Das Verhältnis zwischen Lehrern, Schulpflege und Gemeinderat ist gestört, innert zwei Jahren verliessen über ein Dutzend Lehrkräfte die kleine Dorfschule.

Die Qualitätsmängel sind amtlich belegt: Im Dezember 2015 erlaubte die Schulpflege einer Schülerin, die 6. Klasse zu wiederholen und bot dies auch den anderen Schülern an. Begründung: Grosse Defizite der 6. Klasse. Dieses Jahr genehmigte der Gemeinderat das Gesuch von vier Eltern, ihr Kind in einer Nachbargemeinde in die Schule zu schicken.

Elternabende ohne Lehrer

In der Zwischenzeit hat der Bezirksschulrat Lenzburg die Aufsichtsbeschwerde behandelt. Die Stellungnahme vom 3. Juli liegt nun der AZ vor. Darin hält der Schulrat fest: Der Schulbetrieb in Hallwil läuft unter schwierigen Rahmenbedingungen. Als Beispiele nennt der Schulrat unter anderem «mangelnde Qualifikation von Lehrpersonen» und «schlechte Kommunikation».

Auch von Kompetenzüberschreitungen ist die Rede. Insgesamt habe die Hallwiler Schulpflege ihre Aufgaben teilweise ungenügend erfüllt. Nicht optimal sei auch das System mit drei Schulstufen in einem Klassenzimmer.

Der Schulrat hält weiter fest: Die Schulpflege hat bei Personalfragen den Gemeinderat involviert. Das ist nicht zulässig. «Die Gewaltentrennung in schulischen Belangen ist strikte einzuhalten», kritisiert die Behörde, dies auch an die Adresse von Ammann Walter Gloor. Dieser sei in die Freistellung einer Lehrerin involviert gewesen.

Ein Satz in der Stellungnahme des Bezirksschulrates zeigt zudem, wie schlecht die Stimmung Ende 2016 im Schulhaus war: «Der Schulrat kann keine sachlichen Gründe erkennen, weshalb Elternabende ohne Beteiligung der Lehrpersonen stattgefunden haben.»

Verwirrung um Zeugnisse

Bei rund einem Drittel der 20 Punkte der Aufsichtsbeschwerde kommt der Bezirksschulrat zum Schluss: Es gibt keinen Handlungsbedarf oder der Schulrat ist dafür nicht zuständig. Bei drei Fragestellungen sei keine abschliessende Beurteilung möglich.

Das ist bei Punkt 8 der Fall: Die Schulpflege soll gemäss den Lehrern Druck auf die Schule ausgeübt haben, zeugnisrelevante Daten der 6.-Klässler zu ändern. Die Beurteilungen der Klassenlehrerin in den Bereichen Selbst- und Sozialkompetenz seien in der kantonalen Schulsoftware «Lehreroffice» verändert worden. Die Hintergründe konnte der Bezirksschulrat aufgrund der Unterlagen sowie «mangels Kenntnisse der technischen Systemvoraussetzungen» nicht ganz ausleuchten.

Recherchen der AZ zeigen: Es gab in Hallwil Verwirrung wegen der Zwischenzeugnisse. Mehrere Eltern erhielten Zeugnisse, die von den Beurteilungen der Klassenlehrerin teilweise abwichen. Die Lehrerin hatte die Eltern zuvor informiert, wo ihre Kinder schulisch stehen und welcher Oberstufe sie zugeteilt werden.

Dann wurde die Lehrerin überraschend freigestellt – und die Zwischenzeugnisse ihrer Klasse fielen anders aus. Die Zeugnisse wurden schlussendlich dann doch korrekt ausgestellt und alle Änderungen rückgängig gemacht.

Es ist unklar, ob damit Kompetenzen überschritten wurden. Klar ist nur: Beurteilungen von Schülern im «Lehreroffice» liegen in der alleinigen Kompetenz der verantwortlichen Lehrperson.

Zu kleines Problembewusstsein?

Zusammengefasst kommt der Bezirksschulrat Lenzburg in seiner Beurteilung zum Fazit: An der Schule Hallwil gibt es akuten Handlungsbedarf. Gleichzeitig äussert der Schulrat Zweifel, ob «bei sämtlichen verantwortlichen Personen ein genügendes Problembewusstsein sowie Veränderungswille für die Behebung der Defizite vorhanden ist». Der Schulrat stützt sich bei dieser Einschätzung auf Akten sowie «die Reaktionen der Schulpflege».

Der Schulrat hat deshalb den Regierungsrat über die Probleme in Hallwil informiert. Die Schule brauche «zwingend eine engmaschigere Betreuung und Aufsicht». Dies erstaunt: Das Departement Bildung, Kultur und Sport (BKS) weiss laut Betroffenen seit Jahren von den Problemen, seit über einem Jahr ist die Schulaufsicht vor Ort. Der Bezirksschulrat kritisiert denn auch, dass das BKS seit längerem bekannte Defizite «nicht mit der nötigen Aufmerksamkeit längerfristig bearbeitet und beachtet».

Hat sich das BKS zu wenig engagiert? «Die prioritären Probleme konnten gelöst werden», sagt Sprecherin Simone Strub dazu. «Die operative Führung und die Lehrpersonen können sich vermehrt dem Tagesgeschäft widmen.» Die Schulpflege hat laut Strub die Probleme erkannt, es brauche aber Überzeugungsarbeit und Zeit, um das Vertrauen wieder aufzubauen. «Die Schulaufsicht unterstützt die Schule Hallwil weiterhin bei der Bewältigung der Krise.»

Die Schulpflege äussert sich auf Anfrage nicht zur Aufsichtsbeschwerde. «Die Situation hat sich seit einem halben Jahr nachhaltig verbessert», sagt Präsidentin Susanne Siemensmeyer. «Das von der Schulpflege erarbeitete Strategiekonzept wird umgesetzt.» Unter anderem würden seit Anfang Schuljahr zwei statt drei Jahrgänge in einer Klasse unterrichtet. «Wir sind so gut ins neue Schuljahr gestartet.»

Damit gehen die Meinungen des Bezirksschulrates einerseits und jene des Kantons und der Schulpflege andererseits auseinander. Unbestritten ist: Auf die Schule Hallwil kommen bald weitere Veränderungen zu. Zwei der drei Schulpflegemitglieder – darunter Präsidentin Siemensmeyer – treten am 24. September nicht mehr zur Wiederwahl an.