Niederlenz
Berufsbildungzentrum am Ende: Stehen die Lernenden nun doch auf der Strasse?

Die Gemeinnützigen Frauen schliessen das Berufsbildungszentrum bereits Mitte 2018. Unter den Lernenden ist die Bestürzung gross. Sie stehen nun unter Druck.

Ruth Steiner
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Daria Käppeli, Natalie Furrer und Philipp Schawalder müssen für das 3. Lehrjahr einen neuen Lehrbetrieb suchen.

Daria Käppeli, Natalie Furrer und Philipp Schawalder müssen für das 3. Lehrjahr einen neuen Lehrbetrieb suchen.

Ruth Steiner

Die jüngste Hiobsbotschaft kam vor zwei Wochen. Per Mail. Darin informierte der Zentralvorstand des Dachverbandes Schweizerischer Gemeinnütziger Frauen (SGF) die Mitarbeitenden des Berufsbildungszentrums Niederlenz (dazu gehören Gartenbauschule, Blumengeschäft und Atelier ModeElle), dass die Werke Niederlenz ihren Betrieb ein Jahr früher einstellen müssen als an der ausserordentlichen Generalversammlung in Lenzburg Ende August 2016 beschlossen wurde. Statt auf Ende des Schuljahres 2018/19 ist bereits Mitte 2018 Schluss. Der SGF-Zentralvorstand macht für diesen Entscheid nicht zuletzt betriebswirtschaftliche Gründe geltend.

19 Mitarbeitende des Berufsbildungszentrums (BBZ) stehen dann auf der Strasse. Einen neuen Ausbildungsbetrieb suchen müssen auch die Lernenden im 1. Lehrjahr. Unter ihnen ist die Bestürzung gross. «Die Mitteilung war ein Schock für mich», sagt Daria Käppeli, angehende Bekleidungsgestalterin im ModeElle. «Ich habe darauf vertraut, hier die Lehre machen zu können.»

«Druck ist gross»

Ähnlich tönt es bei den Zierpflanzengärtnern. «Der Druck ist gross», sagt Philipp Schawalder und zeigt mit der Hand auf seine Brust. Die Option, das dritte Lehrjahr nicht als Praktikant in einem Fremdbetrieb, sondern im BBZ zu machen, fällt weg. Für den 16-Jährigen aus Brugg ist das BBZ der Wunsch-Lehrbetrieb. Er arbeite gerne mit gleichaltrigen Menschen zusammen, erklärt er. Ins gleiche Horn stösst Natalie Furrer. Sie fährt jeden Tag von Hünenberg ZG nach Niederlenz. Das Arbeiten in der Natur mache ihr grossen Spass, am liebsten setze sie Pflanzen in Töpfe.

Kopfschütteln über die Kehrtwende beim SGF in der BBZ-Geschäftsleitung: Für Geschäftsführerin Brigitte Vogel kommt «dieser Entscheid zwar nicht ganz überraschend. Wir bedauern ihn, müssen ihn aber akzeptieren». Dass ein sukzessives Herunterfahren des Betriebs den SGF extrem viel Geld kosten dürfte, hätte man bereits vor der a. o. Generalversammlung feststellen können. Vogel ist überzeugt, dass sich viele unschlüssige Frauen bei ihrem Entscheid damals vom Versprechen einer geordneten Schliessung der Werke in Niederlenz bis 2019 beeinflussen liessen. Noch deutlichere Worte braucht ModeElle-Geschäftsleiterin Heidi Frey: «Das Verhalten des SGF ist ein Affront gegenüber den jungen Menschen.» Der SGF handle wider Treu und Glauben. Und Frey fragt: «Wo bleibt die Solidarität, die sich der SGF so hoch auf die Fahne schreibt?»

Schliessungsentscheid fiel schwer

Auf diese Vorwürfe angesprochen, gibt Béatrice Bürgin, Präsidentin des SGF-Zentralvorstands, zu, dass man sich in betriebswirtschaftlicher Hinsicht beim SGF getäuscht hat. «Wir haben uns hier etwas vorgemacht, denn der Schliessungsentscheid ist uns allen sehr schwer gefallen.»
Zur Frage, ob der Beschluss über eine frühere Schliessung des BBZ nicht in die Kompetenz der Generalversammlung gehört hätte, sagt Bürgin: «Nein, denn der Antrag an die Generalversammlung enthielt keine Zeitangabe. Dennoch bedauern wir, dass wir unsere Absicht, das BBZ bis zum Ende des Schuljahrs 2018/2019 zu führen, nun sowohl aus pädagogischen, personellen und betriebswirtschaftlichen Gründen nicht umsetzen können.»

Was passiert mit den zum Zeitpunkt der Betriebsschliessung noch laufenden Lehrverhältnissen? «Wir sind mit dem Departement Bildung, Kultur und Sport (BKS) im Gespräch. In Zusammenarbeit mit dem BBZ wird für die Lernenden ein neuer Betrieb gesucht, in welchem sie die Ausbildung fertig machen können», sagt Bürgin. Dieses Versprechen einzuhalten, dürfte sich für den SGF nicht einfach gestalten. «Alle Zierpflanzengärtner an einem neuen Ort zu platzieren, wird eine Herausforderung werden», sagt Brigitte Vogel. Das Gleiche gilt für die vier Bekleidungsgestalterinnen.

Zur Haltung des Kantons in der Entwicklung im BBZ hat Barbara Portmann-Müller (GLP) im Grossen Rat einen Fragekatalog eingereicht.