Bei Olivier Bucher, Noë Bühler, Tim Hiltbrand und Masato Mumenthaler hat der Wecker am Freitagmorgen früher geklingelt als sonst. Noch vor Tagesanbruch haben sie ihre Rucksäcke geschultert, sich von ihren Elternhäusern in Bolligen, einem Vorort von Bern, verabschiedet und sind auf die Reise gegangen. Zu Fuss.

Ihr Ziel: das Stapferhaus. Am Samstagabend wollen sie im 80 Kilometer entfernten Lenzburg ankommen.

In den Rucksäcken der Siebtklässler befinden Regenschutz, Ersatzkleider, ein zweites paar Schuhe, etwas zu Trinken und zum Knabbern, alles, was man halt so mitnimmt auf eine Wanderung. Nur eines fehlt: Geld. Und das hat seinen guten Grund: So ganz freiwillig machen die vier «Bärner Giele» den langen Marsch nämlich nicht. Er ist Teil eines Schul-Projekts an der Oberstufe Bolligen. Klassenlehrer Hans Jaquemet will mit seinen Schülerinnen und Schülern die Ausstellung «Geld – jenseits von Gut oder Böse» im Stapferhaus besuchen.

Zur Vorbereitung hat er seiner Klasse die Aufgabe gestellt, dass sicher jeder sein Reisegeld selber verdienen muss. Damit will der Lehrer den jungen Leuten zugleich eine wichtige Lektion erteilen: «Den einen fällt das Geld in den Schoss, sie müssen keinen Finger krümmen dafür. Andere hingegen krampfen sich fast zu Tode.» Das sei die Realität, welche er den jungen Leuten vermitteln wolle, sagt er.

Um sich ihren Teil zu verdienen, wollten Noë, Masato, Tim und Olivier weder Rasen mähen, noch Guetzli backen und vor der Migros verkaufen. «Wir wollen uns nicht vom Geld regieren lassen, um nach Lenzburg zu kommen«, sagen sie. Alternativen waren gefragt.

Dann kam die Idee mit dem Sponsoring. Noë und seine Kollegen kichern, wenn sie daran denken, was ihre Twittermeldung «in 48 Stunden nach Lenzburg – ohne Geld; wir schaffen das» ausgelöst hat.

Die Reaktionen liessen nicht lange auf sich warten. Langenthal, auf Hälfte der Distanz, bietet die Zivilschutzanlage zum Übernachten von heute auf morgen an.

Ein Grossverteiler schickte einen Gutschein fürs Fresspäckli, von privater Seite kamen so viele Angebote zum Essen, dass sich die Vier fast an jeder Strassenkreuzung an einen Tisch setzen könnten.

Mehr noch: Das «Gezwitscher» zum Schulprojekt hat sich mittlerweile zu einem richtigen Hype entwickelt und weite Kreise zogen: Eine Gratiszeitung wurde auf die 14-jährigen Wandervögel aufmerksam. Sage und schreibe mehr als 300 Follower begleiten Noë, Masato, Olivier und Tim unter dem Twitter-Account @in_48_stunden. «Es sind auch ein paar Promis aus Politik und Fernsehen darunter», vermeldet Noë stolz.

Und was meint das Stapferhaus zu diesem Abenteuer? «Der Lehrer der Schulklasse begeistert uns: Mit seiner Aufforderung, die Klasse müsse den Ausflug selbst verdienen, macht er das abstrakte Thema Geld für alle erfahrbar! Die vier Jungs machen daraus mit ihrem Wanderexperiment sicherlich ein unvergessliches Geld-Erlebnis», sagt Stapferhaus-Leiterin Sibylle Lichtensteiger.

In der Ausstellung will man später den «Stapferboys», wie sie dort genannt werden, und der ganzen Klasse einen besonderen Empfang bereiten. Gestern mussten die vier Siebtklässler noch eine Mathe-Arbeit schreiben. Wenig später zwitscherten sie: «Mathe ist durch, jetzt freuen wir uns mega auf morgen.»

Ihr Ziel haben die Stapferboys übrigens am Samstagabend erreicht. Strahlend.

Bolliger Jungs haben es geschafft