In Reih und Glied, Grab an Grab: So wird man auf Schweizer Friedhöfen zur letzten Ruhe gebettet. Doch nicht alle wünschen sich eine klassische Erdbestattung. Eine Alternative bieten die beiden Waldfriedhöfe im Lenzburger Lindwald und am Staufberg. Dort kann man die Urne unter im Wind rauschenden Bäumen begraben lassen.

«Das Interesse ist gross», sagt Markus Dietiker, verantwortlich für das Projekt «Himmlische Eichen», das die Forstdienste Lenzia vor drei Jahren lancierte. Deshalb nahmen die Forstbetriebe im Lindwald zu den ursprünglich 93 Eichen noch weitere 40 Bäume ins Projekt auf. Und vor einem halben Jahr kamen 23 Eichen, Buchen, Lärchen, Spitzahorne, Hagenbuchen und Douglasien im Staufberg-Wald dazu. Weisse Nummern oder Zeichen auf blauem Hintergrund deuten an, dass der jeweilige Baum zum Waldfriedhof gehört. «Wir wurden immer wieder angefragt, ob Waldbestattungen möglich seien», sagt Dietiker. «Damit nicht einfach Asche im Wald ausgestreut wird, haben wir uns entschieden, das Projekt Waldfriedhof anzupacken.»

Asche von Übersee angereist

Ein Fünftel der Bäume ist bereits reserviert oder dient als riesiger Grabstein. «Wir hatten bisher etwas mehr als zehn Bestattungen», sagt Dietiker. Die meisten, die sich im Lindwald oder am Staufberg zur letzten Ruhe betten möchten, hätten einen Bezug zu Lenzburg, Staufen oder zur Region. Am weitesten angereist ist die Asche einer Person, die auf einem anderen Kontinent gelebt hatte. Aber auch sie hatte einen regionalen Bezug und fand zurück zu ihren Wurzeln.

Die meisten Bäume, die zur Auswahl stehen, sind Eichen. Der mächtige Baum ist beliebt. «Die Eiche hat eine gewisse Anziehungskraft, sie ist ein standfester Baum und verkörpert etwas», sagt Dietiker. Er könne auch feststellen, dass grundsätzlich Laubbäume gegenüber Nadelbäumen bevorzugt würden. Aber noch viel wichtiger als die Sorte ist der Standort des Baumes. «Viele entscheiden sich für einen Baum, der mehr im Waldinnern steht, da dort mehr Ruhe herrscht», sagt Dietiker. Meist sind es auch sehr persönliche Hintergründe, die zu einer bestimmten Wahl führen. Eine Frau entschied sich beispielsweise für ihren verstorbenen Ehemann explizit für einen Baum am belebten Waldrand. «Sie sagte im Gespräch, ihr Mann habe die Gesellschaft anderer immer sehr geschätzt», so Dietiker. «Einmal war das Vogelhäuschen ausschlaggebend, das am Baum angebracht ist.» Es gäbe aber auch Leute, die aufgrund eines Liedes einen bestimmten Baum wählen würden.

Er selber würde sich für einen Baum entscheiden, der zukunftsträchtig sei, sagt der 36-Jährige. Markus Dietiker hat dabei einen ganz bestimmten Baum im Kopf: seine Lieblings-Douglasie im Staufberger Wald. Am 18. Mai stellt er den Baum am Waldumgang auch der Bevölkerung vor. Diese Sorte überlebt bei trockener Witterung, ist standfest in stürmischen Zeiten und kann einen Zentimeter pro Jahr im Durchmesser wachsen. Hat er den Baum schon reserviert? Dietiker lacht und winkt ab. Er würde sich lieber in seinem eigenen Wald in Thalheim begraben lassen. Dort betreibt er auch einen Bauernhof.

Baum ab 4300 Franken

Wer sich für eine Waldbestattung entscheidet, zahlt zwischen 4300 und 10 600 Franken, je nach Stammumfang. Will sich ein weiterer Angehöriger am selben Ort begraben lassen, bezahlt dieser noch die Hälfte. «Das sind einmalige Kosten», betont Dietiker. Zudem würden keine jährlichen Kosten für den Grabschmuck anfallen, ein Grabstein koste auch mindestens 2000 Franken. «Und wer einen 30 Meter hohen Grabstein möchte, der zahlt sicher mehr», ergänzt Dietiker mit einem Schmunzeln.

Wenn ein Unwetter den Baum fällt oder ein Schädling sich einnistet, wird ein Ersatz-Baum angeboten. Oder ein neuer Baum gepflanzt, falls die Bestattung schon stattgefunden hat. Zumindest im Lindwald. Am Staufberg ist das aber nicht möglich. «Der Wald am Staufberg ist eine Altholzinsel», sagt Dietiker. Das heisst: Menschliche Eingriffe sind in den nächsten 30 Jahre nicht erlaubt. «Auch wenn nicht voraussehbar ist, was mit den Bäumen passiert, eins steht fest: Der Boden wird immer Wald bleiben», sagt er und ergänzt: «Was die Grabruhe betrifft, sind wir also beinahe konkurrenzlos.»