Lenzburg
Beim Berner Freikegeln sagen die Sieger: «Danke höfeli!»

Die Berner brachten anno 1415 wohl auch den Kegelsport in den Aargau – die Schützen schätzen und pflegen das Spiel in seiner speziellen Form noch heute. Die Kegler teilen sich die Schützenmatte mit zwei Pétanque-Clubs.

Heiner Halder
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Beim «Cholerahaus» auf der Lenzburger Schützenmatte pflegen Mitglieder der Schützengesellschaft den alten Brauch des Berner Kegelns.

Beim «Cholerahaus» auf der Lenzburger Schützenmatte pflegen Mitglieder der Schützengesellschaft den alten Brauch des Berner Kegelns.

Alex Spichale

Von ihrer 350-jährigen Herrschaft über Lenzburg haben die Berner Spuren hinterlassen. So prangt auch heute noch der Berner Bär an der Schlossfassade. Und drunten auf der Schützenmatte widmen sich die örtlichen Schützen nach wie vor dem Berner Freikegeln.

Diese spezielle Sportart reiht sich in das weitherum exklusiv nachhaltige Lenzburger Brauchtum mit Joggeliumzug der Schützen und Freischarenmanöver am Jugendfest ein. Die Schiessstatt ist zwar längst in den Lenzhard verlegt, doch wird auf der Schützenmatte immer noch mit Kugeln scharf geschossen. Die Kegler teilen sich den Platz mit zwei Pétanque-Clubs.

Die «erste urkundliche Erwähnung» des Berner Kegelsports findet sich auf einer Illustration in der eidgenössischen Chronik des Werner Schodoler über die Belagerung von Laufenburg im August 1443, wo einige Soldaten dem Kegelspiel frönen. Die heutige Kegelgilde beruft sich auf uralte Spielregeln, welche im Jahr 1877 schriftlich niedergelegt und 1938 im «Lenzburger Schützenkamerad» wieder in Erinnerung gerufen wurden. Das sehr komplizierte Regelwerk über das Berner Freikegeln ist auf sieben A4-Seiten in sämtlichen Varianten festgehalten.

Sicher seit 1821 wurde der Kugelsport jeweils an den Schiesstagen der Standschützengesellschaft, also immer am Montag von Ostern bis Oktober/November gepflegt, und dies zum Zeitvertreib während des Wartens auf den «heissen» Einsatz im Stand.

Auch dieser Tradition wird heute noch nachgelebt, wenn auch die Munition nur noch aus hölzernen Griffkugeln und das Ziel aus konischen Kegelpfählen besteht. Spielplatz ist die bekieste Fläche vor dem «Cholerahaus», der ehemaligen Schützenstube, wo verpflegt und die Kameradschaft gepflegt wird.

Geworfen, nicht geschoben

Zur Saisoneröffnung versucht Kegelmeister Felix Kieser, dem Laien wenigstens die Grundzüge der Spielregeln begreiflich zu machen. In der Regel bilden drei Mann eine Partie. Weil die «Kegelbahn» teilweise mit Kies bedeckt ist, werden die Kugeln mehr geworfen als geschoben, was eine besondere Technik und viel Geschick bedingt. Es gilt, aus einer Distanz von 17 Metern «obenabe» und unmittelbar vor dem Ries «undenufe» die neun Kegel zu fällen, wobei je nach Treffer mehr oder weniger Punkte zu ergattern sind.

Nach jedem Wurf werden diese vom «Stellermeitli» oder «Stellerbueb» wieder aufgestellt. Sieger ist, wer mit den wenigsten Kugeln 24 Punkte macht. Der Jüngste der Siegerpartie darf dann bei den Verlierern zehn Rappen einziehen und dies mit einem «Danke höfeli!» quittieren.

Spezielle Rituale

Dieses Spiel wird gewöhnlich, laut Reglement, «nur bei Hauptanlässen (Grümpelschiessen, Becherverschwellen) bei sehr zahlreicher oder aussergewöhnlich heiterer Gesellschaft, aus Rücksicht gegen Neulinge, Fremde usw. gemacht.» Jeder Spielende hat nur einen Wurf vom Stande aus und stellt sich alsdann in eine Reihe neben der Bahn. «Jubel, Halloh und Gelächter begleiten dann die guten und schlechten Würfe», so der Chronist.

Je nach Punktzahl können dann vom Sieger bis zum Letzten von allen Mitspielern wiederum mit «Danke höfeli!» Fünfräppler erheischt werden. Auch am Endkegeln werden spezielle Rituale aufgeführt, der Sieger wird wie im Endschiessen zum «Hosenmann» proklamiert, erhält indessen nur einen Mayen.

Bei der autonomen Keglergilde können Mitglieder der Schützengesellschaft Lenzburg mitmachen, auch Frauen. Von den aktuell zwei Dutzend Keglern sind erst zwei Damen dabei. Obwohl sämtliche Jahrgänge spielberechtigt sind, treffen sich an lauen Sommerabenden vorwiegend Männer der älteren Generation zwischen 53 und 87 Jahren und geniessen den alternativen Schiesssport bei den historischen Anlagen, um sich «Danke höfeli!» zu sagen.

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