Prozess in Lenzburg

Beim Abbiegen eine Frau getötet – LKW-Chauffeur akzeptiert milde Strafe doch noch

Im Mai 2015 übersah ein LKW-Chauffeur (44) eine Velofahrerin (38) in Wildegg – mit tödlichen Folgen. Vor Gericht sagte er, sie sei am Unfall mitschuldig. Der Prozess nahm dann aber eine unerwartete Wendung.

Es ist der Albtraum jedes Autofahrers: Ein Velo fährt rechts am Fahrzeug vorbei, wenn der Autofahrer rechts abbiegt. Noch grösser ist dieser Albtraum für Velofahrer: Solche Kollisionen enden oft mit schweren Verletzungen. Im schlimmsten Fall tödlich.

Der Albtraum wurde am 18. Mai 2015 in Wildegg Realität. Ein Lastwagen-Chauffeur übersah eine Velofahrerin, als er von der Hauptstrasse nach rechts in Richtung Veltheim/Auenstein abbiegen wollte. Die Frau fuhr parallel zum Lastwagen auf dem gelb markierten Radstreifen. Der Lastwagen mit einem Bagger auf der Ladefläche schnitt der Frau den Weg ab. Die 38-jährige Mutter von zwei Kindern stürzte, fiel unter den Lastwagen und starb auf der Unfallstelle.

Polizeisprecher Roland Pfister zum Unfallhergang.

Polizeisprecher Roland Pfister zum Unfallhergang. (18. Mai 2015)

Tödlicher Verkehrsunfall in Wildegg: Eine Velofahrerin kommt unter einen Lastwagen und stirbt noch an der Unfallstelle.

Über 20 Jahre Berufserfahrung

Am Mittwoch stand der Lastwagen-Chauffeur vor Gericht. Der Vorwurf: Fahrlässige Tötung. Die Staatsanwaltschaft hatte den Mann zuvor per Strafbefehl zu einer Geldstrafe von 13'500 Franken verurteilt, bedingt aufgeschoben bei einer Probezeit von drei Jahren. Zudem soll der Chauffeur eine Busse von 2500 Franken zahlen sowie Verfahrenskosten von knapp 11'000 Franken. Der Chauffeur akzeptierte den Strafbefehl jedoch nicht, weshalb der Fall nun am Bezirksgericht Lenzburg verhandelt wurde.

Vor Gericht erschien ein schlanker, 44-jähriger Slowake mit kurzen Haaren und Brille. Der Lastwagen-Chauffeur lebt seit mehreren Jahren in der Region Brugg. In die Schweiz kam er wegen des Geldes: Als Lastwagenfahrer verdiene er hier mehr als in der Slowakei, sagte er vor Gericht. Netto etwa 4000 Franken monatlich, plus 13. Monatslohn. Der Vater von zwei Kindern hat eine weisse Weste: keine Vorstrafen, keinen Ausweisentzug. Und dies bei über 20 Jahren Berufserfahrung als Chauffeur in der Slowakei und der Schweiz.

Wildegg: Velofahrerin stirbt nach Kollision mit LKW

Die verstorbene Velofahrerin (38) hinterlässt zwei Kinder

Eine 38-jährige Radfahrerin wurde in Wildegg von einem LKW überfahren. Sie war zweifache Mutter. 

Die Berufserfahrung strich der Angeschuldigte vor Gericht mehrmals hervor. «Ich bin viele Jahre Chauffeur und blicke beim Abbiegen automatisch in alle drei Spiegel», sagte er mithilfe eines Übersetzers. Er könne sich deshalb nicht erklären, wie es zum Unfall kam. «Ich sah die Frau nicht.» Erst als sich der Lastwagen leicht hob, habe er gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Er trat auf die Bremse. Zu spät.

Gerichtspräsidentin Danae Sonderegger sagte jedoch: «Laut Gutachten hatten Sie den Anfahrtsweg der Velofahrerin und den Kollisionspunkt über die Seitenspiegel im Blick.» Der Chauffeur blieb dabei: «Ich schaue immer in die Spiegel, bevor ich abbiege. Ich sah die Frau nicht.» Er argumentierte zudem, dass er nicht allein schuld sei am Unfall. «Ich stand im Stau und fuhr nur im Schritttempo. Wenn die Velofahrerin besser aufgepasst hätte, wäre es vielleicht nicht zum Unfall gekommen. Sie hätte dann rechtzeitig anhalten können.» Er sei nicht einverstanden, dass man ihm zu 100 Prozent die Schuld am Unfall gebe. «Deshalb akzeptiere ich den Strafbefehl nicht.»

Gerichtspräsidentin Sonderegger hakte hier nach und fragte: «Ihnen ist aber schon klar, dass die Frau Vortritt hatte?» «Ja», antwortete der Chauffeur, «aber ich hatte den Blinker gestellt. Sie hätte hinter dem Lastwagen anhalten müssen.»

Eine überraschende Wende

Dann passierte etwas Unerwartetes. Danae Sonderegger sagte zum Angeklagten: «Ich muss Sie warnen. Das Gericht könnte ein viel härteres Urteil fällen als die Staatsanwaltschaft mit dem Strafbefehl.» Dieser sei ‹sehr mild ausgefallen›. «Sie können die Einsprache gegen den Strafbefehl immer noch zurückziehen.»

Der Chauffeur besprach dies hinter verschlossenen Türen mit seinem Anwalt. Die Verhandlung wurde unterbrochen. Nach 20 Minuten war klar: Die Worte der Gerichtspräsidentin haben gewirkt. Der Beschuldigte akzeptierte den Strafbefehl nun doch. Er wollte das Risiko nicht eingehen, vor Gericht ein noch härteres Urteil zu kassieren. Vielleicht zu Recht: Laut Strafgesetzbuch drohen bei fahrlässiger Tötung bis zu drei Jahre Gefängnis.

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