Seengen
Bei Bauarbeiten Alemannengräber freigelegt – wer liegt hier begraben?

Beim Aushub für Überbauung stiess man auf Funde aus dem Frühmittelalter

Fritz Thut
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Entdecker Max Zurbuchen und Daniel Huber von der Kantonsarchäologie beim Freilegen der Seenger Alemannen-Gräber; unten ein Schenkelknochen.

Entdecker Max Zurbuchen und Daniel Huber von der Kantonsarchäologie beim Freilegen der Seenger Alemannen-Gräber; unten ein Schenkelknochen.

Fritz Thut

Statt Trax und Bagger sind wenige Wochen nach dem offiziellen Spatenstich zur Überbauung Unterdorfstrasse archäologische Mitarbeiter mit kleinen Schaufeln und Gipserspachteln am Werk: Beim Aushub hat man Grabstätten von Alemannen aus dem Frühmittelalter gefunden.

Diese Gräber werden nun vorsichtig freigelegt und für die Nachwelt dokumentiert, ehe die Bauarbeiten fortgesetzt werden können.

«Wie aus dem Bilderbuch»

Max Zurbuchen, der Leiter der Steinzeitwerkstätte Boniswil, hat letzte Woche die ersten Spuren der Gräber entdeckt. Als versierter Kenner der örtlichen Geschichte hatte er bei den Bauarbeiten ein besonderes Augenmerk auf Spuren aus der Vergangenheit.

Obwohl das missliche Wetter diese Woche die Freilegungsarbeiten verzögerte, konnte gestern Mittag festgestellt werden: «Wir haben hier wohl ein Doppelgrab und ein noch besser erhaltenes Einzelgrab gefunden.»

Bis Dienstag war man noch davon ausgegangen, dass das zuletzt gefundene Steingeviert ein Kindergrab sein könnte. Aufgrund der Grösse der Knochen ist man von dieser Theorie wieder abgekommen.

Grabungstechniker David Wälchli von der Aargauer Kantonsarchäologie, der die Freilegungsarbeiten leitet, bezeichnet die neuesten Seenger Funde in einer ersten Einschätzung als Steinplattengräber aus dem Frühmittelalter. Wälchli: «Dies kann man sich als billige Variante eines Sarkophags vorstellen.»

Vor allem beim Einzelgrab sind die Seitensteine gut erhalten. Die Fachleute sind hier überrascht, dass die vollständig erhaltene Deckplatte das ganze Grab überdeckt haben muss.

«Steinplattengräber in dieser Form kenne ich auf der Südseite des Juras nicht», so der Grabungstechniker. Für seinen Mitarbeiter Daniel Huber handelt es sich hier um «ein Steinplattengrab wie aus dem Bilderbuch».

Wer hier begraben wurde, steht noch nicht fest. Morgen Freitag werden Anthropologen erwartet, die anhand der gefundenen Skelette Angaben über Geschlecht und eventuell Todesursache machen können.

Grabbeigaben hat man noch keine gefunden. Vielleicht stammen die hier begrabenen Alemannen bereits aus der Zeit, als die Christianisierung dem Brauch der Grabbeigabe ein Ende bereitet hatte. «Auf etwa 700 nach Christus», schätzt Wälchli das Alter des neusten Seenger Fundes spontan.

Seenger Phalera von 1859

Der Fundort, rund 60 Meter östlich der Unterdorfstrasse, ist kein Zufall. Er liegt zwischen Mitte des 19. Jahrhunderts gefundenen Gräbern an der damaligen Dorfstrasse und Funden im 20. Jahrhundert an der Poststrasse.

Die ältesten Funde stammen aus dem Jahr 1859. Der Fahrwanger Pfarrer Feer bewertete die damals sichergestellten Grabbeilagen als «nicht besonders», liess sie jedoch später von Fachleuten der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich beurteilen.

Dabei entlockte eine silberne Zierschale den Experten eine überraschende Einschätzung. Der englische Historiker William Michael Wylie mass der so- genannten Seenger Phalera eine «einzigartige Bedeutung» zu.

Das Objekt, das zusammen mit andern Grabbeilagen wie Dolchen, Kleinschwertern und Lanzenspitzen heute im Landesmuseum in Zürich liegt, zeigt einen mit Schutzpanzern eingekleideten Reiter hoch zu Ross.

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