Lenzburg
Beduine und Kadett assen beim Zmittag zusammen Wurstweggen

Vor 50 Jahren standen sich am Freischarenmanöver Vater und Sohn gegenüber.

Peter Siegrist *
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Emil Siegrist (1920–1993) führte 1966 den Turnerzug an.

Emil Siegrist (1920–1993) führte 1966 den Turnerzug an.

zvg

Hätte mir jemand vor 50 Jahren gesagt, ich würde mich einst im «Aargauer Tagblatt» ans Lenzburger Jugendfest von 1966 erinnern, wäre das schlicht unvorstellbar gewesen. Ein halbes Jahrhundert ist eine Ewigkeit, hätte ich gesagt, und dann doch gerechnet. In einem Monat beginne ich mit dem Lehrerseminar und 2016, da würde ich ja meine Berufszeit abschliessen, ich würde pensioniert. – So können und wollen 16-Jährige gar nicht denken.

Und heute? Jetzt, wo diese 50 Jahre durchlebt sind und vorbei sind? – Jetzt ist alles anders, denn zurückblicken kann ich gut und tue es gern. Und ich staune über die Details, an die ich mich angesichts der alten Dias aus meines Vaters Sammlung noch lebhaft erinnere.

An diesem Jugendfest vor 50 Jahren zog ich als Kadettenleutnant mit meinem Zug ins Manöver. Im Gegensatz zu andern ehemaligen Kadetten habe ich später nie die Seite gewechselt, ich kämpfte nie auf der Seite der Freischaren.

Wenn im Städtchen wieder die Rede von den wilden Freischarenhorden und den ordentlichen Kadetten war, wurde ich die letzten Jahre jeweils von meiner Zeitung in Aarau als Kriegsberichterstatter nach Lenzburg entsandt. Ich war nie auf einer Seite unterwegs, sondern geriet jeweils zwischen die Fronten.

Ich schrieb und freute mich mit den Kadetten über den erneuten Sieg. Und ich litt mit den Freischaren an der erneuten Niederlage und hoffte auf Besserung in zwei Jahren.

Sohn Peter (* 1950) nahm als Kadettenzugführer an Umzug und Manöver teil.

Sohn Peter (* 1950) nahm als Kadettenzugführer an Umzug und Manöver teil.

zvg

Kleinster Leutnant aller Zeiten?

Die Bilder von 1966 vor Augen, da tauchen Erinnerungen auf. Details und das Jugendfestkribbeln sind wieder da. Ich war wohl der kleinste Kadettenzugführer aller Zeiten. Knapp zwei Zentimeter fehlten, und mein Säbel hätte die Bsetzisteine der Rathausgasse geritzt.

Wir waren gut vorbereitet, exerzierten auf hohem Niveau, lernten den Umgang mit dem Kadettengewehr. Sogar zu Hause hatte ich trainiert, den Gewehrverschluss zu zerlegen und zusammenzusetzen in Rekordzeit. Der legendäre Kadetteninstruktor Josef Meier, Primarlehrer und Infanterie-Major a D, hatte uns wie Rekruten erzogen und äusserste Disziplin verlangt.

Die Manöveranlage war vor 50 Jahren gleich wie seit je. Nur das Kadettencorps war kleiner: Sieben Züge und das Spiel, Kanonen fehlten. Und die Mädchen? Die mussten unsere Heldentaten vom Gefechtsfeldrand aus verfolgen. Die Freischaren aber liessen schon damals grossmundig und siegessicher vor dem Gefecht ihren Kriegsruf erschallen: «Hono Lulu!»

Gemeinsam am Mittagstisch

Lustig war es an diesem Jugendfest am Mittagstisch unserer Familie. Oben am Tisch sass mein Vater Emil als Beduinenhäuptling und Zugführer der Turner. Und unten sass der Kadettenleutnant. Beide bissen wir siegessicher in die traditionellen Jugendfestwurstweggen. «Dieses Jahr nehmen wir euch», sagte der Beduine. Doch es kam so wie immer seit 1852. Der Freischarengeneral hoch zu Ross übergab dem Kadettenhauptmann, Urs Senn, die Kriegserklärung. Doch dieser schmiss das Papier dem General vors Pferd, die Kadetten schrien: «Wir kämpfen!» und das Corps bezog rasch Stellung hinter dem Gofi.

Mit dem 6. Zug unterquerte ich den neuen Autobahnzubringer im Osten durch den kleinen Tunnel, den «Ho-Chi-Minh-Pfad», und rückte gegen die Schützenmatte vor. Und hier zeigte sich damals wie heute das gleiche farbenfrohe und laute Spektakel bis zum Schlussbild mit der brennenden Burg, bis zu dem Augenblick der totalen Niederlage, wo der Freischarengeneral kapituliert und dem Kadettenhauptmann oder der Kadettenhauptfrau seinen Säbel überreicht.

Wenn ich nächste Woche, jetzt fünfzig Jahre später, wieder mit meiner Kamera und dem Schreibblock auf der Schützenmatte im Pulverdampf stehe, dann bin ich wohl im Herzen für kurze Zeit wieder der kleine Leutnant – und ich freue mich mit der heutigen Jugend am traditionellen Fest der Feste in meiner Vaterstadt.

* Peter Siegrist war von 2000 bis 2014 Redaktor bei der Aargauer Zeitung und berichtete übers Lenzburger Jugendfest.