Dintikon
Bauer Süess will im Stall Fische züchten – doch der Kanton hat was dagegen

Stefan Süess hat wegen des tiefen Milchpreises alle Kühe verkauft und möchte stattdessen eine Fischzucht-Anlage installieren. Auch andere Landwirte sind interessiert – doch die Hürden sind hoch.

Pascal Meier
Drucken
Teilen
Weil der Kanton das Baugesuch von Stefan Süess abgelehnt hat, stehen die einzelnen Teile der Fischzucht-Becken vorläufig neben dem Stall.Pascal meier

Weil der Kanton das Baugesuch von Stefan Süess abgelehnt hat, stehen die einzelnen Teile der Fischzucht-Becken vorläufig neben dem Stall.Pascal meier

Pascal Meier

Stefan Süess ist ein innovativer Bauer. Der Landwirt aus Dintikon hat sich vorgenommen, jedes Jahr etwas Neues auszuprobieren. Er und seine Frau Anita bauten einmal Melonen an, sammelten Erfahrungen mit Freilandschweinen und installierten auf ihrem Hof am Osthang des Rietenbergs eine Photovoltaikanlage.

Jetzt hat Stefan Süess eine neue Idee: Er möchte Fische züchten und dazu im Stall auf 200 Quadratmetern mehrere grosse Wasserbecken aufstellen. Darin sollen Zander heranwachsen. Sind die Barschfische nach 9 Monaten etwa 1 Kilo schwer, werden sie betäubt, getötet und verkauft.

Fische vom Bauern. Das ist keine Schnapsidee. Die Bauernfamilie aus dem Bünztal braucht eine neue Einnahmequelle. «Mit Milch lässt sich kaum mehr Geld verdienen», sagt Stefan Süess. Zudem muss der Landwirt seinen Anbindestall wegen neuer Tierschutzgesetze zum Laufstall umbauen – eine Investition, die sich beim derzeitigen Milchpreis nicht lohnt.

Zander schwimmen in 22 Grad warmem Wasser

Fischzucht-Anlage wird durch Pumpen geheizt

Der Stromverbrauch der Fischzuchtanlage liegt bei etwa 4,5 kWh, der Frischwasserbedarf bei rund 1,8 Kubikmetern pro Tag. Die Fischgülle kann auf die Felder ausgetragen werden. Die Menge entspricht etwa der Hinterlassenschaft zweier Kühe. Das Futter, das sich aus Beifang-Abfallprodukten zusammensetzt, muss aus Dänemark importiert werden. Auch die rund 10 Gramm schweren Setzlinge, die zu Zandern heranwachsen, werden im Ausland beschafft.

Die Wasseraufbereitung funktioniert laut Tegatec-Chef Bernhard Kaufmann ohne Zusatzstoff und die Pumpen wirken als Heizung. Denn das Wasser muss ständig um die 22 Grad warm sein. «Um die Temperatur zu halten, sollte der Stall isoliert werden», sagt Kaufmann. Doch fehlt den Fischen in den Becken damit nicht das Tageslicht? «Nein, sagt Kaufmann: «Zander schwimmen in sieben bis zehn Meter Tiefe in diffusem Licht und sind nachtaktiv.» (pi)

Die Familie Süess hat deshalb den Schlussstrich gezogen und ihre 30 Milchkühe und ein Dutzend Aufzuchtrinder verkauft. Stattdessen will die Bauernfamilie künftig Zander züchten; dies als Nebenerwerb zum Gemüse- und Ackerbau. «Das ist die günstigste Lösung, um den Stall weiter nutzen zu können», erklärt Stefan Süess. Mit 200 000 Franken seien die Investitionen für die Fischzucht-Anlage, die jährlich rund 6 Tonnen Zander abwirft, tragbar. «Der Bau einer Pouletmast-Anlage würde mich gegen eine Million Franken kosten.»

Bäuerliche Kritik am Kanton

Doch mit den Barschen auf dem Bauernhof ist es so eine Sache. Denn vor dem Gesetz sind nicht alle Tiere gleich: Weil Fische laut Landwirtschaftsgesetz keine Nutztiere sind, ist deren Zucht in der Landwirtschaftszone verboten. Der Kanton hat deshalb das Baugesuch von Stefan Süess abgelehnt. Die bereits angelieferten Einzelteile der Fischbecken stehen deshalb immer noch ungenutzt vor dem Stall.

Stefan Süess versteht das Nein des Kantons nicht. «Auch wenn die Fischzucht nicht zonenkonform ist, könnte der Kanton die Anlage unter strengen Auflagen bewilligen.» Das Gesetz sehe Ausnahmen vor. «Immer wird gesagt, wir Bauern müssten innovativ sein – und wenn wir es sind, werden uns Steine in den Weg gelegt.»

Auch Ralf Bucher, Geschäftsführer des Aargauer Bauernverbandes, hat Mühe mit dem Entscheid. «Das Baudepartement hat zu streng nach den Buchstaben des Gesetzes entschieden und den Spielraum nicht ausgenutzt.» Bucher verweist auf den Kanton Luzern: Dieser erlaubt Fischzuchten in bestehenden Bauten auf Landwirtschaftsland unter strengen Auflagen. Im Kanton Zürich sind ähnliche Bestrebungen im Gang.

Bucher: «Luzern hat ein Konzept erstellt und steht hinter der Fischzucht.» Seit zwei Jahren seien mehrere Anlagen in Betrieb. «Der Aargau soll sich an Luzern orientieren und die Gesetze so auslegen, dass auch unsere Bauern im Stall Fische züchten können.» Der CVP-Grossrat hat deshalb gestern mit drei Ratskollegen – darunter Bauernpräsident Alois Huber (SVP) – eine entsprechende Motion eingereicht.

Sind Bauern gute Fischzüchter?

Mit dem Druck auf politischer Ebene will der Bauernverband nicht nur Stefan Süess unterstützen. Laut Ralf Bucher sind ein Dutzend weitere Bauern im Kanton an einer Fischzucht interessiert. «Der Fischkonsum in der Schweiz steigt und immer mehr Ställe stehen leer.» Fische würden zudem perfekt zur Landwirtschaft passen: «Man hört, sieht und riecht nichts.»

Als Futterverwerter seien Fische unschlagbar, weil kaum Abfall anfällt. «Etwa 1,1 Kilo Futter gibt 1 Kilo Fisch.» Bei Schweinen sei das Verhältnis 3:1, bei Rindern 7:1. Zudem sei der Zander ein beliebter Speisefisch, der in der Schweiz immer weniger gefangen werde und zu einem guten Preis verkauft werden könne.

Das Interesse mehrerer Aargauer Bauern an der Fischzucht dürfte damit zusammenhängen, dass der Anbieter der Anlagen in Klingnau tätig ist: Die Zurzibieter Wassertechnik-Firma Tegatec stiess auf diese Nische, nachdem das Geschäft mit Zucht und Verkauf von japanischem Koi-Fisch unrentabel geworden war (die az berichtete). «Ich war schockiert, als ich sah, wie sich die Landwirtschaft verändert», sagt Tegatec-Chef Bernhard Kaufmann. «Ausser der Geflügelzucht ist fast alles infrage gestellt.» Kaufmann entwickelte deshalb die Fischzuchtanlage für den Stall.

Doch können Bauern, die ein Händchen für Schweine und Kühe haben, auch mit Fischen richtig umgehen? Der in der Schweiz obligatorische sechstätige Kurs für Fischhalter hat den Ruf einer Schnellbleiche. Bernhard Kaufmann bietet deshalb Praktika für die weitere Betreuung der Bauern an.

Stefan Süess, der den Bauernhof hoch über Dintikon in dritter Generation führt, ist überzeugt, mit der Fischzucht den richtigen Weg zu gehen. Überzeugt sind in der Zwischenzeit auch seine Eltern, die mit über 80 Jahren immer noch tatkräftig auf dem Hof mitanpacken – und zuerst Mühe hatten, dass die Kühe vom Hof verschwunden sind. «Die Landwirtschaft ist im Wandel», sagt Stefan Süess. «Und wir müssen uns wandeln.»

Aktuelle Nachrichten