Seengen

Bauboom und steigende Mieten: Seengen schreitet in Richtung Goldküste

Frau Gemeindeammann Nelli Ulmi (Mitte) führte am Samstag die Neuzuzüger durch Seengen.

Gemeinsam vorwärts:

Frau Gemeindeammann Nelli Ulmi (Mitte) führte am Samstag die Neuzuzüger durch Seengen.

Die Gemeinde Seengen ist innert zehn Jahren um 1000 Einwohner gewachsen. Der Bauboom treibt die Bodenpreise weiter in die Höhe. Junge Einheimische klagen über steigende Wohnkosten.

Schöne Landschaft, solide Infrastruktur, gute Schulen, tiefer Steuerfuss, einfach schön wohnen – fragt man Frau Gemeindeammann Nelli Ulmi, warum immer mehr Menschen nach Seengen ziehen, dann sprudeln die Superlative nur so aus ihr heraus. Und die Zahlen geben Ulmi recht: Innert zehn Jahren ist die Seenger Bevölkerung um rund 1000 Personen gewachsen, Ende 2011 waren 3556 Einwohner gemeldet.

Ein Wachstum, das immer mehr an Fahrt gewinnt: Noch nie hat die Gemeindekanzlei so viele Einladungen für den Neuzuzügertag verschickt, der vorgestern Samstag wie gewohnt im Zweijahres-Rhythmus stattfand. Eingeladen waren 521 Personen. «In dieser Zeit sind aber auch viele Leute weggezogen», relativiert Nelli Ulmi diesen Rekord.

Bauernhöfe und grüne Wiesen verschwunden

Das Wachstum eröffnet der Hallwilersee-Gemeinde mit einem Steuerfuss von 84 Prozent Chancen, birgt aber auch Gefahren. Es droht der Verlust der dörflichen Identität. Wo vor Jahren Bauernhöfe standen und Kühe weideten, verlaufen nun ganze Strassenzüge mit Wohnsiedlungen. Statt Einfamilienhäuser werden vermehrt Mehrfamilienhäuser gebaut. Auffällig viele der neuen Stockwerkeigentümer und Mieter sind pensioniert.

Das verdichtete Bauen bremst zwar die Zersiedelung, beeinflusst aber auch das Dorfbild. Damit haben nicht nur alt eingesessene Seenger Mühe. Das Dorf werde zubetoniert, hört man vor dem Volg, und ein älterer Mann fordert, dass endlich gehandelt wird.

Kein Wachstum um jeden Preis

Solche Stimmen hört auch der Gemeinderat. «Wir können aber niemandem verbieten zu bauen», sagt Nelli Ulmi dazu. «So lange Bauland vorhanden ist und verkauft wird, so lange wird gebaut.» Ulmi lässt aber durchblicken, dass es Grenzen gebe. «Wir wollen kein Wachstum um jeden Preis, sondern ein Dorf, wo man sich noch kennt.»

Dem Gemeinderat ist es deshalb wichtig, dass die Neuzuzüger integriert werden; vor allem über die Schule, Vereine und Nachbarschaft. «Eine gute Gelegenheit sind die Jugendfest-Vorbereitungen in den Quartieren», sagt Ulmi. Der Gemeinderat selbst setzt auf den Neuzuzügeranlass. Dieser war am Samstag auch ein Gradmesser für die Integrationsbereitschaft: Von den 521 geladenen Neuzuzügern zeigten knapp 100 Personen Interesse.

Obwohl derzeit weniger Baukräne über Seengen thronen als in den vergangenen Jahren, scheint ein Ende des Baubooms in weiter Ferne. Bauland ist noch genügend vorhanden und weitere Einzonungen derzeit kein Thema. Nelli Ulmi ist für die Zukunft zuversichtlich: «Wir sind mit unserer Infrastruktur gut gerüstet.»

Sorge bereitet der Frau Gemeindeammann aber der Druck auf die Grundstückpreise, die an Top-Lagen bis auf 1500 Franken pro Quadratmeter gestiegen sind. Auch im Dorfkern haben die Mieten angezogen, was bereits junge Einheimische in Bedrängnis bringt.

Wird Seengen damit immer mehr zur Seetaler Goldküste? «Es wird sicher nicht günstiger», sagt Ulmi. «Wir müssen leider befürchten, dass es normalverdienende Familien in Zukunft in Seengen schwer haben werden.»

Lesen Sie in der gedruckten Ausgabe der az Aargauer Zeitung vom Montag, 27. August, was die Seenger Bevölkerung zum Wachstum sagt.

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