Lenzburg
Bärenfett, Aschenlauge und Halsgeige – eine Reise zurück ins Mittelalter

Die Burg über Lenzburg im Festfieber: Bis am Sonntagnachmittag kann man noch einmal Mittelalterluft schnuppern auf dem Schloss Lenzburg.

Peter Weingartner
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Verarztung des Verunfallten
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Die Burg im Festfieber: Mittelalterluft schnuppern auf dem Schloss Lenzburg
Junge Steinmetze an der Arbeit
Die Brotdiebin aiuf ihrem Gang der Schande in der Halsgeige
Die Halsgeige wird montiert
Die Bäuerin müsste ein Huhn abgeben
Das Essen für die Herrschaften
Der Bote hilft beim Service
Der Bader hilft mit Bärenfett

Verarztung des Verunfallten

Peter Weingartner

Ob Schröpfkur oder Aderlass, auf Bader Magnus ist Verlass», verkündet vollmundig der Bader, also der mittelalterliche Medicus. 60 Ingredienzien hat sein Wundertrank gegen jedes Übel; das Viperfleisch übertönt der Mann mit Honig. Und manchem Herrn mit schütterem Haar streicht er Bärenfett an die Stirn und verspricht einen Haarwuchs wie Samson, falls er den Kopf bis Weihnachten nicht wäscht. Was macht Kinderzähne weiss: Froschfett!

Auf der Lenzburg ist bis heute Nachmittag, 17 Uhr, Mittelalter zu erleben, und zwar in Handlung, Wort und Musik. Da wird plagiert und intrigiert: Wie der Bader die Kräuterfrau Berta schlechtredet, so heisst die Kräuterfrau ihren Konkurrenten Quacksalber. Während die eine Löwenzahnwurzeln umgehängt hat, trägt der andere einen Walrosszahn. Behaupten kann man alles.

Das Spektakel beginnt bereits beim Parkplatz, wo die arme Bäuerin um ihr Huhn Mildred bangt, das sie dem Landvogt abgeben sollte. «Versteck es doch!», sagt die vierjährige Hanna. Und vor dem Eingang bittet die Bettlerin um ein Almosen. Sie bleibt ausgesperrt, dabei möchte sie doch nur den schönen Landvogt sehen und als Magd etwas verdienen.

Man erwartet hohen Besuch aus Bern auf dem Schloss. Da muss der Saustall eine Gattung machen; die Wäscherinnen haben alle Hände voll zu tun, den Schmutz mithilfe von Aschenlauge aus den Tüchern zu bringen. Zum Glück helfen viele Kinder mit. Und die Wappenmalerin aus Aarau muss noch das Berner Wappen an die Wand malen. Auch der Steinmetz hat eine Aufgabe: Er soll einen neuen Wasserspeier aus dem Stein hauen.

Gehörig ins Schwitzen kommen die Frauen aus der Küche, denn die Familie des Landvogts will gegessen haben. Nach einer Gemüsesuppe gibts am Freitag «gottgefällig» Forellen aus dem Aabach an einer rosaroten Knoblauchsauce. Landvogt Johann meint: «Knoblauch erhält gesund an Leib und Seele.» Was übrig bleibt, darf das Besuchervolk probieren. Ein Ohr voll kann es auch von der Musik der Lenzburger Spielleute nehmen, die so wunderliche Instrumente wie Krummhorn, Pommer und Schalmei zum Klingen bringen.

Die Kinder helfen mit beim Decken des Saustalls, beim Steinhauen oder bei der Verarbeitung der Schafwolle: Karden, Spinnen. Und sie können auch einen Blick ins Gefängnis werfen, wo eine Magd sitzt, die Brot gestohlen haben soll. Der Wächter zeigt die Daumenschrauben und ein Eisenstück, mit welchem Verbrecher gebrandmarkt wurden. Die Magd will nicht gestehen, doch gilt sie als überführt. Wobei die Tatsache, dass es sich um schimmliges Brot gehandelt habe, strafmildernd wirkt. In der Halsgeige, einer Art mobiler Pranger, wird sie zweimal auf eine Runde durch den Schlosshof geführt. Ein Gang, auf dem sie, so der Landvogt, «ausgebuht und mit Rossäpfeln beworfen» werden darf. Was freilich niemand macht, denn die Sympathie liegt bei der armen Magd.

Plötzlich ertönt ein Schrei: Dem Hilfsarbeiter ist ein Holzbrocken auf den Fuss gefallen. Simuliert er bloss? Der Bader gibt ihm Wasser und ruft dann nach der Kräuterfrau. Aha.

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