Bezirksgericht Lenzburg
Banker auf beliebter Raserstrecke mit 145 km/h geblitzt: «Habe eine Überheblichkeit empfunden»

Auf der Strecke zwischen Hunzenschwil und Suhr sind oft Raser unterwegs – zum Beispiel der Töfffahrer, der deswegen kürzlich vor der Richterin stand.

Janine Gloor
Drucken
Teilen
Die Strecke zwischen Hunzenschwil und Suhr scheint bei Rasern beliebt zu sein – die Polizei misst hier regelmässig Tempoexzesse.

Die Strecke zwischen Hunzenschwil und Suhr scheint bei Rasern beliebt zu sein – die Polizei misst hier regelmässig Tempoexzesse.

Ueli Wild

Die Strasse zwischen Hunzenschwil und Suhr macht eine sanfte Linkskurve und fällt leicht ab. Eine Strecke, die zum Rasen prädestiniert ist. An einem Sonntag im Mai 2017 nahm die Polizei nach einem Tuningtreffen im Wynecenter hier gleich vier Rasern den Führerausweis ab.

Ein BMW-Fahrer wurde mit 153 Kilometern in der Stunde geblitzt. Einen Monat später erwischte die Polizei einen Temposünder, der mit seinem Porsche 911 Turbo S mit 154 Stundenkilometern von Hunzenschwil nach Suhr bolzte.

Hunzenschwil–Suhr: Notorische Raserstrecke?

In den letzten Jahren ist es auf der Strecke zwischen Hunzenschwil und Suhr zu mehreren massiven Geschwindigkeitsübertretungen gekommen, die Gerichtsurteile zur Folge hatten. Gehört der Strassenabschnitt zu den bekannten Raserstrecken in der Region, wie etwa die berühmt-berüchtigte Strecke durch den Boowald bei Vordemwald? Oder die kurvige und hüglige Strasse zwischen Ammerswil und Lenzburg? Oder die Passstrecke über die «Wampfle»? Die Kantonspolizei Aargau kann dazu keine Angaben machen. «Wir haben letztes Jahr im ganzen Kanton etwa 130 Geschwindigkeitskontrollen durchgeführt», sagt Mediensprecherin Barbara Breitschmid. Dabei sei es zu rund 200 Anzeigen gekommen. Doch eine Statistik zu einzelnen Strecken gebe es nicht. «Wir können keine Strassen nennen, die als spezielle Raserstrecken bekannt sind.»

Aufschlussreich sind jedoch Medienmitteilungen über Tempoexzesse, die die Kapo veröffentlicht. Die folgenden Geschwindigkeiten wurden in der Region im Ausserortsbereich (Tempolimit: 80 km/h) gemessen:

- 27.8.2017, Hunzenschwil–Suhr: 154, 153, 148, 131, 120, 119 und 115 km/h

- 25.6.2017, Hunzenschwil–Suhr: 154, 120 und 119 km/h

- 21.5.2017: Suhr–Hunzenschwil: 165, 153, 131 und 128 km/h

- 24.7.2016: Luzernerstrasse Moosleerau: 128, 124, 118 und 116 km/h

- 15.5.2016, Hunzenschwil–Suhr: 145 km/h

- 9.5.2016 Benkerjoch: 121 km/h

- 16.4.2016: Muhen–Hirschthal: 158 km/h; Seon–Lenzburg: 134 km/h;

- Egliswil–Seengen: 139 km/h

- 20.12.2015, Suhr–Hunzenschwil: 134, 121 und 118 km/h

- 5.11.15, Seengen–Egliswil: 145 km/h

- 10.8.2015, Böhler: 127 km/h

- 30.5.2015, Suhr–Hunzenschwil: 157 km/h

(JGL/NRO)

Aufgrund des Raserartikels wurden beide Fahrer zu bedingten Freiheitsstrafen (15 und 14 Monate) und einer Busse von je 3000 Franken verurteilt.

Der nächste Gerichtsfall zu einer Tempoüberschreitung auf der Strecke Hunzenschwil–Suhr liess nicht lange auf sich warten: Auch Töfffahrer Antonio (Name geändert) aus der Region Lenzburg war auf diesem Strassenabschnitt zu schnell unterwegs. Viel zu schnell.

Mit 145 Stundenkilometern bretterte er von Hunzenschwil in Richtung Suhr, wo er seine Eltern besuchen wollte. Nach Abzug der Toleranzmarge waren es immer noch 61 km/h zu viel. Ausserorts gilt eine Tempoüberschreitung ab 60 Kilometern in der Stunde als Raserdelikt.

Erste Fahrt nach Winterpause

Im karierten Hemd, dem farblich passenden Pullunder und angegrauten Schläfen sitzt Antonio der Gerichtspräsidentin gegenüber. Sein Stuhl bei einer Privatbank in Zürich, wo er arbeitet, scheint besser zu ihm zu passen als sein Feuerstuhl; eine Yamaha YZF-R1. Im Mai 2016 war er zum ersten Mal nach der Winterpause wieder mit dem Töff unterwegs und musste ihn nach der Geschwindigkeitskontrolle ausgangs Hunzenschwil gleich abgeben, zusammen mit seinem Führerausweis.

In der verordneten verkehrspsychologischen Therapie hat Antonio die Gründe für seine Raserei gesucht. «Ich habe nicht auf den Tacho geschaut. Die Umgebung war mir bekannt, ich habe die Geschwindigkeit bagatellisiert.» Das Töfffahren habe ihm geholfen, nach einem Tag im Geschäft herunterzukommen, wie er vor Gericht sagt.

Am besagten Tag im Mai war die Strasse leer. Und doch macht ihm heute der Gedanke, dass er jemanden hätte gefährden können, zu schaffen. «Ich möchte nie im Leben dafür verantwortlich sein, anderen Personen geschadet zu haben oder gar in einen tödlichen Unfall verwickelt zu sein», sagt er. Trotzdem war er mit 145 Stundenkilometern unterwegs. «Warum?», will die Gerichtspräsidentin wissen. «Ich habe subjektiv eine Überheblichkeit empfunden», sagt Antonio. Er fahre heute anders als früher. Seine beiden Autos hat er verkauft, ins Geschäft fährt mit dem öffentlichen Verkehr und ist überrascht, wie gut das geht.

Ein Gutachten und zwölf Therapiesitzungen später hat er das Billett wieder erhalten – ohne Auflagen. Das beschlagnahmte Motorrad möchte er auch wieder zurück. «Der Töff hat für mich ideellen Wert», sagt er. Er habe die Yamaha mit seinem Bruder gekauft, Antonio hängt am Bruder und am Töff. Sein Verteidiger plädiert darauf, dass eine Einziehung der Yamaha unverhältnismässig sei, zumal dies nur bei einer groben Verkehrsregelverletzung möglich sei. Antonio könne kein skrupelloses Verhalten nachgewiesen werden. Auch eine Gefängnisstrafe von einem Jahr sei zu hoch.

Das Urteil des Gerichts fiel gleich aus wie bei den Autofahrern, die vor Antonio von Hunzenschwil nach Suhr gerast sind: Eine bedingte Freiheitsstrafe von 12 Monaten und eine Busse von 3000 Franken mit einer Probezeit von drei Jahren. Den Töff darf Antonio wieder abholen.

Aktuelle Nachrichten