Mühlematt

Bald verschwindet Mühlematt-Turnhalle

Auch der «Pilatus-Pavillon», das Schulbau-Provisorium von 1973, muss dem Schulhausneubau weichen. HH.

Auch der «Pilatus-Pavillon», das Schulbau-Provisorium von 1973, muss dem Schulhausneubau weichen. HH.

Die Turnhalle hat ausgedient. Mit dem über 50-jährigen Bau ist auch der Wandschmuck dem Abbruch geweiht.

Das Schicksal der Mühlematt-Turnhalle scheint bereits besiegelt: Noch bevor das Lenzburger Stimmvolk dem 12,5-Mio.-Kredit für den Neubau des Schulhauses Mühlematt, 1. Etappe, per obligatorische Referendumsabstimmung am 13. Februar den Segen gegeben hat, wird vom Stadtbauamt das «Baugesuch» für den Abbruch eingereicht.

Die öffentliche Auflage dauert bis 24. Januar 2011; mit Einsprachen ist kaum zu rechnen. Gleichzeitig soll auch der «Pilatus-Pavillon» eliminiert werden. Beide betagten Gebäude müssen dem Neubau von zusätzlichem Schulraum im Angelrain-Areal weichen. Der Einwohnerrat hat dem Projekt «Panama» des Basler Büros Nord Architekten GmbH samt Verpflichtungskredit an seiner Sitzung vom 2. Dezember 2010 mit 26 Ja und 9 Enthaltungen zugestimmt.

Neubau diesen Sommer

Bis die Mühlematt-Turnhalle dann wirklich rückgebaut wird, dauert es noch eine Weile. Primär gilt es natürlich, die Volksabstimmung abzuwarten. Dann folgt die Submission zur Vergabe der Abbrucharbeiten, was bis im Frühling der Fall sein sollte. Gemäss Auskunft von Stadtbaumeister Richard Buchmüller wird der Start zum Schulhaus-Neubau wohl im Juni dieses Jahres erfolgen, der Bezug ist auf Februar 2013 vorgesehen.

Turnhalle und Versammlungslokal

Die Mühlematt-Turnhalle ist ein Projekt des seinerzeit landesweit bekannten Lenzburger Architekten Richard Hächler. Von dessen für jene Zeit avantgardistischem Baustil ist in diesem Fall allerdings wenig zu spüren.

Wie er im Lenzburger Neujahrsblatt 1953 zur Einweihung der Baute am 26. April 1952 schreibt, ist diese «nach einer – als Folge der Hochkonjunktur – ungewöhnlich langen Bauzeit auf Ostern fertiggestellt worden».

Damit sei «ein Werk zur Vollendung gekommen, das seit vielen Jahren nicht nur die direkt interessierten Kreise, sondern auch den Gemeinderat und die ganze Bürgerschaft immer wieder beschäftigt hat».

Platzwahl nicht gegeben

Indes war «der Gedanke, die neue Turnhalle auch für Gemeindeversammlungen verwenden zu können und damit das Programm für einen ebenfalls seit Jahrzehnten geforderten neuen Saalbau wesentlich zu entlasten, der Verwirklichung des Turnhallebaues ausserordentlichgünstig».

Die Platzwahl, so Hächler weiter, war nicht ohne weiteres gegeben, und das zur Verfügung stehende Schulareal eher knapp. Die Gemeindeversammlung vom 27. Juni 1949 entsprach mit grossem Mehr den Anträgen des Gemeinderates.

Baustart bewusst hinausgeschoben

«Es war damals die Zeit, da nach einer längeren Periode steigender Preise ein Rückschlag eingetreten war», begründet Architekt Richard Hächler den bewusst hinausgeschobenen Baubeginn. Die Überlegung der Behörden war, bei einer allfälligen Krise sofort ein grösseres baureifes Projekt ausführen zu können, «dann aber auch, um von der sinkenden Preistendenz im Interesse des Stadtsäckels resp. der Steuerzahler möglichst zu profitieren».

Und Hächler fügte hinzu: «Den kommenden Korea-Krieg und den dadurch bedingten plötzlichen Konjunktur-Umschwung konnte niemand voraussehen.»

Fazit: Nachdem im Herbst 1950 mit den Bauarbeiten begonnen worden war, «musste der Baufortschritt unter den neuen Verhältnissen, speziell unter dem zeitweise katastrophalen Mangel an Arbeitskräften leiden. Daraus erklärt sich die abnormal lange Bauzeit.»

Auf der Galerie sass die Opposition

Die Mühlematt-Turnhalle beherbergt zwei Hallen von je 14,20 auf 25 Meter, die eigentliche Turnhalle im Parterre ist sechs Meter hoch. Der Korklinoleumboden basiert auf einer gut federnden Unterlage, die Decke ist teilweise mit Akustikplatten verkleidet «zur Vermeidung des unangenehmen Nachhalles».

Die Schwing- und Athletikhalle im Untergeschoss ist 4,50 Meter hoch und hat einen Boden aus Holzpflästerung. «Diese robuste Ausführung erlaubt neben dem eigentlichen Zweck auch die Verwendung dieses Raumes und der anschliessenden Nebenräume als Truppenkantonnement», hält Hächler fest.

Platz für 300 Personen

In einem Zwischengeschoss liegen Garderoben, Wasch- und Duschenraum. Im Parterre waren neben der geräumigen Eingangshalle ein Raum für Handfertigkeitsunterricht, das Lehrer- und Sanitätszimmer untergebracht.

Über diesen Räumen befand sich eine grosse Galerie, die zusätzlichen Platz für rund 300 Personen bot. «Damit werden in Zukunft die Bürger vollzählig zur Gemeindeversammlung erscheinen können, ohne befürchten zu müssen, keinen Platz mehr zu finden», merkte der Architekt stolz an. Wer noch die Lenzburger Gemeindeversammlungen erlebt hat, erinnert sich, dass damals die Opposition von der Galerie herab lautstark dem Stadtrat weit drunten im Saal die Leviten las.

Schulsekretariat eingebaut

«Im Rahmen von Sofortmassnahmen zur Überwindung des Schulraummangels» wurden 1991 auf der Empore der Turnhalle Mühlematt Räume für das Schulsekretariat sowie für den Sprachheilunterricht und die Materiallagerung hergerichtet. Das Schulsekretariat war vorher im Angelrainschulhaus untergebracht. Die Turnhalle wurde vor einigen Jahren notdürftig saniert.

«Was das Äussere betrifft, so war man bemüht, den neuen Turnhallebau seiner Umgebung harmonisch einzufügen und ihm auch farbig jene fröhliche Note zu geben, die zum modernen Sportbetrieb gehört», schrieb Architekt Richard Hächler im Neujahrsblatt.

Auch «Pilatus-Pavillon» muss weg

Dem Schulhaus-Neubau muss auch der so genannte «Pilatus-Pavillon» weichen, das älteste von mehreren Schulraum-Provisorien im Angelrain-Areal. Der zweistöckige Bau wurde im Schuljahr 1973/74 in Betrieb genommen, dafür hatte die Gemeindeversammlung im Dezember 1971 einen Kredit von 403 000 Franken gesprochen.

Die Bezeichnung «Pilatus» rührt von der damaligen Aussentreppe in das Obergeschoss her, welche als Occasion von den Pilatus-Flugzeugen übernommen werden konnte und diese Aufschrift trug.

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