Dintikon

Bald Fisch aus dem Kuhstall? Bauer Süess sattelt um wegen Milchpreis

Renato Gsell (links) und Stefan Süess schütten ihre 9000 Zander zuberweise ins Zuchtbecken im Dintiker Industriegebiet.

Renato Gsell (links) und Stefan Süess schütten ihre 9000 Zander zuberweise ins Zuchtbecken im Dintiker Industriegebiet.

Landwirt Stefan Süess ist seit gestern Zander-Züchter. Auch andere Bauern setzen auf die Fisch-Karte - zu unrentabel ist die Milchwirtschaft geworden. Doch bis im Stall Fische statt Kühe stehen, muss die noch die Politik vorwärts machen.

Immer mehr Ställe auf Schweizer Bauernhöfen stehen leer, weil die Viehwirtschaft wegen der sinkenden Milchpreise nicht mehr rentiert. Auch der Dintiker «Berghof»-Bauer Stefan Süess hat seine 28 Kühe im August 2014 verkauft.

Seit 1930 hatte zuerst sein Grossvater, dann sein Vater auf dem «Berghof» Viehwirtschaft betrieben. Bauer Süess geht nun einen neuen Weg. Statt um seine 28 Kühe kümmert er sich seit gestern Morgen um 9000 Zander, die er gemeinsam mit Renato Gsell züchten und später als Speisefische an lokale Restaurants verkaufen will. (siehe Box)

18.11.2015: Fisch, frisch vom Bauernhof

Der Klingnauer Bernhard Kaufmann hat eine Marktlücke entdeckt. Der Erfinder der Fischzucht würde gern Bauern überzeugen, es ihm gleichzutun. (19.11.2015)

Der Milchbauer als Fischzüchter? So abwegig ist die Idee gar nicht. «Die Politik fordert von uns Bauern, wir müssten innovativ sein. Zudem ist es doch schade, wenn mein Stall auf Dauer leer steht», erklärt Süess. Das Problem dabei: Fische sind laut hiesigem Gesetz keine Nutztiere. In einer Landwirtschaftszone eine Fischzucht zu betreiben, ist daher im Kanton Aargau nicht erlaubt.

Fische sind flexibler als Kühe

Damit das Abenteuer «Fisch Farm Berghof» trotzdem losgehen kann, haben Süess und Gsell im Dintiker Industriegebiet eine leerstehende Tiefgarage gemietet. Die 18 Wasserbecken, die hier in einem abgedunkelten Raum stehen, wurden gestern pünktlich um 10.30 Uhr mit Leben gefüllt. Zuberweise schütteten die beiden Fischfarmer ihre aus Holland angelieferten Zander ins 22 Grad warme Wasser. Hier werden die Fische über die kommenden sechs Monate mit einer vollautomatischen Fütterungsanlage aufgepäppelt. 99-mal pro Tag schüttet der Apparat eine Mischung aus Fischmehl, Sojakuchen, Weizen und Maisgluten ins Wasser.

Bernhard Kaufmann: «Fisch ist eine Alternative in der Landwirtschaft» (19.11.2015)

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Bernhard Kaufmann hat eine Marktlücke entdeckt. Der Klingnauer züchtet in seinem Betrieb Fische und erklärt, dass dies Sinn macht - auch weil beim Fisch in der Schweiz 96 Prozent importiert werden.

Und weils die Zander gerne dunkel, ruhig und warm haben, bleibt das Licht ganztags aus und das Wasser stets gleich warm. Was bleibt da für die Fischzüchter überhaupt noch zu tun? «Wir haben etwa eine Stunde Aufwand pro Tag, kontrollieren die Anlage und füllen Futter nach», erklärt Süess. Einmal monatlich muss er die Zander zudem der Grösse nach sortieren und in die entsprechenden Becken verteilen. «Aber es stimmt schon: Die Fische sind viel flexibler als die Kühe. Ihnen ist es egal, ob ich am Morgen, am Mittag oder am Abend vorbeischaue», sagt Süess und schüttet den nächsten Zander-Zuber ins Zuchtbecken.

Töten statt Streicheln

Der Landwirt hofft darauf, dass sich die Gesetzeslage im Aargau bald ändert und er seine Fischzucht in den leerstehenden Viehstall auf dem «Berghof» zügeln kann. Ob er aber jemals eine ähnliche Beziehung zu seinen 9000 Zandern aufbauen kann, wie er sie zu seinen 28 Kühen hatte, das bezweifelt er. «Ich kann den Fischen ja kaum allen einen Namen geben, und das mit dem morgendlichen Streicheln wird auch ziemlich schwierig», sagt Süess und schaut in die braun-schwarze Masse, die neben ihm im Zuchtbecken herumschwadert. Vielleicht sei das aber auch besser so. Schliesslich müsse er die Fische in rund sechs Monaten mit einem Elektroschlag betäuben und mit einem Kiemenschnitt töten. Da wäre eine emotionale Bindung dann eher hinderlich.

Alle zwei Wochen möchten Süess und Gsell in Zukunft frische Fische an lokale Restaurants liefern. In rund drei Jahren wollen sie einen Schritt weitergehen. Statt importierte Zander grosszuziehen, möchten sie die Fische dereinst selber züchten. Sollte ihnen das gelingen, wäre die Region um eine kulinarische Spezialität reicher: Schweizer Zander, frisch vom Bauernhof.

Lesen Sie hier den Kommentar zum Thema.

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