Lenzburg
Baggerführer greift Bauarbeiter mit Baggerschaufel an - das Opfer erscheint mit Spaten zum Prozess

Wieso ein Streit auf der Baustelle vor Gericht endet und eines der Opfer mit einem Werkzeug zum Prozess in Lenzburg erscheint.

Manuel Bühlmann
Merken
Drucken
Teilen
Baggerschaufel (Symbolbild)

Baggerschaufel (Symbolbild)

Janine Müller

Der Mann mit der roten Baseballkappe läuft mit dem Spaten in der Hand ins Lenzburger Gerichtsgebäude, stellt diesen zu Prozessbeginn neben sich an den Tisch, später wird er ihn vorne auf das Richterpult legen. Ein Werkzeug, das an jenem Augusttag des letzten Jahres zu einer Tatwaffe geworden ist. Attackiert wurden damit der Mann mit der Kappe und sein Arbeitskollege, beide Bauarbeiter.

Die zweite Tatwaffe, die damals auf einer Baustelle in Seengen zum Einsatz kam, liess sich schlecht zum Prozess mitbringen: die Schaufel eines Baggers. Der Beschuldigte, ein 50-jähriger Baggerführer, muss wegen mehrfacher qualifizierter einfacher Körperverletzung vor dem Bezirksgericht Lenzburg erscheinen. Er habe das eine Opfer «durch eine Bewegung mit dem ganzen Baggerarm mit der Baggerschaufel» umgestossen, steht in der Anklageschrift. Später sei er zudem mit einem Spaten (oder genauer: einem Schaufelschaber) auf die beiden Männer losgegangen und habe einen von ihnen damit am Oberarm verletzt.

Ein Streit, zwei Versionen

Doch vom eskalierten Baustellen-Streit existieren zwei unterschiedliche Versionen. Jene des beschuldigten Baggerführers, die er in einem Gemisch aus Schweizerdeutsch und vom Dolmetscher übersetztem Albanisch wortreich darlegt, lautet in der Kurzversion: Die beiden Bauarbeiter hätten mit ihren Fahrzeugen die Strasse blockiert, auf der er Kies ausladen musste. Er habe sie aufgefordert wegzufahren, worauf es zum Wortgefecht gekommen sei. Als ihn die Kontrahenten am Bein aus der Bagger-Kabine hätten ziehen wollen, sei versehentlich Kies auf den Anhänger gefallen. Er habe niemanden mit der Baggerschaufel getroffen, versichert der Beschuldigte. «Dazu hatte ich gar keinen Grund.»

Sein Mandant weise die Vorwürfe in Bezug auf jegliche Attacken zurück, betont der Verteidiger und fordert einen Freispruch. Vielmehr habe er aus Angst vor den beiden Männern zum Spaten gegriffen.

Von «Todesangst» spricht hingegen der Mann mit der roten Baseballkappe, die er auch bei der Befragung nicht auszieht. «Wer das macht, soll dafür bestraft werden – vor allem, wenn es grundlos geschieht», sagt der Angegriffene, dem das blaue Shirt über dem breiten Kreuz spannt. Der Beschuldigte habe ihn geschlagen. Er habe ausweichen können, weshalb er statt am Kopf am Oberarm getroffen worden sei. «Ich habe ihn danach entwaffnet und auf den Boden gedrückt.» Als er von der Gerichtspräsidentin gefragt wird, womit ihn der Beschuldigte angegriffen habe, steht der Gefragte auf, holt den Spaten und legt ihn auf ihr Pult.

«Wir sind nicht in Amerika»

In der Urteilsbegründung sagt Gerichtspräsidentin Eva Lüscher: «Nimmt man den Schaufelschaber in die Hand, merkt man, dass damit erhebliche Verletzungen zugefügt werden können.» Der Baggerführer wird wegen mehrfacher qualifizierter einfacher Körperverletzung zu einer bedingten Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 100 Franken sowie einer Busse von 3000 Franken verurteilt. Sie habe keine ernsthaften Zweifel, dass sich der Vorfall so abgespielt habe, wie er in der Anklageschrift geschildert wird, begründet die Gerichtspräsidentin den Entscheid.

Eine Genugtuung, wie sie der Mann mit der roten Baseballkappe im Unterschied zum anderen Opfer gefordert hatte, gibt es trotzdem nicht. Keine Nachwirkungen, keine Arbeitsunfähigkeit, keine Nachbehandlungen, zählt Lüscher auf. «Wir sind nicht in Amerika.» Ohne die 10 000 Franken, dafür mit dem Spaten in der Hand macht er sich wieder auf den Heimweg.