Rupperswil
Auto, Mail, Büro: Wie die Polizei Metger nach Vierfachmord ausspionierte

Georg Metger, Angehöriger der Mordopfer von Rupperswil, war nach der Tat schnell Verdächtiger der Polizei. Nun wird bekannt, wie weit die Beschattung ging.

Andreas Maurer
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Georg Metger wurde nach dem Mord von der Polizei überwacht. (Archiv)

Georg Metger wurde nach dem Mord von der Polizei überwacht. (Archiv)

Hannes Kirchhof

Georg Metger (50) wusste, dass er unter Verdacht stand. Doch er ahnte nicht, wie umfangreich die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelte. Metger war der Partner von Carla Schauer, die mit ihren zwei Söhnen und der Freundin des Älteren am 21. Dezember 2015 in Rupperswil ermordet worden war. Im Mai 2016 wurde der inzwischen verurteilte Vierfachmörder Thomas N. gefasst.

Doch erst im Oktober 2016 erhält Metger den entscheidenden Brief: eine Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft. Die Ermittler teilen ihm darin mit, dass sie gegen ihn eine Strafuntersuchung wegen mehrfacher Tötung führten und diese nach Ablauf der Beweisergänzungsfrist abgeschlossen hätten. In seinem nun erschienenen Buch schreibt Metger: «Ich bin schockiert. Bin gelähmt, ringe nach Atem.»

Die eigentliche Überraschung kommt allerdings erst danach. Der Einstellungsverfügung liegt ein Schreiben bei mit dem Titel «Mitteilung erfolgter Überwachungsmassnahmen». Metger: «Ich erfahre, dass man mich monatelang observiert hat. Schwarz auf weiss steht da, was ich nicht eine Sekunde lang geahnt habe.» Die Polizei überwachte seine Handy-, Mail- und Internetdaten sowie seinen Festnetzanschluss rund um die Uhr. Sie zeichnete jedes SMS, jedes Mail und jedes Telefongespräch auf und hielt jedes Wort in einem Protokoll fest.

Aber nicht nur das: Die Polizei montierte heimlich einen GPS-Sender an seinem Auto, mit dem sie ein Bewegungsprofil von ihm erstellte. Zudem peilte sie ihn mit einem sogenannten IMSI-Catcher an, um herauszufinden, ob er mehrere Handys besitzt. Metger wundert sich: «Warum ich erst fast fünf Monate nach der Festnahme des geständigen Täters von diesen Massnahmen erfahre, wird mir nicht mitgeteilt.»

Tausende Überwachungen

Metger ist einer von Tausenden Fällen, die von einer Amtsstelle von Simonetta Sommarugas (SP) Polizeidepartement bearbeitet werden: vom Dienst Überwachung Post- und Fernmeldeverkehr (ÜPF). In einem grauen Gebäude in Bern-Bümpliz sitzen drei Dutzend Beamte, die Aufträge von Strafverfolgungsbehörden entgegennehmen. Sie kontaktieren die Provider und teilen diesen mit, welche Nummern und Adressen zur Überwachung freigeschaltet werden müssen. Der Bundesdienst stellt die Verbindung zu den kantonalen Strafverfolgungsbehörden her, damit diese live mithören und -lesen können. Im grössten Teil der Fälle handelt es sich um Drogendelikte.

Die Zahl der Echtzeitüberwachungen des Dienstes ÜPF ist enorm: Rund 3000 sind es pro Jahr. Jedes Gerät wird dabei einzeln gezählt. Metger taucht mindestens zweimal in der Statistik auf, da von ihm Handy und Festnetz erfasst wurden. Hinzu kommen in der ÜPF-Statistik rückwirkende Überwachungen. Diese sind noch häufiger und betreffen rund 6000 Geräte pro Jahr.

Vier Ordner voller Akten

Metgers Überwachung produzierte viel Papier. Als Metger Akteneinsicht verlangt, legt ihm die Staatsanwaltschaft vier prall gefüllte Bundesordner vor. Sie dokumentieren seinen Alltag und sein Privatleben – alles fein säuberlich beschriftet. Metger staunt beim Blättern: «Auf Tausenden dicht beschriebenen Seiten wurde mein Leben bis in die hintersten Winkel durchforstet und dies auch rückwirkend.» Bereits ein halbes Jahr vor der Tat sei nichts mehr privat geblieben, kein SMS und kein Mail, das er Carla schrieb und keine ihrer Antworten. Auch alle Gedanken und Gefühle, die er im Zusammenhang mit dem Verbrechen seinen engsten Vertrauenspersonen mitgeteilt habe, seien analysiert worden.

Besonders schwierig für Metger ist, dass die Polizei Dutzende Menschen aus seinem privaten und geschäftlichen Umfeld über ihn befragte und sie mit dem Gedanken konfrontierten, er könnte ein Mörder sein. Vier Polizisten durchsuchten seinen Arbeitsplatz bei der Kantonalbank und weihten den Chef des Rechtsdienstes und einen technischen Mitarbeiter in die Ermittlungen ein. Monatelang arbeitete Metger mit den Kollegen zusammen, ohne dass sie ihm ihr Geheimnis mitteilen durften. Sie halfen mit, seine Kontobewegungen auszuwerten.

Bei anderen Banken holten die Beamten Auskünfte über mögliche heikle Kundenbeziehungen ein. Sogar Metgers ehemaliger Segellehrer wurde befragt.

Ein gläserner Bürger

Die vier Bundesordner machen Metger bewusst, wie viele elektronische Spuren er in seinem Leben hinterlässt. Ein Beispiel: Er gehe nur selten ins Casino, doch im Spielcasino Baden stiessen die Beamten auf seine Personenregistrierung. So konnten sie einen gemeinsamen Besuch von Carla und ihm rekonstruieren, obwohl er viele Jahre zurückliegt.

Wochen nach der Einstellungsverfügung, im Herbst 2016, erhält Metger einen weiteren Brief. Die Staatsanwaltschaft teilt ihm mit, die Verfügung sei nun definitiv. Und: Die Verfahrenskosten würden zulasten des Staates gehen. Metger: «Einen Moment lang bin ich versucht, mich dafür zu bedanken, dass ich meine Observierung nicht aus der eigenen Tasche berappen muss – doch dann lasse ich diese ironische Geste bleiben.»

Dass alles Erdenkliche versucht worden sei, um den Mörder zu finden, wolle er niemandem zum Vorwurf machen, schreibt Metger. «Aber das Gefühl, eine gläserne Gestalt gewesen zu sein, hinterlässt einen schalen Nachgeschmack.» Bis zum heutigen Tag versuche er mit der ungeheuerlichen Tatsache fertig zu werden, dass man ihm zugetraut habe, Carla, Dion, Davin und Simona auf dem Gewissen zu haben. Dass die Observation Monate dauerte, lasse ihn noch heute ratlos zurück.

Ein Gedanke hole ihn immer wieder ein: «Was wäre gewesen, wenn man den Mörder nie gefasst hätte? Hätte man aus den Ermittlungsergebnissen und mangels anderer Möglichkeiten Anklage gegen mich erhoben? Ich werde es nie erfahren.»

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil:

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.
45 Bilder
Als die Feuerwehr zu einem Brand in einem Haus an der Lenzhardstrasse ausrückt, können die Einsatzkräfte nicht ahnen, was auf sie zukommt.
In diesem Haus entdecken die Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen.
Wenig später nehmen Ermittler und Spurensicherung ihre Arbeit auf.
Zwei Tage nach den Morden teilt die Polizei mit: Bei den Opfern handelt es sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) ...
... sowie um die Freundin des älteres Sohnes, Simona (†21).
Rupperswil steht unter Schock. Vom Täter fehlt jede Spur.
Die Menschen im Dorf nehmen Anteil am Schicksal der Opfer: Zeichen der Anteilnahme vor dem Haus, in dem die Taten geschahen.
Viele Kerzen beim Haus der Opfer sind für diese angezündet.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnen dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs müssen rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
18. Februar 2016: Staatsanwaltschaft und Polizei informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz. Im Bild Staatsanwältin Barbara Loppacher und Kripo-Chef Markus Gisin.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Mit Flugblättern (in 7 Sprachen) sucht die Polizei nach Zeugen und Hinweisen.
Auf dem Flugblatt ist auch dieses Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, aufgenommen von einer Überwachungskamera: Sie hebt am Tattag um 9.51 Uhr Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind 9850 Franken.
Später veröffentlicht die Polizei auch dieses Bild: Carla Schauer hebt um 10.10 Uhr an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro ab.
April 2016: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst" macht Filmaufnahmen zum Mordfall von Rupperswil. Der Beitrag soll bald ausgestrahlt werden – doch dazu kommt es nicht mehr.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: "Der Täter ist gefasst. Es handelt sich um einen 33-jährigen Schweizer aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist."
Der Starbucks in Aarau: Hier nahm die Polizei Thomas N. fest.
Das ist er: Thomas N., neben dem Haus der Familie Schauer in Rupperswil. (Fotomontage)
Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren. Die Junioren, ihre Familien und die Vereinsmitglieder sind geschockt.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N. zusammen mit seiner Mutter.
Bei Thomas N. zu Hause fand die Polizei diesen Rucksack samt Utensilien. Sie liessen befürchten, dass er eine nächste Tat bereits geplant hatte.
7. September 2017: Staatsanwältin Barbara Loppacher von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhebt Anklage.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird Thomas N. als amtliche Verteidigerin vor Gericht vertreten.
Thomas N. sitzt im Gefängnis Pöschwies in Regensdorf in Haft.
Der Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg fand aus Platzgründen im Polizeigebäude in Schafisheim statt. 65 Medienschaffende und 35 Zuschauer verfolgten ihn.
Den Kopf hat er meist auf seine rechte Hand gestützt, mit Zeigfinger und Daumen hält er sich die Nasenwurzel.
Das Gericht: René Müller (SVP), Margrit Kaufmann (CVP), Schreiber Lukas Fischer, Präsident Daniel Aeschbach (SVP), Marianne Bitterli (SVP), Luca Cirigliano (SP).
Blick in den Gerichtssaal mit dem Angeklagten (rechts aussen).
Thomas N. vor Gericht.
Brief-Ausschnitt: Thomas N. schrieb den Angehörigen einen Brief – aber ohne das Wort "Entschuldigung" zu verwenden. Während des Prozesses wurde dies bekannt.
Thomas N. am ersten Prozesstag: Er spricht deutlich, verliert nie die Fassung.
Staatsanwältin Barbara Loppacher (vorne).
«Ich bin pädophil», sagt der geständige 34-Jährige vor Gericht.
Der vierfache Mörder von Rupperswil AG (Bildmitte) soll verwahrt werden. Das Bezirksgericht Lenzburg verhängte eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und ordnete eine ordentliche Verwahrung an.
Gerichtszeichung von Thomas N. bei der Urteilsverkündung am Freitag.
Gegen das Urteil erhob Thomas N. Berufung. Er wehrte sich gegen die ordentliche Verwahrung. Daraufhin erklärte auch die Staatsanwaltschaft Anschlussberufung: Sie fordert erneut eine lebenslange Verwahrung für den Vierfachmörder.
Am 13. Dezember kam es zum Prozess vor dem Aargauer Obergericht. Dieses entschied, dass der Vierfachmörder von Rupperswil ordentlich verwahrt wird, aber keine ambulante Massnahme (Therapie) erhält.
Thomas N. wohnte der Berufungsverhandlung nicht bei. Sein Gesuch, in dem er darum bat, von den Gerichtsverhandlungen dispensiert zu werden, wurde gutgeheissen.
Staatsanwältin Barbara Loppacher ist zufrieden mit dem Urteil des Obergerichts.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.

SEVERIN BIGLER