Staufen

Auswanderer: «Die Schweiz ist unsere Heimat, in Kanada sind wir daheim»

Kurt und Annette Fischer aus Staufen wanderten vor fünf Jahren mit ihren Kindern aus. 2014 berichtete sogar die TV-Doku «Auf und davon» über ihr neues Leben in Kanada. So lebt die vierköpfige Familie heute.

Der zehnjährige Päuli schmiert eine dicke Schicht Nutella auf die Brotscheibe. Die letzte, die er beim Grosi in Staufen essen wird. Die Ferien in der Schweiz sind zu Ende, die Reise geht wieder nach Hause ins über 8000 Kilometer entfernte Kanada.

Daheim ist heute für Päuli, seine achtjährige Schwester Kristin und die Eltern Kurt (43) und Annette Fischer-Piel (41) in 150 Mile House in British Columbia, 400 Kilometer nördlich von Vancouver. Vor fünf Jahren ist Familie Fischer mit Sack und Pack in den kleinen Weiler mit rund 1000 Einwohnern ausgewandert.

Das Einfamilienhaus in Staufen und Kurts Einmann-Zimmerei wurden verkauft. Mit dem Erlös kauften sie in Kanada ein zwei Hektaren grosses Stück Land mit einem grossen Haus darauf. Wie es ihnen bei der Auswanderung und in der ersten Zeit in der Ferne erging, flimmerte in der TV-Doku «Auf und davon» in die Schweizer Stuben.

Das Zuhause der Familie Fischer im kleinen Weiler 150 Mile House in British Columbia.

  

Das war 2014. Mittlerweile sind Fischers in Kanada integriert. «Wir haben uns gut eingelebt und Anschluss gefunden», erklären Annette und Kurt Fischer. Die Kinder nicken, Päuli beisst genüsslich ins Nutella-Brot. Kristin und Päuli gehen zur Schule, der Schulweg ist für kanadische Verhältnisse sehr kurz.

«Zehn Minuten Fussmarsch zum Schulbushalt an der Hauptstrasse und weitere zehn Minuten Fahrt zur Schule», erklären die beiden in bestem Schweizerdeutsch. Untereinander sprechen sie oft englisch. Zum Leidwesen der Eltern, sie legen grossen Wert darauf, dass ihren Kindern die Muttersprache nicht verloren geht.

Fast zur Heimkehr gezwungen

Fischers sind nicht die Einzigen, die in Kanada einen Neubeginn suchten und sich dabei von einem Kamerateam des Schweizer Fernsehens begleiten liessen.

Dass es bei Familie Volk aus dem Kanton Zürich mit der Aufenthaltsbewilligung hapert, ist auch bei Fischers angekommen. Sie selber sind froh, von Kurts damaligem Arbeitgeber, einem grossen Blockhausbauer, Unterstützung erhalten zu haben.

Schulstunde im Caravan:

«Auf und davon» vom 24.1.2014: Annette Fischer übt mit Päuli und Kristin die ersten Buchstaben. Sie sollen möglichst früh deutsch lesen und schreiben lernen.

Doch auch bei Familie Fischer ist längst nicht alles so verlaufen, wie sie es sich vorgestellt hatten. Immer wieder galt es Hürden zu überwinden. Eine davon schien einen Moment schier unüberwindbar, das Ehepaar Fischer dachte kurz sogar an eine Rückkehr in die Schweiz. Eine Rückenoperation zwang Kurt, den Beruf als Zimmermann an den Nagel zu hängen und sich beruflich neu zu orientieren. Das war jedoch nicht so einfach und bedrohte die Existenz der vierköpfigen Familie in Kanada.

Glücklicherweise fand sich aber eine neue Lösung. Und erst noch in der Branche. In einem Holzbaugeschäft verdient Vater Kurt heute den Lebensunterhalt für die Familie im administrativen Bereich. Mutter Annette, in der Schweiz Lehrperson für Gartenbau, pflanzt heute in ihrem grossen Garten Gemüse an.

«Wir sind Selbstversorger», sagt sie stolz. Daneben verarbeitet sie Woche für Woche rund 80 Kilogramm Teig zu Brot und verkauft die Laibe am Wochenmarkt. «Nachfrage steigend», sagt Annette Fischer und lacht. Mehr zu bewältigen sei im Alleingang kaum mehr möglich.

Im Gespräch mit den Auswanderern spürt man deutlich: Fischers haben ihre Bestimmung gefunden. Die Schweiz sei ihnen zu eng geworden, zu stressig. Um dies zu ändern, waren sie bereit gewesen, alles aufzugeben und in der Weite Kanadas ihr neues Glück zu suchen.

150 Mile House liegt an der legendären Goldgräberroute, die vor 150 Jahren Hunderttausende in den Westen lockte – auf der Suche nach dem gelben Glück. Hat sich auch bei Fischers das «Gold» gehäuft in der Zwischenzeit?

Kurt und Annette schmunzeln. «Der Reichtum, den wir gefunden haben, ist nicht materieller Natur. Wir leben ein einfaches Leben, müssen gar mit weniger finanziellen Mitteln auskommen, als wir in der Schweiz zur Verfügung hatten.» Ohne das notwendige Eigenkapital aus der Schweiz in der Tasche hätten sie sich das heutige Daheim gar nicht leisten können, sagen sie.

Keinen Illusionen nachjagen

Auf und davon und die Welt erobern! Diesen Traum träumen auch viele von jenen, die am Freitagabend vom wohligen Sofa aus am Fernsehschirm in der gleichnamigen Dokumentarsendung die Menschen beneiden, die den Sprung ins Unbekannte wagen.

Das Ehepaar Fischer warnt jedoch vor unüberlegten Schritten. Wer glaubt, die Schweiz verlassen zu müssen, um es anderswo einfacher zu haben, streue sich Sand in die Augen. Man nehme die Probleme mit. «Auswandern ist anspruchsvoll. Am neuen Ort angekommen, bleiben am Anfang einzig die paar mitgebrachten Koffer mit den persönlichen Utensilien, an welchen du dich halten kannst», beschreibt Annette Fischer das Gefühl bei der Ankunft in der neuen Welt.

In Kanada angekommen

Vom Wagnis abhalten, wollen sie jedoch auch nicht. «Es kann jeder gehen, wenn er will. Man muss jedoch bereit sein, die Konsequenzen zu tragen.» Fischers waren das und haben in Kanada für sich ein einfaches persönliches Paradies aufgebaut. Doch wird die Schweiz immer ihre Heimat bleiben. Kurt Fischer sieht es so: «Hier ist unsere Heimat, Kanada ist unser neues Daheim.»

Zum Haushalt gehören heute noch ein paar schottische Hochlandrinder und zwei Büsi. Als nächstes Projekt wird ein Bed & Breakfast realisiert, unter anderem für die vielen Schweizer Gäste, die jedes Jahr zu Besuch kommen. Päuli schluckt den letzten Bissen des Nutella-Brots hinunter und schleckt die Schoggi von den Fingern.

Ob er schon einen Bären gesehen hat? Die Kinder antworten mit einem lauten Kichern. Doofe Frage. Natürlich haben sie. «Hinter unserem Haus haben wir manchmal Schwarzbären», sagen sie ohne Wimpernzucken. Man hat das Gefühl, in 150 Mile House seien Bären fast so etwas wie gute Nachbarn.

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