Hunzenschwil

Auswanderer denkt nicht an Rückkehr: «Man ist freier hier»

Harri Beutler mit seiner Frau Heidi auf dem Times Square in Manhattan. Hier lockt der Broadway mit seinen Theatern. SRF

Harri Beutler mit seiner Frau Heidi auf dem Times Square in Manhattan. Hier lockt der Broadway mit seinen Theatern. SRF

Harri Beutler ist vor über 30 Jahren erst nach Afrika, dann in die USA ausgewandert. Er hat den Schritt nie bereut.

In New York ist es Mittag, als Harri Beutler (56) mit der az telefoniert. Draussen regnet es, es ist grau und bewölkt, Beutler sitzt drinnen. Im «Swiss Watch Repair Center», das er vor bald 30 Jahren eröffnet hat. Hier, an der Ecke 41 Street und 5th Avenue, repariert er die Schweizer Uhren der reichen New Yorker. Das Schweizer Fernsehen widmete ihm einen Teil seiner DOK-Serie «Abenteuer New York – Schweizer im Big Apple» (heute, 22.25 Uhr, SRF 1). Vor anderthalb Jahren wurde Beutler erstmals porträtiert. Jetzt war das Fernsehen wieder da, um zu sehen, wie es Beutler seitdem ergangen ist.

Am Telefon klingt Beutler jedenfalls gut gelaunt. Sein Schweizerdeutsch ist immer noch akzentfrei. Aus seinem Bürofenster im 4. Stock sieht Beutler ein Hochhaus, wie meistens, wen man in Manhattan arbeitet. Wenn er hinaus aufs Trottoir tritt, sieht er die New York Public Library, die berühmte Bibliothek. Welch ein Kontrast zu seinem Heimatdorf.

Zwei Jahre südafrikanische Provinz

Harri Beutler – der Name steht genau so im Pass – ist in Hunzenschwil aufgewachsen, an der Strangengasse 4. «Mitten im Dorf», erinnert er sich. In die Bezirksschule ging Beutler in Suhr, danach machte er die Uhrmacherschule in Solothurn. Später bekam er einen Job bei einem Bijoutier im Shoppi Tivoli in Spreitenbach. Während dieser Zeit wohnte Beutler in Lenzburg.

Nach zwei Jahren lernte den Agenten einer Uhrenfirma kennen, der einen Uhrmacher für Südafrika suchte. Beutler bekam den Job, gerade mal 22-jährig. Nicht etwa in einer Metropole wie Kapstadt, sondern «auf dem Land draussen», fünf Stunden von Johannisburg und drei von Durban entfernt. «Ein verlassener Ort», erinnert sich Beutler. «Ich kam an und dachte: Wenn das nur gut kommt.» Zwei Jahre später zog es ihn weiter. Er schrieb Briefe an Uhrenfirmen, Rado antwortete. Man suche einen Service Manager für die Niederlassung in New York. Ausgerechnet New York, wo Beutler doch eigentlich eher ein Landmensch ist. Er sagte dennoch zu, 1985 flog er in die USA. Zwei, drei Jahre sollten es werden. Aber dann kam Heidi. «Mein amerikanisches Heidi», sagt Beutler. Er verliebte sich in die aus Michigan stammende junge Frau mit irischen Vorfahren. Dass er mit der Heirat vor bald 30 Jahren eine Schweizer Heidi aus ihr machte, amüsiert ihn noch heute. Die beiden haben zwei Söhne Mitte zwanzig, der eine ist Lehrer in Kalifornien, der andere hat eben erst die Uni beendet und jobbt auf einer Luxus-Jacht. Deutsch können beide nicht. «Mein grösstes Versäumnis», gesteht Beutler ein. Denn er fühlt sich mit der Schweiz verbunden, besucht zweimal im Jahr seinen Vater im Alterszentrum Brugg und fährt gerne mal einen Umweg über Hunzenschwil. Sein altes Dorf. Viel habe sich verändert. «Früher fuhr man nach Lenzburg über einige Kilometer auf der Landstrasse. Da war nichts weiter. Heute sind da überall Häuser.»

«Man ist freier hier»

Heute wohnt Beutler mit seiner Frau in Stamford im Bundesstaat Connecticut. In sein Büro pendelt er mit dem Zug, von Tür zu Tür sind es 75 Minuten. Das Geschäft läuft nicht immer gut, aber Beutler ist zufrieden. Er fühlt sich wohl hier, an eine Rückkehr in der Schweiz denkt er nicht. «Man ist hier freier. Ich habe ein Segelboot, den Privatflugschein. Hier ist das alles kein Problem. In der Schweiz tritt man sich zu rasch auf die Füsse.» Beutler, der Landliebhaber, hat ein Haus mit einem kleinen Teich. Als die Kinder klein waren, haben sie oft gefischt, im Winter lag genug Eis, um Schlittschuh zu laufen. Trotzdem – Beutler hätte sich gewünscht, dass seine beiden Buben auch die Freiheiten gehabt hätten, die er als Kind hatte. In Hunzenschwil gab es keine Schulbusse und dergleichen. «Zur Schule ging man mit Velo oder Töffli, an freien Mittwoch-Nachmittagen spielte man im Wald mit dem Luftgewehr, baute Hütten oder errichtete ein Lagerfeuer», erinnert sich der Auslandschweizer.

Nach der ersten DOK-Sendung vor anderthalb Jahren haben sich einige ehemalige Schulfreunde aus der Bez in Suhr gemeldet. «30 Jahre hatten wir nichts voneinander gehört», sagt Beutler, der sich sehr über die Kontaktaufnahme gefreut hat. Überhaupt bekomme er seit der Sendung «einen Haufen Besuch aus der Schweiz». Irgendwelche Leute, die Beutler im Fernsehen gesehen haben und sich bei ihrem Besuch im Big Apple dran erinnern. Manche bringen Geschenke mit, letztes Jahr hatte eine Familie Bratwürste dabei. Und vergangene Woche stand plötzlich ein Bäcker aus Liestal in Beutlers Büro und hat das mitgebracht, was viele Auslandschweizer vermissen: zwei grosse Schweizer Brote.

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