Lenzburg

Aus nach 88 Jahren: Die Etuis-Fabrik wird liquidiert – doch Aufträge gäbe es genug

Überraschungsbesuch von Bandleader Pepe Lienhard (rechts) bei seinem ehemaligen Trompeter: Fritz Vonaesch spielte in Lienhards erster Band, den College Stompers, mit. Deren Übungslokal war eine Zeit lang in der Etuisfabrik. (Archiv)

Überraschungsbesuch von Bandleader Pepe Lienhard (rechts) bei seinem ehemaligen Trompeter: Fritz Vonaesch spielte in Lienhards erster Band, den College Stompers, mit. Deren Übungslokal war eine Zeit lang in der Etuisfabrik. (Archiv)

In den besten Zeiten belieferte die Lenzburger F. Vonaesch AG sogar die Araber. Jetzt wird 88-jährige Firma liquidiert.

Die Verpackung macht die Ware zu dem, was sie ist. Dieser psychologische Grundsatz mag etwas überspitzt klingen, immerhin verdankte ihm die Etuis-Fabrik Vonaesch AG 88 Jahre lang ihre Existenz.

Doch nach zwei Generationen ist Schluss: Zwar hat Fritz Vonaesch lange nach einem Nachfolger gesucht. Vergeblich. Jetzt hat der 75-Jährige aufgegeben und die Liegenschaft an der Seonerstrasse 7 verkauft. Die Etuis-Fabrik wird liquidiert. Damit verschwindet der letzte Hersteller von Luxusetuis in der deutschsprachigen Schweiz. Der Kundschaft zuliebe hätte Vonaesch diesen Schritt gerne vermieden, mangelt es doch nicht an Aufträgen. «Es gibt kaum mehr jemanden, der das Metier heutzutage noch beherrscht», erklärt er mit Bedauern beim Gang durch die Fabrikationsräume. Überall stapeln sich Schachteln und Schächtelchen. Fritz Vonaesch greift nach einem kleinen pinkfarbenen Etui und schmunzelt. «Das ist eine Massanfertigung für eine Dame, die an feinster Lage in New York City eine Bijouterie eröffnet hat», erzählt er.

Zu den Käufern der exklusiven Schatullen gehören Banken, Juweliere, Möbelfabrikanten. Auch die Fifa kaufte in Lenzburg ein, um die wertvollen Fussballpokale adäquat verpacken zu können. Je exklusiver die Schatzkästchen, umso feudaler die Kundschaft. «Die Arabischen Emirate bestellten spezielle Etuis für ihre Juwelen, sündhaft teuren Parfümfläschchen und Krummdolche», erzählt Fritz Vonaesch.

Etuis in jeder denkbaren Grösse und Farbe, aus verschiedenen Materialien und Ausführungen: Das ist die Spezialität des Unternehmens. Kaum ein Wunsch, den man der anspruchsvollen Klientel ausschlagen muss. Auch heute noch. Die dafür notwendige Infrastruktur ist im Haus vorhanden. Im Keller ist sogar eine kleine Schreinerei eingerichtet. Hier werden sozusagen die Rohlinge hergestellt, welche anschliessend im oberen Stockwerk von den Mitarbeitenden weiterverarbeitet werden. «Die Etuis werden mit hochwertigen Materialien wie Leder, Samt und Seide bezogen und, wenn gewünscht, mit einer Prägung versehen», erzählt Vonaesch. Vier Teilzeitmitarbeitende und ein gelernter Etuimacher sind derzeit noch beschäftigt. Sie führen die pendenten Bestellungen noch zu Ende.

Erfolgreicher Start

Stolz führt Fritz Vonaesch durch die Fabrikationsräume. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Maschinen lärmen keine, die einzigen Geräusche kommen vom Hantieren an der Prägemaschine und aus einem alten Transistorradio. Man kann es sich gut vorstellen: So muss es wohl ausgesehen haben, als Fritz Vonaeschs Vater die Etuis-Fabrik 1931 gründete. Seither hat sich wenig verändert, bestätigt Fritz Vonaesch. «Spezialanfertigungen sind auch heute noch vornehmlich Handarbeit, ebenso das Überziehen von Etuis mit teuren Materialien.» Vonaesch nennt es Veredeln, dafür brauche es viel Fingerspitzengefühl. Die Ware, die anschliessend in die exklusiven Etuis gelegt wird, ist entsprechend kostbar, wen wunderts.

Fritz senior eröffnete 1931 den kleinen Betrieb in einem früheren Waschhaus im Steinbrüchli. Als Vertreter von Cartonnagen der Firma Langenbach AG in Lenzburg hatte Fritz Vonaeschs Vater Anfang der 30er-Jahre des letzten Jahrhunderts die Marktlücke in der Schweiz erkannt. Bisher hatte man luxuriöse Etuis aus Deutschland importiert. Jetzt wurden sie in Lenzburg gefertigt. Zu den Hauptabnehmern gehörte die damals aufkommende Uhrenbranche. Ein anderes in den Anfängen weiteres wichtiges Standbein ist heute kaum mehr vorstellbar. «Es wurden viele Besteckschatullen und Einlagen in Besteckschubladen produziert», erzählt Fritz Vonaesch. Heute sind sie kaum mehr gefragt, das Silberbesteck gehört der Vergangenheit an.

Schwere Zeiten

Bereits nach wenigen Jahren wurde es im «Steinbrüchli» zu eng, Vater Vonaesch zügelte das Unternehmen in die eigenen Räumlichkeiten am heutigen Standort an der Seonerstrasse 7. Das war 1939. Es folgten bewegte Jahre: Der 2. Weltkrieg verlangte dem Unternehmen einiges ab. 1949 starb der Vater. Fritz Vonaesch war damals fünf Jahre alt. Die Mutter führte den Betrieb weiter, ging anstelle des Vaters auf Reisen und akquirierte Aufträge. Das Blatt wendete sich, als die Mutter den Branchenfachmann Hans Schlosser heiratete. Nach den krisengeschüttelten Kriegsjahren kam der wirtschaftliche Wohlstand und mit der Firma ging es aufwärts. Die Uhrenindustrie blühte. Zunehmend waren Luxusuhren begehrt, die eine angemessene Verpackung benötigten. Namhafte Uhrenfirmen wie Rolex, Gübelin, IWC bestellten Schachteln für die teuren Uhren in Lenzburg.

Die Firma gedieh und beschäftigte bis zu 27 Mitarbeitende. «Wir hatten viele treue Angestellte», erklärt Vonaesch zufrieden. Er hat von Kindsbeinen an im Betrieb mitgeholfen und das Geschäft von der Pike auf gelernt. «Ich habe mir mein Sackgeld zu Hause verdient», sagt er und lacht. Dazu fällt ihm eine ganz spezielle Geschichte ein.

Übungslokal für Pepes Band

Mit dem selbst verdienten Geld hat er sich eine neue Trompete gekauft. Fritz Vonaesch war Trompeter in Pepe Lienhards erster Band, den College Stompers. Bandleader Pepe Lienhard ist in Lenzburg aufgewachsen und hat hier die ersten musikalischen Sporen abverdient. In der Etuis-Fabrik Vonaesch befand sich vor 60 Jahren das erste Probelokal. Der Dixieland-Sound habe nicht allen gefallen, erinnert sich Fritz Vonaesch noch gut an die erste Musikprobe. Das Musizieren bei offenen Fensterflügeln habe zu Reklamationen geführt, worauf die Polizei vorgefahren sei, erzählt er und schmunzelt.

Fritz Vonaesch hat den Betrieb Mitte der 70er-Jahre übernommen und gemeinsam mit seiner Frau Susana weitergeführt. Bis jetzt. In wenigen Wochen werden die Türen für immer geschlossen. Wer das Haus gekauft hat, will Vonaesch nicht verraten. Dazu sagt er einzig, dass alles unverändert stehen bleibt und in Zukunft verschiedentlich genutzt werden soll.

Fritz Vonaesch und seine Frau verlassen das Haus. Sie ziehen in eine Wohnung an die Bahnhofstrasse.

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