Leutwil

Aus dem Aargau nach Dakar: Sie fährt als erste Frau mit dem Quad-Bike an die «Africa Eco Race»-Rallye

Angelica Weiss Emori fährt als erste Frau mit einem Quad an das mehrtägige Rennen durch die Wüste. Bei den Wettkämpfen fahren Piloten verschiedenen Fahrzeugen querbeet über Strassen, Feldwege und Dünen.

Es ist mucksmäuschenstill inmitten der Wildnis Argentiniens. Seit über drei Stunden sitzt Angelica Weiss Emori neben ihrem kaputten Quad einfach nur da. Kein Mensch ist vorbei gekommen, seitdem ihr Mann sich auf den Weg zur nächsten befestigten Strasse gemacht hat. Es ist so leise, dass Angelica Weiss Emori das Summen einer Fliege wie ein Helikopterangriff in den Ohren dröhnt. Angst hat sie keine.

«Wenn Sie mit mir über Gefahren reden wollen, sind Sie an der falschen Person», sagt Angelica Weiss Emori in ihrer Stube in Leutwil lachend. Inzwischen sind Jahre vergangen. Argentinien ist Angelica Weiss Emori treu geblieben – hier lebt sie mehrere Monate im Jahr. Dem Quadfahren auch.

«Wie eine Schatzssuche mit Fahrzeug»

Bald nimmt die 56-Jährige an der «Africa Eco Race»-Rallye teil. Sie ist die erste Frau, die mit dem Quad zwei Wochen lang von Monaco 6500 Kilometer quer durch die Wüste bis ins senegalesische Dakar fährt.

«Eine Rallye ist wie eine Schatzsuche mit Fahrzeug», fasst Angelica Weiss Emori zusammen. Bei den Wettkämpfen fahren Piloten mit Töffs, Autos, Lastwagen und vierrädrigen Geländefahrzeugen wie Quads querbeet über Strassen, Feldwege und durch Dünen. Dabei müssen bestimmte Punkte, sogenannte Waypoints, angefahren werden. Navigieren müssen die Piloten selbst – eine der grössten Herausforderungen, weiss Angelica Weiss Emori.

Auf den Spuren der «Dakar»

Lange wollte die Inhaberin des Reiseunternehmens Argentina Travel an der weltgrössten Rallye, der «Dakar» (früher Paris-Dakar), teilnehmen. Vor zwei Jahren fuhr sie als Assistentin im Team des argentinischen Quad-Fahrers Daniel Mazzucco mit. Als Pilotin hat es bis jetzt für das Qualifikationsrennen «Desafio Ruta 40» gereicht. Im März beendete die Leutwilerin ausserdem erfolgreich die «Tuareg Rallye» durch die Sahara. Ende Jahr fährt Angelica Weiss Emori nun auf den Spuren der ursprünglichen «Dakar», die 2009 wegen Terrordrohungen nach Südamerika verlegt wurde.

Sie sei schon bei Motorengeräusch geboren, sagt Angelica Weiss Emori. Im Ambulanzfahrzeug – zumindest habe ihre Mutter das immer erzählt. So oder so: Angelica Weiss Emori liebt den Nervenkitzel. Was früher Gleitschirmfliegen und Klettern war, ist heute das Quadfahren. Die Frau mit wilder Kurzhaarfrisur und grellorangem Polohemd grinst schelmisch, wenn sie über ihren ersten Fahrversuch spricht. Den Kickstarter konnte sie wegen ihrer kleinen Körpergrösse kaum betätigen, Instruktionen gab es kaum. «Ich hatte nur eine Anweisung: ‹Wenn es nicht mehr geht, bremsen!›»

Wenig Schlaf, kaum Duschen

Doch bei aller Liebe zu schnellen Motoren: Leichtsinnig sei sie nicht. Die Leutwilerin würde sich selbst sogar als vorsichtig beschreiben. «Wer mental nicht dabei ist, kann keine Rallye beenden», sagt Angelica Weiss Emori. Das «Africa Eco Race» dauert 14 Tage. Geschlafen wird im Biwak, Tagwacht ist um 5 Uhr. Mehr als vier Stunden Schlaf liegen in der Regel nicht drin. Eine Dusche zu finden, sei Glück. Eine mit warmem Wasser zu finden ein Sechser im Lotto. Nachts kann es ausserdem bitterkalt werden. Tagsüber erwarten die Fahrer Temperaturen bis zu über 35 Grad.

Solche Rennen ist anstrengend. Auch für Bruno Emori, der seine Frau morgens in die Wüste fahren lässt. Doch die «Mischung aus einfachem Leben und Fahren» macht den Reiz für Angelica Weiss Emori aus. Damit in der Wüste nichts schiefgeht, bereitet sie sich akribisch auf das bevorstehende Rennen vor: Sie fährt mit dem Quad zur Firma, in der sie während ihrer Zeit in der Schweiz aushilft, macht Kraft- und Ausdauertraining und übt sich beim 300-Meter-Schiessen der Schützengesellschaft Leutwil in Konzentration.

Quadfahrerin als Hauptattraktion

Knapp zwei Monate bleiben der 56-Jährigen noch bis zur Rallye, für die sich bereits über 200 Teilnehmer angemeldet haben. Dann geht es für Angelica Weiss Emori mit Sportausrüstung, belgischem Serviceteam und jeder Menge Ovo-Riegel nach Monaco. Am 30. Dezember startet sie in der Kategorie Raid Quad. Ziel ist es, am 13. Januar 2019 in Senegal die Ziellinie zu überfahren. In der Kategorie fährt man nicht auf Zeit und ist als Gruppe unterwegs. Eine Vorsichtsmassnahme, so Angelica Weiss Emori. «In der Sahara ist man sonst wirklich alleine, wenn etwas passiert», sagt die Leutwilerin.

Damals in Argentinien war es anders. Nach stundenlangem Warten kamen drei Arbeiter mit Schaufel und Traktor vorbei und nahmen Angelica Weiss Emori mitsamt Quad mit. Als das Fahrzeug ins nächstgelegene Örtchen Cruz de Caña einfuhr, feierten die Menschen dort gerade Karneval. Die Quadfahrerin auf dem holprigen Traktor war die Hauptattraktion bei den Dorfbewohnern. «Seitdem bin ich die Fasnachtskönigin», schmunzelt die Leutwilerin. Wenn sie heute mit ihrem Quad im Dorf vorbei komme, stehe sie kurz auf und salutiere. Wie es sich als Königin gehört.

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