In der Lokalpolitik ist Hanspeter Gehrig ein alter Hase. 18 Jahre war er im Gemeinderat, 12 davon als Ammann. Dabei ist er erst 55 Jahre alt. Da wäre doch eine Legislaturperiode noch dringelegen? Gehrig lacht. «Ich habe den Job gern gemacht, tue das auch heute noch.» Doch sei es in der Vergangenheit zunehmend schwieriger geworden, das Ammannamt mit seinem Broterwerb in der IT-Branche zu vereinbaren. Ausserdem sei er der Meinung, man solle aufhören, bevor man seines Amtes zu sicher sei und sich fast wie ein Dorfkönig aufführe.

Die Ammerswiler haben Gehrig zum Abschied ein Ruhebänkli geschenkt, gefertigt mit Eichenholz aus dem Ammerswiler Wald. Fürs Foti macht er gerne ein Probesitzen – allerdings nicht auf der Terrasse seines Einfamilienhauses, sondern bei den Forstdiensten Lenzia in Lenzburg. Dort wartet die schwere Bank auf den Transport nach Ammerswil. Sie gehört zu den wenigen Gegenständen, welche in einem Nachbargebäude vor den Flammen verschont blieben, die im Frühling den Forstwerkhof vollständig zerstörten. Auf dem an der Sitzlehne angebrachten Messingschild hingegen hat der Vorfall Spuren hinterlassen.

Mehr Leute, weniger Infrastruktur

Gehrig überlässt seiner Nachfolgerin Marianne Horner eine Gemeinde, die während seiner Amtszeit um 15 Prozent auf 682 Einwohner gewachsen ist. In der gleichen Zeitspanne verlor das Dorf jedoch wichtige Teile seiner Infrastruktur: Die Post ging zu, die Beiz gab auf und schlussendlich schloss auch der Volg-Laden für immer. Sehr zum Leidwesen von Hanspeter Gehrig. Er hätte sich von der Landi Hallwilersee etwas mehr Geduld gewünscht. «Wir haben vieles probiert, um den Laden im Dorf zu halten. Die Gemeinde hat finanzielle Unterstützung geleistet. Und der Umsatz ist gestiegen.» Der Landi habe das jedoch nicht genügt, sagt er bedauernd. Die Ammerswiler haben deswegen den Kopf nicht in den Sand gesteckt und nach Lösungen gesucht: Mithilfe initiativer Dorfbewohner hat Marianne Barmettler ihr Angebot im Gmüesegge vis-à-vis des Volg-Ladens ausgebaut.

Ebenso wenig erbaut war Hanspeter Gehrig über das zwar knappe, aber doch erfolgreiche Referendum gegen ein neues Gemeindehaus im Jahr 2005. Zumindest in den Anfängen, sagt er heute. Anstelle des Neubaus wurde das alte Gemeindehaus saniert und ausgebaut und steht nun als «Weisses Haus» mitten im Dorf. Gehrig gefällts nun auch so. «Eine schöne, funktionale Architektur, das Resultat ist stimmig für das Dorf.»

Vergessen sind auch die Zeiten, als der Gemeindeammann im alten Gemeindehaus mit einem elektrischen Heizlüfter seine Füsse wärmte, wenn er an Sonntagmorgen im kalten Gemeindehaus Akten für die Gemeinderatssitzung studierte. Die Erinnerung entlockt Hanspeter Gehrig noch heute ein Schmunzeln. Bis zur Sanierung wurde das Gemeindehaus noch mit einer Holzfeuerung geheizt und der Gemeindearbeiter musste am frühen Morgen als Erstes «auf Gmeind afüre und Holz nochelege». Der grosszügige neue Gemeindesaal im «Weissen Haus» inspirierte Ammerswil zur Gründung von «Kultur Ammerswil». Auch hier war eine initiative Dorfbevölkerung am Werk.

Kritischer Geist

Politisiert haben Hanspeter Gehrig der Wille, etwas zu bewegen,und das Elternhaus. Bereits sein Vater war Vizeammann in Ammerswil. «Und zwar in den 60er-Jahren. In einer Zeit, in welcher der Gemeinderat aus fünf Mitgliedern mit Namen Gehrig bestand», sagt er und schmunzelt.

Bis auf wenige Jahre hat Hanspeter Gehrig sein ganzes Leben in Ammerswil gewohnt. An der Rebrainstrasse konnte er auf einem Grundstück seines Vaters ein Haus bauen. In guter Sichtdistanz («genau sind es 153 Meter») zur geplanten Mobilfunkantenne, die verhindert werden soll. Die Beschwerde ist im Moment vor dem Verwaltungsgericht hängig. Nach wie vor ist Hanspeter Gehrig der Meinung, dass die alternativen Antennenstandorte weniger taugen als dieser mitten im Dorf. Am Ende entscheidet aber nicht die Gemeinde, sondern der Bauherr nach technischen und finanziellen Aspekten, ob und wo er bauen will.

Er bleibt dem Wald erhalten

In seiner Funktion als Gemeindeammann war Hanspeter Gehrig in verschiedenen Gremien und regionalen Kooperationen tätig. Im Gemeindeverband Lebensraum Lenzburg Seetal (LLS) ist er als kritischer Geist aufgefallen. Seines Erachtens profitiert Ammerswil zu wenig von der Organisation. Trotzdem steht ein Ausscheiden aus dem LLS nicht zur Debatte. Derzeit ebenso wenig die Aufgabe der Selbstständigkeit des Walddorfes, obwohl die Aussichten für die kleinste Bezirksgemeinde eher düster sind.

Dem Forst, der ihm ganz speziell am Herzen liegt, bleibt Gehrig als Präsident im Waldwirtschaftsverband Freiamt-Lenzburg noch weiter erhalten. Ebenso bleibt er bis im Sommer 2018 im Vorstand des KV Lenzburg-Reinach und er wird auch in Zukunft die Regionalen Chlausklöpfer präsidieren. Aufs Ruhebänkli setzen will er sich noch lange nicht – oder zuweilen nur einen kurzen Moment, um die Aussicht über das schöne Dorf zu geniessen.