Riccardo Santoro wirkt müde und unzufrieden, als gestern Montag der auf 13 Tage angesetzte Prozess gegen ihn beginnt. Bei der Befragung des Beschuldigten wird den Zuhörern schnell klar: Santoro zeigt keine Spur von Reue oder Einsicht. Stattdessen macht der 47-jährige, der wegen gewerbsmässigen Betrugs, Misswirtschaft, Urkundenfälschung, Veruntreuung und weiteren Delikten vor Gericht steht, Schuldzuweisungen.

Er sagt, er habe wegen der Berichterstattung der Medien keine neue Firma gründen können. Keine Bank war bereit, ein Konto auf seinen Namen zu eröffnen. Santoro spricht selbstsicher und zugleich selbstmitleidig. Das lange Verfahren habe ihn zerstört. Er sei nicht unbedingt ein Zahlenmensch. Er habe sich damals als Geschäftsführer der SAR Premium Cars um den Fahrzeugeinkauf und Verkauf gekümmert. Die Buchhaltung habe seine Frau gemacht - sie erfasste Debitoren und Kreditoren. «Ich habe unser Bankkonto als Referenz gebraucht und geschaut, ob Geld drauf ist.»

Die Deliktsumme von Santoro liegt bei über 17 Millionen Franken

Die Deliktsumme von Santoro liegt bei über 17 Millionen Franken

Die Pleite von SAR Premium Cars von Riccardo Santoro ist einer der grössten Fälle in der Wirtschaftskriminalität. Heute stand der Luxusautohändler zum ersten Mal vor Gericht.

Leasingmodell mit Haken

Santoros Leasingmodell sollte anders sein als andere: Ferraris und Lamborghinis für jedermann. Ein sogenanntes VIP-Leasingsystem. Seine Leasingraten waren besonders günstig, seine Bedingungen ausserordentlich locker. So gelang es ihm, innerhalb kurzer Zeit viele Kunden zu akquirieren. Namhafte Kunden, wie Santoro immer wieder stolz betont: «Es waren Geschäftsführer der grössten Banken und Versicherungen.»

Doch das VIP-Leasingsystem hatte mehrere Haken. Santoro schloss die Leasingverträge über die Firma Fidis ab. Alles, was mit Fahrzeugannahme und -rückgabe zu tun hatte, lag alleine in Santoros Händen. Was die Fidis-Verantwortlichen nicht wussten: Santoro schloss auf eigene Faust Zusatzvereinbarungen mit den Kunden ab.

So liess er zu, dass die Kunden das Auto bereits nach sechs oder zwölf statt 36 Monaten zurückbringen durften. Ausserdem durften die Fahrzeughalter mehr Kilometer fahren, als im ursprünglichen Leasingvertrag der Fidis vereinbart war. Weiter versprachen seine Zusatzklauseln, dass die Kunden ihre einmal geleistete Anzahlung von meist 20'000 Franken auf das nächste Fahrzeug übertragen durften.

Santoro ritt seine Firma so in den finanziellen Ruin. «Die SAR verlor jedes Mal Geld, wenn sie ein Fahrzeug aus dem Leasing zurückkaufen musste», sagt Staatsanwalt Reto Steiger während seines mehrstündigen Plädoyers. Dies sei der Schlüssel gewesen für alle weiteren Straftaten von Santoro. «Eine Leasingrate mit den Zusatzkonditionen der SAR hätte zwei bis drei Mal mehr kosten müssen», so der Staatsanwalt.

Santoro habe bewusst Jahresabschlüsse und die Buchhaltung manipuliert, um als erfolgreicher Geschäftsmann dazustehen. Dies, um sich selbst zu bereichern: «Er war zu keinem Zeitpunkt in einer Notlage und er bekam mehr als eine Chance, um die Situation gerade zu biegen», sagt der Staatsanwalt. Stattdessen habe sich Santoro für eine Villa und ein Luxusleben entschieden, er und seine Frau hätten sich in einem Geschäftsjahr 400'000 Franken Lohn ausbezahlt.

Santoro-Prozess: «Die Sache verhält sich anders, als der Angeklagte heute weismachen wollte»

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Im Prozess um Betrug, Misswirtschaft und weitere Delikte im Zusammenhang mit Auto-Leasinggeschäften hat Riccardo Santoro am Montag vor dem Bezirksgericht Lenzburg jede Schuld von sich gewiesen. Geschädigtenvertreter Stephan Schlegel ist da ganz anderer Meinung.

Hohe kriminelle Energie

Um die Täuschung aufrecht zu erhalten, habe Santoro aber Schlupflöcher gesucht. Als er die Autos von seinen Kunden frühzeitig zurücknahm, informierte er die Leasinggesellschaft nicht. Stattdessen fälschte er laut Staatsanwalt Halterwechsel-Formulare. Solange ein solches Formular nicht von der Leasingfirma ausgefüllt ist, ist ein Halterwechsel - und somit ein Weiterverkauf des geleasten Autos – verboten. Damit sichern sich die Leasinggesellschaften gegen die Veruntreuung ihres Eigentums ab. Mit den Fälschungen habe Santoro die Luxusautos verkaufen können, obwohl sie eigentlich noch im Besitz der Fidis waren, sagt der Staatsanwalt.

So geschah dies beispielsweise bei einem Porsche, den Santoro für 170'000 Franken an einen Dritten weiterverkaufte. Der Beschuldigte habe mit «unheimlicher krimineller Energie» gehandelt, sagt Reto Steiger. Nur mit stets neuen Kunden habe Santoro die Liquidität aufrecht erhalten können - bis 2011 alles zusammenbrach. Santoro betrieb seine Firma ab 2007 in Dintikon. Spätestens seit Juli 2010 habe er gewusst, dass die SAR seit Ende 2009 überschuldet war, damals hätte er laut Staatsanwalt den Konkurs anmelden sollen. Die Deliktsumme beläuft sich auf rund 17 Millionen Franken, der Staatsanwalt fordert sieben Jahre Haft.

Keiner Schuld bewusst

Er habe stets nach bestem Wissen und Gewissen gearbeitet, sagt Riccardo Santoro, der während des Plädoyers des Staatsanwalts immer wieder grinst und den Kopf schüttelt. «Ich habe nicht bewusst Fehler gemacht», sagt er. Er weist die Vorwürfe des gewerbsmässigen Betrugs, der Urkundenfälschung und der ungetreuen Geschäftsbesorgung zurück. «Die Firma ist sehr schnell gewachsen.» Er sei sehr mit der Betreuung der anspruchsollen Kundschaft beschäftigt gewesen und habe sich kaum mit der Buchhaltung seiner Firma befasst. Wenn man von Misswirtschaft spreche, müsse man auch die Funktionäre der Fidis belangen: «Die sassen im gleichen Boot.»

Am Dienstag kommt der Anwalt der Fidis zu Wort, mit der Santoro die Leasingverträge abschloss. Er kündigte am Montag bereits an, er werde Schadenersatz in der Höhe von 12,6 Millionen Franken fordern. Danach folgt das Plädoyer von Santoros Verteidiger. Das Urteils will Gerichtspräsident Daniel Aeschbach am 23. Januar eröffnen.

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