Lenzburg

Auf Entdeckungstour mit Guido, dem virtuellen Gastarbeiter

Mit einer interaktiven App kann man Industriekultur entlang des Aabachs ganz neu erleben. «IndustrieKulTour Aabach» nimmt Sie auf eine kleine Zeitreise in die 1950er Jahre.

Ein junger Mann, wohl italienischer Abstammung, steht in Arbeiterkluft auf der Strasse vor dem Lenzburger Kosthaus. Warum das speziell ist? Weil Guido Rosso eigentlich nicht existiert. Guido erwacht nur zum Leben, wenn man sich auf eine kleine Zeitreise zurück in die 1950er-Jahre macht. Die Zeitreise beginnt mit dem Herunterladen der App «IndustrieKulTour Aabach». Die App stellt in den Orten entlang dem Aabach, in Seon, Wildegg und Lenzburg, verschiedene Touren zur Verfügung.

Protagonisten der Wanderungen sind Personen, die zu industriekulturell wichtigen Zeitpunkten lebten. Neben Guido führt beispielsweise auch Geschäftsmann Gottlieb Hünerwadel durch die Geschichte der Textilindustrie Lenzburgs, in Seon erzählt Willy Ebinger über die Wasserkraftnutzung am Aabach, in Wildegg geht es um die Eisenbahn und Heinrich Pestalozzi. Hat sich der Benutzer der App für eine der Touren entschieden, muss er nur noch Bluetooth und GPS anschalten – und sich von den Protagonisten an der Hand beziehungsweise am Handy, nehmen lassen.

Guido Rosso bringt die Geschichte in die Gegenwart

In der Nähe des Bahnhofs Lenzburg startet die Gastarbeiter-Tour mit dem Italiener Guido Rosso. Auf dem Handybildschirm erscheint eine Karte, die den ersten Punkt der 2,3 Kilometer langen Wanderung anzeigt: Aichas Restaurant. Es erscheinen Informationen zu Ayse Öztürk, die vor über 20 Jahren aus der Türkei in den Aargau kam, einen Dönerstand eröffnete, damit sehr erfolgreich war und immer noch ist. Guido meldet sich zu Wort, er spricht mit einem starken italienischen Akzent.

Er summt «Bella Ciao» und sogleich erscheinen Informationen dazu, welche Bedeutung das Lied für italienische Reispflückerinnen und später als Zeichen gegen den Faschismus hatte. Hat man sich durch alle Informationen geklickt, zeigt die Karte die nächste Station an: das Kosthaus in Lenzburg. Die App empfiehlt, das Handy während des Spazierens in die Tasche zu stecken.

Beim Kosthaus erzählt Guido von den Hero-Ravioli und zeigt einen Werbespot aus seiner Zeit. Beim nächsten Standort wird es persönlicher: Guido spricht von der Schwarzenbach-Initiative, die eine Begrenzung des Ausländeranteils verlangte. Er habe Angst gehabt, dass seine Freunde oder er selbst zurück nach Italien müssten. Obwohl es eine programmierte App und ein aufgenommener Text sind, die hinter Guido stecken – man empfindet Mitleid für den jungen Italiener. Bevor man aber zu gefühlsduselig werden kann, fordert die App einen auf, ein Quiz zu lösen.

Guido führt weiter zu ehemaligen Gastarbeiterhäusern an der Wolfsackerstrasse, danach nach Niederlenz in die Leinenstrasse. Dort wohnten Arbeiter der Firma Hetex. Guido erzählt, singt, zeigt Videos zu fast jedem Punkt der Tour. Auf dem Weg wird einem bewusst, wie viele Gebäude in Lenzburg Zeitzeugen verschiedener industrieller Epochen sind. Und dank Guido fällt auch auf, was die Gastarbeiter für die Industrie in der Schweiz und im Aargau geleistet haben. Vom Aushalten widriger Arbeitsbedingungen und schwerem Schuften in der Firma, von Ravioli in der Konserve bis zum Strassen- und Tunnelbau.

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