Wenn Irene und Heiner Cueni sterben, dann wollen sie in den Lenzburger Lindwald. Für immer. Oder mindestens bis ins Jahr 2060. Bis dann stehen die Eichen des Waldfriedhofs, den die Forstdienste Lenzia gestern eröffnet haben, unter Schutz.

Dass die Cuenis nicht auf einem traditionellen Friedhof zur letzten Ruhe kommen möchten, das steht für sie schon länger fest. «Einerseits wollten wir unseren Nachkommen das Theater mit der Grabpflege ersparen. Andererseits brauchen wir kein Monument, das an uns erinnert», sagt Heiner Cueni. Der Wald als Erinnerungsort ist ihm viel lieber als der Friedhof. Und zu Eichen hat er einen viel persönlicheren Bezug als zu Grabsteinen.

«Die Eiche ist ein sensationeller Baum. Sie wird uralt und bietet zahlreichen Tierarten eine Lebensgrundlage.» Mit dem Rotary-Club hat er in den vergangenen Jahren mehr als 300 Eichen gepflanzt. Nicht im Lenzburger Lindwald zwar, aber das spiele keine Rolle. «Eichen gibt es fast überall. Und wenn wir einmal unter einer von ihnen begraben liegen, dann sind sie doch alle irgendwie Trostorte für die Hinterbliebenen.»

93 «himmlische Eichen»

Trostorte: Genau das ist es, was die Forstdienste Lenzia ihren Kunden mit dem gestern lancierten Pilotprojekt «himmlische Eichen» bieten wollen. Projektleiter Markus Dietiker und sein Team hatten bereits seit längerem an der Idee eines Waldfriedhofs herumstudiert.

Ein angehender Förster hat in seiner Diplomarbeit eine Machbarkeitsstudie erstellt. Und nach der im Januar getroffenen Vereinbarung mit den Ortsbürgern, denen das Waldstück gehört, und dem Stadtrat stand dem Waldfriedhof nichts mehr im Weg.

«Sie können mich anrufen»: Waldfriedhof-Förster Markus Dietiker darüber, weshalb in Lenzburg ein Waldfriedhof entsteht, und wer hier wie begraben werden kann.

«Sie können mich anrufen»: Waldfriedhof-Förster Markus Dietiker darüber, weshalb in Lenzburg ein Waldfriedhof entsteht, und wer hier wie begraben werden kann.

Gestern hat Markus Dietiker den Waldfriedhof offiziell eröffnet. Noch liegt dort niemand begraben. Die 93 Eichen aber stehen bereit. Und wer sich für eine Waldbestattung interessiert, kann bei den Forstbetrieben Lenzia die entsprechenden Unterlagen bestellen. Die Eichen kosten zwischen 4300 und 10 700 Franken, je nach Stammumfang.

«Das sind einmalige Kosten», betont Dietiker. «Anders als auf einem Friedhof gibt es keine jährlich anfallenden Kosten und auch Grabschmuck ist keiner nötig», erklärte Dietiker auf dem Waldfriedhofrundgang gestern Nachmittag. «Und den Steinmetz, der ihnen für diesen Preis einen 25 Meter hohen Grabstein macht, müssen sie auch zuerst mal finden.»

Seenger Waldfriedhof ist voll

Der Lindwald schien Dietiker seit langem der perfekte Ort für einen Waldfriedhof. «Wir haben hier mächtige Eichen, es ist wunderbar ruhig, und vom Waldrand aus sieht man sogar den Kirchturm der Niederlenzer Kirche», erklärt er. Apropos Kirche: Die reformierten und katholischen Kirchgemeinden von Lenzburg und Niederlenz sind dem Projekt positiv gesinnt. Das hätten ihm die Pfarrer auf einem Waldrundgang bestätigt, erklärt Dietiker.

Dass die Beisetzung ausserhalb der traditionellen Friedhöfe einem wachsenden Bedürfnis entspricht, zeige etwa das Beispiel des Seenger Waldfriedhofs. «Der ist voll. Zudem ist unsere Idee ja nicht revolutionär. Seit Menschengedenken werden Tote im Wald begraben», sagt der zukünftige Friedhofsförster. Waldfriedhöfe gibt es auch in Zetzwil, Rohr, Kölliken und Kirchleerau.

In Lenzburg sind Irene und Heiner Cueni die Ersten, die sich für eine Waldbestattung unter den «himmlischen Eichen» interessieren. Beide joggen regelmässig im Wald. Und beide finden, dass es keinen schöneren Ort gäbe, um sich dereinst zur Ruhe zu legen. «Das Kommen und Gehen, das Vergängliche und das Wechselhafte sind im Wald so spürbar wie kaum irgendwo sonst», findet Irene Cueni. Die Vorstellung, dass ihre Moleküle dereinst von einer Eiche aufgenommen, in Form eines verdorrten Blatts auf den Boden fallen und dort zur Lebensgrundlage für ein neues Pflänzchen werden, fasziniert sie.

Unter welchem der 93 Eichen sie genau begraben werden wollen, das wissen die Cuenis noch nicht. «Wir entscheiden das dann mal auf einem Frühlingsspaziergang, vielleicht zusammen mit unseren fünf Kindern», sagt Irene Cueni. Fest steht für sie nur eines: «Ich möchte unter eine Eiche, die an der Sonne steht. Ich bin halt ein ‹Gfrörli›.»