Im Innenhof der katholischen Kirche in Lenzburg sieht es aus wie auf einem Wochenmarkt. Zwei lange Tische stehen vor dem Eingang der Pfarrei Herz Jesu, üppig bedeckt mit Salaten, Peperoni, Karotten, Bananen, Melonen und vielem mehr. Die Lebensmittel sehen allesamt einwandfrei aus. Kaum zu glauben, dass sie eigentlich bereits im Abfall-Container liegen sollten. Dass die Esswaren noch nicht in der Tonne gelandet sind, ist dem Verein «Aufgetischt statt Weggeworfen» (ASW) zu verdanken.

Der Name ist Programm: «Aufgetischt statt Weggeworfen» verteilt in Lenzburg jeden zweiten Dienstag Lebensmittel, die am nächsten Tag nicht mehr verkauft werden können, an Menschen am Existenzminimum. Gemäss ASW wird in der Schweiz rund ein Drittel aller Lebensmittel weggeworfen. Jährlich seien es über 2 Millionen Tonnen, die nicht auf den Teller kommen. «Unser Ziel ist es, der Verschwendung von Lebensmitteln entgegenzuwirken und gleichzeitig Menschen, die sich keine Extras leisten können, zu unterstützen», sagt Sandra Vombach, Regionalleiterin Lenzburg bei ASW.

Es ist kurz vor 19 Uhr, in wenigen Minuten wird die Lebensmittelausgabe eröffnet. Bereits hat sich vor den mit Esswaren bedeckten Tischen eine Schlange gebildet. Menschen aus verschiedenen Nationen warten mit grossen Einkaufstaschen in der Hand auf ihre Lebensmittel. Viele von ihnen haben die ganze Familie mitgebracht. «Es geht gleich los», verkündet Vombach. «Bitte haltet eure Karten bereit.»

Lebensmittel gegen «Bezügerkarte»

Gemeint sind die «Bezügerkarten», welche man vorweisen muss, um Lebensmittel zu erhalten. «Die Karten wurden Leuten, die sich keine Extras leisten können, von der Stadt Lenzburg zugestellt», erzählt Vombach. «Auf diese Weise erhalten nur Menschen Nahrungsmittel, die sie auch tatsächlich nötig haben.» Bezahlen müssen die Begünstigten lediglich einen symbolischen Betrag von einem Franken.

Der Verein ist derzeit neben Lenzburg noch in Urdorf aktiv. Er engagiert sich zusammen mit Partnern vor Ort, um wenigstens noch einen Teil der Lebensmittel zu retten, die täglich weggeworfen werden. In Lenzburg ist es «Lidl» aus Hunzenschwil sowie «Migros» und «Büchli Beck» aus Lenzburg. «Wir sammeln die Lebensmittel mit zwei Fahrzeugen ein und bringen sie dann direkt zum Verteilort bei der katholischen Kirche», so Vombach. Wichtig sei dabei der Ressourcengedanke: Esswaren aus der Region für Menschen aus der Region und möglichst kurze Transportwege.

Lossystem für mehr Fairness

Die Kirchenuhr schlägt. Die Lebensmittelausgabe ist eröffnet. «Es hat, solange es hat», lautet die Devise. «Wir schauen aber schon, dass niemand hamstert und es für alle genug hat», so Vombach. Und tatsächlich: Alles scheint geordnet abzulaufen. Der Reihe nach werden die Einkaufstaschen gefüllt. Nach 15 Minuten sind die Tische komplett leergeräumt und die meisten Bezüger mit vollen Beuteln bereits wieder heimwärts gegangen.

Ganz zufrieden sind nicht alle. Die Letzten in der Schlange sind anscheinend doch zu kurz gekommen. Im Freiwilligen-Team von ASW wird nach einer Lösung gesucht: «Ich glaube, es ist besser, wenn wir nächstes Mal die Reihenfolge auslosen», sagt Vombach. «Dann ist die Abfolge klar definiert und die Lebensmittelausgabe noch etwas gerechter.»