Othmarsingen
Ärger nach Kollision im Kreisel: 52-Jähriger muss sich vor Gericht verantworten

Nach einem Unfall im «Jakob-Kreisel» steht ein 52-Jähriger vor Gericht. Er ärgert sich: «Das ist ein ganz blöd gemachter Kreisel.»

Von Ann-Kathrin Amstutz
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Beim «Jakob-Kreisel» kam es zur Kollision, als ein VW-Bus von der inneren Spur über die Sicherheitslinie nach aussen zog.

Beim «Jakob-Kreisel» kam es zur Kollision, als ein VW-Bus von der inneren Spur über die Sicherheitslinie nach aussen zog.

Ann-kathrin Amstutz

Er ist eine Herausforderung für Autolenker, die ihn zum ersten Mal befahren: der «Jakob-Kreisel», wie er im Volksmund heisst. Seit 2013 sorgt er für einen besseren Verkehrsfluss und verhindert Stau in Othmarsingen. Doch der «Jakob-Kreisel» ist speziell: Auf einer Seite hat er eine zusätzliche Abbiegespur, die ins Dorfzentrum und dann nach Lenzburg führt. Parallel zum eigentlichen Kreisel. Die Spuren sind im Bereich der Ausfahrt durch eine Sicherheitslinie getrennt. Diese zu überfahren, ist strengstens verboten.

Dass es damit nicht alle Autofahrer so genau nehmen und welche Folgen das haben kann, zeigte sich vor dem Bezirksgericht Lenzburg. Jörg (alle Namen geändert) musste sich wegen eines Unfalls im Juni 2016 verantworten. Dem 52-Jährigen wurden mangelnde Aufmerksamkeit und Missachten des Vortritts im Kreisel vorgeworfen – 800 Franken forderte die Staatsanwaltschaft. Jörg war damit nicht einverstanden und erhob Einsprache gegen den Strafbefehl.

Jörg bog beim «Jakob-Kreisel», von Mägenwil her kommend, in die äussere Abbiegespur Richtung Othmarsingen ein. Schon im Kreisel, aber auf der inneren Spur, fuhr Andrea in ihrem VW-Bus. «Klar habe ich sie gesehen», sagte Jörg vor Gerichtspräsident Daniel Aeschbach. «Sie war im Kreisel, aber nicht auf meiner Spur. Zwischen uns war die Sicherheitslinie.» Also habe er Gas gegeben.

«Viele überfahren Sicherheitslinie»

Plötzlich merkte Jörg, «dass es chlöpft». Andrea sei hinten links in ihn reingefahren. Der Angeklagte verwies auf die Schäden an den beiden Autos. Denn Jörg konnte sich nicht mehr genau erinnern, wie schnell er gefahren war und wie es zur Kollision kommen konnte. Trotzdem ist für ihn klar: «Sie hat die Sicherheitslinie überfahren. Andernfalls wäre nichts passiert.»

Anfangs musste Jörg von Daniel Aeschbach aufgefordert werden, lauter zu sprechen. Doch je länger die Verhandlung dauerte, desto ruhiger und sicherer wirkte der Angeklagte im blauen Pulli. Bis Jörg erklärte, dass er die Lage vor Ort noch einmal angeschaut habe. Mit zornigem Unterton in der Stimme erzählte er, was er gesehen hatte: «Viele Autolenker auf der inneren Spur überfahren die Sicherheitslinie, um Richtung Lenzburg abzubiegen.» Genau wie Andrea. Jörgs Verdikt war ebenso hart wie eindeutig: «Das ist ein ganz blöd gemachter Kreisel.» Jörg plädierte für einen Freispruch auf der ganzen Linie.

In der Urteilsverkündung eröffnete Gerichtspräsident Aeschbach dem Angeklagten überraschend, dass Andrea bereits verurteilt worden war – in einem separaten Verfahren. Hinsichtlich Jörgs Schuld und des Unfallhergangs bestehe dagegen «ein Berg von Zweifeln». Nach dem Grundsatz «in dubio pro reo» wurde Jörg von Schuld und Strafe freigesprochen. «Es gibt also doch noch Gerechtigkeit», meinte Jörg zum Schluss. Und nächstes Mal werde er auch besser aufpassen, wenn er in den «Jakob-Kreisel» fahre: «Man weiss ja nie.»