Schlägerei
Angeklagter Hells Angel: «Ich lasse nicht zweimal auf mich schiessen»

Ein Taxifahrer soll über Biker Marc S. erzählt haben, dass er Drogen verkaufe. Der Hells Angel lässt sich das nicht gefallen. Er verprügelt den Taxifahrer brutal. Der wiederum schiesst auf den Biker. Beide standen diese Woche vor Gericht.

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Hells-Angels-Mitglied Marc S. mit seinem Verteidiger am Donnerstag vor dem Bezirksgericht in Lenzburg.

Hells-Angels-Mitglied Marc S. mit seinem Verteidiger am Donnerstag vor dem Bezirksgericht in Lenzburg.

Aline Wüest

Es zischt. Hells Angel Marc S. sprüht sich Atemspray in den Mund. Drei Stösse. Schon verschwindet der Spray wieder in der Lederweste. Er sitzt da, die tätowierten Arme verschränkt. Hundefreund und Wandervogel sei er. Sympathischer Typ, eigentlich. Angeklagt der versuchten schweren Körperverletzung und versuchten Erpressung.

Verletzt und erpresst hat er einen 47-jährigen ehemaligen Taxifahrer. Vorbestraft wegen einer Indoor-Hanfanlage. Zweimal schläft ihm während der Verhandlung die Hand ein. Er campt und schwimmt gern, war hin und wieder im Klublokal der Hells Angels in Olten, verkaufte dort selbst gemachte Totenköpfe.

Nach der Auseinandersetzung mit Marc S. ist das vorbei. Die Hells Angels wollen seine Totenköpfe nicht mehr. Er verkauft nun selbst gemachte Engelchen aus Styropor am Weihnachtsmarkt. Der gelernte Maurer hat noch heute eine Heidenangst vor den Hells Angels. Angeklagt ist er der versuchten vorsätzlichen Tötung von Marc S.

Zur Gerichtsverhandlung führte ein Dienstagabend im Mai 2010: Eine Barmaid erzählt dem damaligen Barbetreiber Marc S., dass ein Taxifahrer rumerzähle, dass er mit Drogen handle. Marc S. wird wütend. Schliesslich sei er stets wie ein Satan darauf gewesen, dass seine Beiz nichts zu tun habe mit solchen Dingen, sagt er vor Gericht. Drogen würden nicht toleriert in seiner Beiz. Er selber trinke nur Bier.

Sechs bis sieben Stangen hat er an diesem Abend bereits getrunken. Er treibt die Handynummer des Taxifahrers auf, spricht ihm aufs Band: «Hör zu, es gibt da ein Problem. Wir müssen es zusammen anschauen, es ist dringend.» Der Taxifahrer sitzt vor dem Fernseher – das Handy ist abgeschaltet.

Als er sich nicht meldet, fährt Marc S. in Begleitung eines Hells Angel zu ihm nach Rupperswil. Der Taxifahrer bestreitet, Drogengeschichten über Marc S. erzählt zu haben. Es dauert ein paar Sekunden, schon fliegen die Fäuste.

Marc S. sagt, es seien Ohrfeigen gewesen mit der flachen Hand, nicht einmal Ringe habe er getragen. Der Taxifahrer sagt, Marc S. habe ihn verprügelt und fast zu Tode gewürgt. «Ich hatte Angst um mein Leben», sagt der Taxifahrer. Irgendwann greift er nach dem geladenen Trommelrevolver, der unter dem Sofa liegt – und drückt ab.

Das Projektil trifft Marc S. an der rechten Hand oberhalb des Mittelfingers. Es blutet zuerst kaum. Die Hells Angels verlassen das Haus kurz darauf. Zuvor soll Marc S. den Taxifahrer aber noch mit dem Tod bedroht haben, sollte er ihm bis zum nächsten Tag nicht 5000 Franken bezahlen.

Der Taxifahrer stellt sich nach dem Vorfall der Polizei. Er hat Angst Aussagen zu machen, fürchtet sich vor einem Vergeltungsschlag der Hells Angels. Die Angst sei geblieben, deshalb wolle er nach Thailand auswandern, sagt er vor Gericht.

Die beiden Angeklagten schauen sich während der Verhandlung nie an. Zwischendurch zischt es. Drei Stösse. Der Atemspray verschwindet in der Lederweste. Der Taxifahrer knetet währenddessen die eingeschlafene Hand.

Der Schuss

Klar ist: Marc S. hat dem Taxifahrer mehrmals eine Metallstange, die zu einem Boxgerät gehörte, über den Schädel gezogen. Der Taxifahrer trägt eine Gehirnerschütterung, einen geprellten Schädel, ein gebrochenes Nasenbein davon. Er blutet aus dem Ohr.

Unklar ist: Wann fiel der Schuss? Bevor Marc S. den Taxifahrer mit der Metallstange verdrosch oder nachher? Das ist wichtig, weil beide Notwehr geltend machen. Marc S. sagt: «Ich lasse nicht zweimal auf mich schiessen.» Um den Taxifahrer kampfunfähig zu machen, habe er ihm darum nach dem Schuss die Metallstange über den Schädel gezogen.

Der Taxifahrer hingegen sagt, er habe schon den Tod vor Augen gehabt. Marc S. habe ohne Unterbruch auf ihn eingeprügelt, er sei gar bewusstlos geworden. Er habe geschossen, um sein Leben zu retten.

Am Tatort war noch eine dritte Person, ein zweiter Hells Angel. Er erscheint vor Gericht als Zeuge. Umarmt Marc S. zur Begrüssung . Er trägt Glatze mit Bart, eine Hells-Angels-Weste mit Trekkingschuhen. Marc S. sei ein Bruder für ihn, wie jeder andere Hells Angel auch. Der Biker stand während der Prügelei an der Tür.

Als Gerichtspräsident Daniel Aeschbach ihn befragt, sagt er, dass Marc S. ein paar Ohrfeigen ausgeteilt habe. «Aber das ist nichts Grosses.» Überhaupt müsse man sich doch nicht wegen jedes Seichs mit dem Richter zum Kaffee treffen. Gewalt lehne er aber grundsätzlich ab. «Ich hasse Gewalt. Ich habe genug Gewalt erlebt in meinen Leben.»

Die Glaubwürdigkeit

20...

...Monate muss der Biker hinter Gitter, aber nur falls er in den nächsten drei Jahren noch einmal straffällig wird. Das Hells-Angels-Mitglied ist aber noch in ein anderes Strafverfahren verwickelt. Der Biker war an der Schlägerei mit einer verfeindeten Rockergruppe in Oftringen beteiligt. Bisher wurde keine Anklage erhoben. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Der Oberstaatsanwalt fordert für Marc S. eine bedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten. Für den Taxifahrer soll es eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 21⁄2 Jahren sein. Er begründet, dass Marc S. keine Notwehr geltend machen könne, schliesslich sei er der Aggressor gewesen.

Der Taxifahrer wiederum habe mit dem Schuss den Tod von Marc S. in Kauf genommen. Der Verteidiger des Bikers versuchte, die Glaubwürdigkeit des Taxifahrers zu demolieren. Seine Aussagen seien widersprüchlich. Der Anwalt sagt auch, dass Marc S. seit dem Vorfall eine psychische Beeinträchtigung habe – auch wenn er dies als langjähriges Mitglied der Hells Angels nicht an die grosse Glocke hänge. Er forderte einen Freispruch.

Freigesprochen wird allerdings nur der Taxifahrer. Der Schuss sei eine angemessene Notwehr gewesen, sagen die Richter.

Biker Marc S. hingegen wird zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 20 Monaten, einer bedingten Geldstrafe von 10 500 Franken und einer unbedingten Busse von 2000 Franken verurteilt. Er muss dem Taxifahrer ausserdem eine Genugtuung von 2000 Franken bezahlen. Das Gericht verurteilt ihn wegen versuchter schwerer Körperverletzung und Erpressung.

Die Richter gehen also auch davon aus, dass Marc S. den Taxifahrer mit dem Tod bedrohte, sollte er die 5000 Franken nicht abliefern. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der Biker kann übrigens trotz drei Operationen seinen Mittelfinger wegen der Schussverletzung nicht mehr richtig strecken. Mit der rechten Hand könnte der Hells Angel also niemandem mehr den Stinkefinger zeigen.