Lenzburg
Anabolika verkauft – ein USB-Stick überführte den Bodybuilder

Das Bezirksgericht Lenzburg büsst einen Anabolika-Dealer mit 6000 Franken – im nächsten Prozess droht ihm das Gefängnis.

Ann-Kathrin Amstutz
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Auch Walter war früher ein Bodybuilder. Daneben verkaufte er Anabolika im Wert von 200000 Franken.Symbolbild

Auch Walter war früher ein Bodybuilder. Daneben verkaufte er Anabolika im Wert von 200000 Franken.Symbolbild

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Dass Walter (Name geändert) früher wettkampfmässig Bodybuilding betrieb, ist ihm noch immer anzusehen – am bulligen Körperbau. Obwohl er heute keine Anabolika mehr konsumiert. Doch Walter ist weit davon entfernt, dieses Kapitel seiner Vergangenheit abzuschliessen. Wegen gewerbsmässigen Handels mit Anabolika, Appetitzüglern sowie Wachstums- und Erektionsförderern stand er vor dem Bezirksgericht Lenzburg. Walter erschien in Begleitung seines Verteidigers Roger Lerf – ein Staranwalt, der als Pflichtverteidiger im Betrugsfall Dieter Behring nationale Bekanntheit erlangte.

Die Verhandlung begann mit einem Paukenschlag. Lerf stellte nicht nur die Qualität der staatsanwältlichen Untersuchung infrage, sondern verlangte auch, Staatsanwältin Yvonne Broder müsse in den Ausstand treten. Sie habe mit Walters früherem Anwalt unerlaubte Absprachen getroffen und ihm Prozessunterlagen zugesandt. Lerf erklärte, er habe eine entsprechende Beschwerde beim Obergericht deponiert.

Eisige Stimmung im Gerichtssaal. Staatsanwältin Broder stellte klar, dass alles mit rechten Dingen zu- und herging. Walters Tätigkeit als Anabolika-Dealer wird wegen einer Gesetzesänderung in zwei separaten Verfahren untersucht. Das aktuelle behandelt den Zeitraum vor der Änderung per 1. Oktober 2012, das zweite den Zeitraum danach. Darin wird Walter immer noch vom früheren Anwalt vertreten. «Deshalb habe ich ihm die Unterlagen zugestellt», sagte Broder.

«Ich bin ein guter Mensch»

Genau hier liegt das Problem. Zwei Verfahren, zwei Verteidiger, aber dieselben Beweismittel und derselbe Täter. Doch wer ist dieser Täter? Walter sagte über sich selbst: «Ich bin ein guter Mensch.» Nie habe er jemandem Schaden zugefügt. Der frühere Bodybuilder wohnt bei seiner pflegebedürftigen Mutter im Kanton Bern. Seit über zehn Jahren ist er Geschäftsleiter in der Baubranche. Walter hat einen Lohn von rund 6500 Franken pro Monat – ganz genau kann oder will er es nicht sagen – und ein beträchtliches Vermögen von 500'000 Franken. Walter arbeitet nur noch Teilzeit, seit er nebenbei ein kleines Fitnessstudio betreibt. «Dort verkaufe ich aber keine Anabolika oder Ähnliches. Das ist auch noch nie von mir verlangt worden», beteuerte Walter. Er habe sich extrem vom Bodybuilding distanziert.

Ganz anders in der Vergangenheit. Von einem anderen Dealer (nennen wir ihn Christoph) hat Walter jahrelang Anabolika und weitere illegale Substanzen zu einem Preis von rund 105'000 Franken erworben. Einen knappen Zehntel brauchte er zum Eigenkonsum. Den Rest verkaufte Walter weiter, an Abnehmer etwa in Brunegg und Hunzenschwil. Dank der Gewinnmarge von 100 Prozent machte er einen Umsatz von rund 200'000 Franken.

Dieser Tatbestand wird bewiesen durch Daten auf einem USB-Stick, der bei Christoph sichergestellt wurde. Notabene bei einer Festnahme am Flughafen Zürich. Aussagen von verschiedenen Käufern und Walters eigenes Geständnis stützen die Beweislage.

«Er fürchtete um sein Leben»

Damit zeigte sich Roger Lerf nicht einverstanden. Er machte geltend, sein Mandant sei das Opfer von sogenannten geheimen Zwangsmassnahmen geworden – Observationen sowie Telefon- und GPS-Überwachung. Dann beschrieb Lerf Walters Angststörungen und ein damit zusammenhängendes Herzleiden. In der Untersuchungshaft sei Walter nach stundenlanger Isolation kollabiert und anschliessend an Händen und Füssen angebunden im Spital aufgewacht. «Er fürchtete um sein Leben, das müssen wir ihm einfach glauben.»

Zwischenzeitlich wurde Walter in die psychiatrische Klinik Königsfelden verlegt. «Ihm wurde gesagt, die Untersuchungshaft würde ohne ein Geständnis unbestimmt lange fortdauern», ereiferte sich Lerf. «Das ist grausam.» Walters Willensbildung sei beeinträchtigt gewesen und das Geständnis damit ungültig.

Trotz der zahlreichen Einwände von Roger Lerf sah Einzelrichterin Eva Lüscher den Tatbestand als erwiesen. Sie sprach Walter schuldig und verhängte eine bedingte Geldstrafe von 200 Tagessätzen à 130 Franken (Probezeit drei Jahre) plus eine Busse von 6000 Franken. Hinzu kamen eine Ersatzforderung von 100'000 Franken und die Verfahrenskosten. Damit folgte Eva Lüscher im Wesentlichen den Anträgen der Staatsanwaltschaft.

Für Roger Lerf war klar, dass er und sein Mandant vors Obergericht ziehen werden. Staatsanwältin Broder dagegen meinte: «Das Urteil ist absolut korrekt für diesen Teil des Verfahrens.» Sie denkt wohl bereits an die Zukunft und das zweite Verfahren. Dort geht es um mehr: Bis zu fünf Jahre Freiheitsentzug könnten Walter drohen. Das letzte Wort ist also noch lange nicht gesprochen.

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