Fussball-Szene

An der Kurve gekratzt: So ticken Ultras und Hooligans

Im Mai haben GC-Ultras in Luzern einen Spielabbruch provoziert.

Im Mai haben GC-Ultras in Luzern einen Spielabbruch provoziert.

Michael Kyburz hat sich für seine Bachelorarbeit auf die dunkle Seite des Fussballs begeben.

Lass die Finger davon. Diesen Rat musste sich Michael Kyburz immer wieder anhören, wenn es um sein Bachelorprojekt ging. Kyburz hat im Juni den Studiengang Design, Cast/Audiovisual Media an der Zürcher Hochschule der Künste abgeschlossen. «Dort lernt man, wie man Content für das Internet macht», fasst er sein Studium zusammen. So kommt denn auch die Bachelorarbeit dieses Studiums nicht in Papier und Tinte daher, sondern wird im Internet veröffentlicht. Mit Text, Tonaufnahmen und Videos können die Studierenden zeigen, was sie in drei Jahren gelernt haben.

Michael Kyburz hat sich für seine Abschlussarbeit ein heikles Thema ausgesucht. Auf www.abseiz.ch hat er sein Projekt mit dem Namen «Ultras und Hooligans: Eine Gesellschaft am Rande der Gesellschaft» veröffentlicht. Das Schwierige bei diesem Projekt: Kyburz war auf Stimmen aus einer Szene angewiesen, aus der niemand etwas sagen will. Schon gar nicht öffentlich.

"Ich ging mit null Vorahnung da rein."

Michael Kyburz

"Ich ging mit null Vorahnung da rein."

Ein weiteres Hindernis für Kyburz: «Ich ging mit null Vorahnung da rein», sagt der junge Mann aus der Region Lenzburg. Dies hätten seine Gegenüber oft schnell festgestellt – und ihm dann geraten, die Finger vom Thema zu lassen. «Die Ultraszene ist, anders als man von aussen meinen könnte, gut organisiert und vernetzt», sagt er. Schnell habe sich herumgesprochen, dass ein Michael Kyburz Leute zum Reden suche. Mögliche Protagonisten sprangen wieder ab.

Doch Kyburz gab nicht auf. «Ich habe ein Thema gesucht, in das ich mich so richtig verbeissen konnte», sagt er. Und er biss zu. Bohrte so lange, bis er Kontakte knüpfen konnte. Diese Szene, «am Rande der Legalität» habe ihn fasziniert. Aber in seiner Arbeit sollte es um mehr gehen als um einen Einblick in eine andere Welt. Kyburz wollte erklären.

Zum Beispiel die Begriffe Ultra und Hooligan, die oft gleichbedeutend verwendet werden. «Ein Ultra ist ein Fan, für den die Unterstützung des Vereins die höchste Priorität hat», sagt er. Ultras können durchaus auch gewaltbereit sein. Für einen Hooligan jedoch habe Gewalt die erste Priorität.

Ultras leben für den Match

Die Szene ist hierarchisch organisiert, erfährt man in Kyburz’ Projekt, in dem ein anonymer Ultra, ein Ex-Hooligan und ein Polizist von ihren Erfahrungen berichten. Die Ultras organisieren sich in Fangruppierungen. Neue Gruppierungen können gegründet werden – wenn es die Hauptgruppierung erlaubt.

Das heiligste Gut einer Gruppierung ist die Zaunfahne, mit der im Stadion Präsenz angezeigt wird. Wird die geklaut, muss sich die Gruppierung auflösen. Jede Kurve hat mindestens einen Capo. Das ist nicht unbedingt der Kopf der jeweiligen Fanszene, sondern der Stimmungsmacher. «Der Anpeitscher», sagt Kyburz. Einmal durfte Kyburz mit einem Ultra mit in die Kurve; nachdem er genau instruiert worden ist, wie er sich zu benehmen hat.

Die Stimmung in einer Fankurve sei unglaublich, sagt er. «Da wird 90 Minuten lang ununterbrochen gesungen.» Fahnen werden geschwungen, Pyros gezündet; eine eigene Welt. Maskulin, aufgeladen, manchmal illegal. Genau für dieses Gefühl leben viele Ultras.

Dank seiner Beharrlichkeit konnte Michael Kyburz sich mit mehreren Männern aus der Szene treffen. «Ich habe sie jeweils auf ein Bier in eine Bar ihrer Wahl eingeladen», sagt er. Ein bisschen nervös sei er bei diesen Treffen gewesen. In den Gesprächen hat er gemerkt, wie wichtig den Ultras die Zugehörigkeit zur Szene sei. «Das ist kein Hobby. Der Verein ist das Leben», sagt Kyburz. Aussenstehende nehmen Ultras vor allem wahr, wenn sie negativ auffallen, mit Gewalt oder Sachbeschädigungen.

Im Frühling haben GC-Fans in Luzern einen Spielabbruch erzwungen. «Die Macht des Kollektivs ist sehr gross», sagt Kyburz. Für solche Aktionen werden die Ultras von den Medien als Chaoten bezeichnet – kräftigere Ausdrücke lassen die publizistischen Richtlinien nicht zu. Kyburz findet dieses Verhalten ebenfalls «nicht angemessen», genau wie das Werfen von Pyros auf das Spielfeld.

Und doch beobachtet er, wie zwischen den Clubs und den Fans, die oft negativ auffallen, eine Art Symbiose besteht. «Die Ultras bringen Stimmung in Stadien, die sich sonst manchmal eher leer anfühlen würden.»

Kreative Chaoten-Köpfe

Beeindruckt hat Kyburz die Zeit und finanziellen Mittel, die die Ultras in ihre Choreos stecken. Das sind Transparente, die im Stadion gezeigt werden. Manchmal riesige Stoffbahnen, die in stundenlanger Arbeit bemalt und im Stadion im richtigen Moment präsentiert werden. Da sind kreative Kräfte am Werk. Oft sind es aber auch andere Kräfte. Gewalt ist omnipräsent. Einige suchen den ultimativen Adrenalinkick bei einer Prügelei. «Im oder um das Fussballstadion ist das schwierig geworden», sagt Kyburz. Zu hoch ist die Polizeipräsenz.

Deshalb treffen sich die Männer in der Natur für einen Faustkampf. Wie verwackelte Videos im Internet zeigen, kann es auch mal vorkommen, dass ein Extrazug irgendwo im Wald hält, eine Gruppe Männer aussteigt und auf eine dort wartende Gruppe losgeht. Was sind das für Leute, die dafür leben, am Wochenende im Namen des Vereins so richtig zu eskalieren?

Michael Kyburz weiss von seinen Bartreffen: «Normale Typen.» Männer allen Alters. Studenten, Berufstätige, Familienväter. Auch wenn Letztere nach Hochzeit und Kindern oft den Rücktritt erklären. Kyburz waren die Typen grundsätzlich sympathisch – auch wenn er ihre Aussagen nicht immer gutheissen konnte.

Für sein Bachelorprojekt hat Kyburz die Note 6 erhalten. Die Arbeit sei sehr gut angekommen, weil noch nie jemand so über diese Szene geschrieben hatte. Die Freude bei Kyburz war gross. Fast noch grösser war die Erleichterung. Bis zum Schluss hatte er sich Sorgen gemacht, dass die im Internet veröffentlichte Arbeit nicht gut ankommen könnte. Doch die Reaktionen seien bis jetzt alle positiv gewesen. Damit ist für Kyburz die Recherche am Rande der Gesellschaft beendet.

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