Ammerswil
Katharina Engeler will die Ammerswiler Souveränität bewahren: «Wir ticken anders als Lenzburg»

Die ehemalige Kriminalbeamte kandidiert für das Amt als Frau Gemeindeammann von Ammerswil. In dieser Funktion läge es an ihr, den Gegentrend im Dorf einzuläuten. Wie sie ihre Vergangenheit auf diese Rolle vorbereitet hat.

Florian Wicki
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Kandidiert als Frau Gemeindeammann von Ammerswil: Katharina Engeler (54) mit ihrem Hund Leo.

Kandidiert als Frau Gemeindeammann von Ammerswil: Katharina Engeler (54) mit ihrem Hund Leo.

Fabio Baranzini

Eigentlich wollte Katharina Engeler nur in den Gemeinderat, um ihr in 13 Jahren Schulpflege angeeignetes Wissen weiter zum Wohl der Gemeinde einbringen zu können: «Als die drei verbleibenden Gemeinderäte auf mich zukamen und mir das Amt des Ammanns anboten, weil keiner von ihnen will, habe ich auch zuerst abgelehnt.»

Sie fände es sinnvoll, dass man eine Amtsperiode im Gemeinderat ist, bevor man sich um das Amt des Ammanns bewirbt. Das erklärt die 54-Jährige in breitem Thurgauerdeutsch auf der Terrasse ihres Hauses in Ammerswil, im Hintergrund ein wunderschöner Ausblick auf das Dorf und das Gemeindehaus.

Ohne Ammann wäre aber die Souveränität des Dorfes auf dem Spiel gestanden, und das hätte Engeler nicht verkraftet: «Mir liegt das Dorf sehr am Herzen, wir wohnen seit 20 Jahren hier.» Und: «Ich wollte nicht, dass es dann früher oder später vom Kanton aus heisst, wir seien nicht mehr handlungsfähig.»

Keine Fusion, wenn sie nicht nötig ist oder gewünscht wird

Also hat sie sich einen Ruck gegeben und sich bereit erklärt, als nächste Frau Gemeindeammann nach der jetzigen Amtsträgerin Marianne Horner zu kandidieren: «Ich will mich für die Interessen von Ammerswil einsetzen, denn wir sind ein kleiner Ort. Da kommen schnell einmal Überlegungen einer grösseren Gemeinde wie zum Beispiel Lenzburg, ob wir nicht mit ihnen fusionieren möchten.»

Ohne Not oder Wunsch der Ammerswiler ist das aber kein Thema für Engeler: «Mir ist wichtig, dass wir selbstständig bleiben, wir ticken anders als Lenzburg.» An ihrem Dorf liebt Engeler vor allem die Natur, mit der Ammerswil unzertrennbar verbunden ist, und auch die Aufgeschlossenheit der Bewohner: «Obwohl wir vom anderen Ende der Schweiz kamen, wurden wir hier schon Anfang der 2000er-Jahre überaus herzlich aufgenommen.»

Katharina Engeler auf ihrer Terrasse mit Blick aufs Dorf.

Katharina Engeler auf ihrer Terrasse mit Blick aufs Dorf.

Fabio Baranzini

Sollte sie ins Amt gewählt werden, will Katharina Engeler nichts überstürzen. Die ÖV-Anbindung – ein Bus pro Stunde – könnte besser sein, aber Brennpunkte, die sie so schnell wie möglich angehen will, sieht sie noch nicht. Unter anderem auch, weil sie eben noch gar nicht im Gemeinderat ist: «Deswegen muss ich zu Beginn der Amtszeit auch erst schauen, was auf Gemeindeebene wirklich die wichtigen Themen sind.» Aber auch nachher will sie nicht die Person sein, die daher kommt und gleich alles über den Haufen wirft:

«Ich höre zuerst gern einmal hin, mache mir mein eigenes Bild, und dann können wir zusammen im Team schauen, was wir verändern wollen oder müssen.»

Diese Eigenschaft kommt ihr besonders in ihrem aktuellen Beruf zugute, sie ist Berufsbeiständin im Kanton Zug. In dieser Funktion führt sie Mandate im Kindes- und Erwachsenenschutz. Das aber erst seit August 2020, seit sie ihr Bachelorstudium in Sozialer Arbeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten abgeschlossen hat.

Ehemalige Kriminalbeamtin im Thurgau

Das Studium sei eine Herausforderung gewesen, da sie als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern (ebenfalls im Studienalter) währenddessen nur Teilzeit arbeiten konnte und zwischenzeitlich weniger gut bezahle Praktika absolvieren musste: «Es tut weh, zu sehen, wie der Lohn jeden Monat nur etwa für die Hälfte der Zeit reicht, und man den Rest vom Ersparten abziehen muss.»

Doch dieses Studium wollte sie sich leisten, denn das Bedürfnis, Menschen in Not zu helfen, hat sich bei ihr schon früher abgezeichnet: Katharina Engeler war Polizistin. Genauer Kriminalbeamtin bei der Kantonspolizei in Frauenfeld, Thurgau: «Ich habe in den 1990er-Jahren die Polizeischule absolviert, und weil wir insgesamt nur zehn Frauen im Korps hatten, kam ich mit meiner KV-Ausbildung direkt in die Kriminalpolizei.» Dort führte sie Ermittlungsverfahren in den Bereichen Betäubungsmittel, Sexualdelikte und Wirtschaftskriminalität.

Katharina Engeler war früher Kriminalbeamte in Kanton Thurgau.

Katharina Engeler war früher Kriminalbeamte in Kanton Thurgau.

Fabio Baranzini

Was nimmt sie aus dieser Zeit mit für ihre angestrebte Zukunft in der Kommunalpolitik? «Was ich sicher kann, ist sehr schnell auf veränderte Situationen reagieren und mir einen Überblick verschaffen.» Gleichzeitig habe sie auch gute Menschenkenntnisse, sei aber – was wahrscheinlich ein Nachteil der Polizeiausbildung sei – zu Beginn ein wenig zurückhaltend oder vorsichtig, wenn sie neue Menschen kennen lerne.

Gegen den Abwärtstrend

Inzwischen hat sie auch bereits wieder Anfragen bekommen, ob sie nicht zur Kapo Thurgau zurückkehren will. Das ist aber kein Thema, eben auch darum, weil sie nicht aus Ammerswil wegziehen will. Das Dorf befinde sich im Wandel, und den will sie als Frau Gemeindeammann mitgestalten.

Das aargauische Raumkonzept geht für Ammerswil von einer ungefähren Bevölkerung von 750 Personen im Jahr 2031 und 790 Personen im Jahr 2040 aus. Doch während die Bevölkerung wächst, schwinden die Möglichkeiten, Dinge im Dorf zu erledigen: Laut Engeler wurde vor einiger Zeit die letzte Beiz im Dorf geschlossen, und auch der Gemüseladen um die Ecke sei zu. Das Angebot hat sich massiv verkleinert im Dorf.

Ob da eine Frau Gemeindeammann den Gegentrend einläuten kann, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Katharina Engeler hat sich auf jeden Fall vorgenommen, die Neuzuzüger im Dorf gleich freundlich aufzunehmen und auch einzubinden, wie es ihr und ihrer Familie vor zwei Jahrzehnten selber ergangen ist.

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