Lenzburg
Altes Gemäuer: Tausend Jahre hinterlassen Spuren auf der Lenzburg

Die Schlossmauern des Schloss Lenzburg haben eine Sanierung nötig. Die Archäologen haben die eingehüllte Schlossmauer für die Sanierung vorbereitet. Dabei entdeckten sie verschiedene Zeugnisse der Vergangenheit.

Carla Stampfli
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Sanierung der Schlossmauern von Schloss Lenzburg.
8 Bilder
Hinter den Mauern kommt die Vergangenheit des Gebäudes zum Vorschein.
Die Mauer ist ein Flickwerk.
Die Aargauerfahne zwischen den Burgzinnen.
Der Blick in Richtung Westen.
Die Aussicht auf den Goffersberg.
Der Blick von unten.
Peter Freys Arbeitsplatz in luftiger Höhe.

Sanierung der Schlossmauern von Schloss Lenzburg.

Jiri Reiner

Mit einem Massstab in der Hand steigt Peter Frey die Treppen empor. Einige Etagen weiter oben hält der Bereichsleiter für Bauuntersuchungen bei der Kantonsarchäologie inne. Die Aussicht vom Gerüst, das zwischen der Fahnenburg und der Südbastion von Schloss Lenzburg steht, ist atemberaubend.

Genauso eindrücklich ist der eingerüstete Abschnitt der Schlossmauer. Auf rund 80 Metern Länge und acht Metern Höhe treffen über 900 Jahre Geschichte aufeinander: Bruchsteine aus dem 11. Jahrhundert; Sand- und Quadersteine aus dem 18. Jahrhundert; Mörtel, Zementverputz und Ziegel aus dem
19. Jahrhundert.

«Die Mauer ist ein Flickwerk», sagt Peter Frey lachend und zeigt mit seinem Massstab auf einen Abschnitt. «Tuffsteine, Kieselsteine und Ziegel. Was gefunden wurde, das hat man für den Bau und die Reparaturen eingesetzt», sagt der 61-Jährige.

Während einer Woche hat Frey gemeinsam mit zwei Teamkollegen Bauaufnahmen der Schlossmauer gemacht (siehe Kontext). Mit Millimeterpapier, festen Unterlagen, Bleistiften, Nägeln und Schnüren haben die Archäologen das Mauerwerk inspiziert.

Unterteilt in Felder von vier Quadratmetern Grösse haben sie den Abschnitt der südlichen Schlossmauer abgemessen und im Massstab von 1:50 auf das Papier mit dem rechtwinkligen Gitternetz gezeichnet. Die Pläne werden nun am Computer verarbeitet und der Bauherrschaft, dem Kanton und der Stadt Lenzburg, vorgelegt. Danach werden die zu ergreifenden Sanierungsarbeiten beschlossen und vorangetrieben.

Peter Frey, Bereichsleiter für Bauuntersuchungen und Mittelalterarchäologie bei der Kantonsarchäologie.

Peter Frey, Bereichsleiter für Bauuntersuchungen und Mittelalterarchäologie bei der Kantonsarchäologie.

Jiri Reiner

«Der heutige Zustand der Schlossmauer macht eine Sanierung zwingend», sagt der Archäologe und schabt mit seinem Massstab zwischen zwei losen Steinen. Schutt, Erde und kleinere Steinbröckchen fallen auf den Boden des Gerüsts. «Der Zustand ist weniger schlimm, als man auf den ersten Blick meinen könnte», sagt Peter Frey, der seit 1981 den Bereich Bauuntersuchungen und Mittelalterarchäologie bei der Kantonsarchäologie leitet.

Das Sichern loser Steine sowie andere notwendige Eingriffe werden vor dem Winter vorgenommen. «Die eigentliche Sanierung beginnt im Frühling», sagt der Brugger. Denn der Kalkmörtel, der bei den Arbeiten grösstenteils zum Einsatz kommen werde, vertrage keinen Frost.

Felsspalten vor Angst zugemauert

Der Archäologe steigt eine Etage weiter nach oben und zeigt auf eine Felsspalte. «Früher wurden sie mit Mörtel und Steinen zugemauert. Man befürchtete, dass Feinde Pulverladungen darin verstecken könnten», sagt er.

Neben der Felskluft liegt ein Mauerwerk an. Dahinter, so Frey, könne sich vielleicht die Schlosskapelle verbergen. «Sie war ein romanischer Bau aus dem 12. Jahrhundert. Nach der Reformation wurde sie jedoch zur Abstellkammer und nicht mehr benötigt», sagt er. Die Kapelle ist nicht das Einzige, das im Laufe der Zeit zugemauert wurde. Fenster, Zinnen, Räume, gar zwei Wächterhäuschen sollen laut antiken Dokumenten hinter den Schlossmauern verborgen sein.

Mauersteine mehrfach verwendet

«Anhand der Struktur können wir das Alter der Mauern feststellen», sagt Peter Frey. Während der Bauaufnahmen haben er und sein Team festgestellt, dass Mauersteine über Jahrhunderte hinweg mehrmals wiederverwendet wurden. So komme es nicht selten vor, dass an einigen Stellen die Mauer oben aus jüngeren, unten aus älteren Zeiten stamme.

Die Mauer bleibt rund drei Jahre eingerüstet.

Dass die Schlossmauern und der Schlossfelsen sanierungsbedürftig sind, zeigte sich im Juni 2013: Damals brachte unterhalb der Südbastion ein rund zweieinhalb Tonnen schwerer Felsbrocken ab. Auch aus einigen Abschnitten der Umfassungsmauern haben sich Steine gelöst und sind bis an den Fuss des Schlossfelsens gestürzt. Sofortmassnahmen wurden ergriffen, um weitere Schäden an Fels und Mauern zu verhindern. Im Auftrag des Kantons und der Stadt Lenzburg haben Spezialisten den Fels und die Mauern untersucht; Sanierungsarbeiten wurden geplant. Nachdem Ende Juni dieses Jahres zwischen Fahnenburg und Südbastion ein Gerüst erstellt wurde, begann man den Zustand der Mauer und des Felsen sowohl archäologisch als auch bautechnisch zu untersuchen. Nach den Abklärungen werden nun während rund dreier Jahre unter Einbezug der Denkmalpflege die Sanierungsarbeiten vorangetrieben. Dabei bleibt der Rundgang um das Schloss voraussichtlich zum grössten Teil begehbar; ebenso läuft der Betrieb auf dem Schloss und im Museum normal weiter. Das Gerüst wird während der Sanierungsarbeiten stehen bleiben. (ces)

«Das erschwert zwar unsere Arbeit, macht sie jedoch spannend. Es ist, wie auf Spurensuche zu gehen», sagt er lachend. Im 11. Jahrhundert beispielsweise hätten die Mauern handwerklich perfekt aussehen müssen, später sei die Ästhetik mehr und mehr in den Hintergrund gerückt. «Das funktionelle Denken, so wie wir es heute kennen, fehlte damals», sagt der 61-Jährige.

Peter Freys Team hat die Bauaufnahmen nun abgeschlossen. «Gegen Ende der Arbeiten ist mir ein paar Mal der Bleistift heruntergefallen. Jetzt ist Ende Feuer», sagt der Archäologe lachend. Das Auf und Ab auf dem Gerüst hat bei ihm Spuren hinterlassen. Frey steigt ein letztes Mal die Treppe hinunter — zumindest vorübergehend: «Während der Sanierungsarbeiten werden wir wieder hier sein.»