Als man das Gefängnis noch Zuchthaus und nicht Justizvollzugsanstalt nannte, vor 150 Jahren, gründete Johann Rudolf Müller (1824-1894), aus Hirschthal stammender Theologe und erster Direktor der Strafanstalt, die Handwerkerschule Lenzburg. Frühere Versuche, der erste 1825, waren gescheitert. «Ein umtriebiger Mann», sagt Ruedi Suter, im 25. Jahr Rektor der Berufsschule Lenzburg. Müller habe nämlich auch noch die Hypothekarbank Lenzburg mitbegründet und war Präsident der Kulturgesellschaft. Später war er Textilunternehmer in Italien, Weinhändler, und mit 64 Jahren wanderte er nach Argentinien aus.

Schule am Sonntagmorgen

Die Schule wurde getragen von der Kulturgesellschaft Bezirk Lenzburg und vom Handwerker-und Gewerbeverein Lenzburg. Das Schulgeld betrug einen Franken pro Halbjahr; der Unterricht bestand aus zwei bis vier wissenschaftlichen Unterrichtsfächern am Sonntagmorgen sowie einer Abendschule für freie Vorträge und Diskussionen. Der Fächerkatalog setzte sich zusammen aus Geometrie und Kunstzeichnen, Arithmetik, Buchführung sowie Lesen und Schreiben für schwächere Schüler. Das steht in der Festschrift zum 125. Geburtstag. Ort der Beschulung damals: die Strafanstalt. Auch in anständigem Benehmen seien die Burschen unterwiesen worden, weiss Ruedi Suter.

Die Schule – ab 1943 hiess sie Gewerbeschule – hat eine bewegte Geschichte. 1882 bedrohte Geldmangel ihren Bestand; Rettung kam von der Hypothekar- und Leihkasse Lenzburg. Mit der Beteiligung von Bund und Kanton an der handwerklich-gewerblichen Ausbildung entspannte sich ab 1884 die Lage. 1911 wurde das Fachlehrersystem eingeführt mit geschäftskundlichen Fächern und Zeichnungsunterricht in Gruppen für Anfänger, Metall- und Holzarbeiter. Der Unterricht fand bis nach dem Ersten Weltkrieg am Sonntagmorgen statt. Ab 1929 zog die Schule ins vormalige Bezirksschulhaus am Eingang zur Altstadt. Dieses wurde während des Zweiten Weltkriegs zeitweilig militärisch belegt, worauf die Gewerbeschule im Privathaus von Schreinermeister Hächler Unterschlupf fand.

Stetiger Ausbau

Seit 1976, nach acht Jahren Planungsarbeiten, Kreditbegehren mit Volksabstimmung und der Bauzeit, steht die Berufsschule nun im Quartier Neuhof am Fuss des Schlossbergs. Werkstatterweiterung für Automechaniker 1981, Gründung der Berufsmittelschule mit Gestalter- und Technikerklassen 1985 und Aufbau eines Weiterbildungsangebots 1988 zeigen die Weiterentwicklung der Schule bis 1994, als Ruedi Suter die Nachfolge von Hansruedi Höchli als Rektor antrat. Nächstes Jahr wird Suter nach einem Vierteljahrhundert als Rektor in Pension gehen. Die Suche nach einem Nachfolger ist im Gange.

Unter Suters Leitung wurde das Weiterbildungsangebot ausgebaut und die Schulleitung neu organisiert. «Ich habe auch die Pausenglocke abgeschafft», sagt Ruedi Suter. Als eine der ersten Berufsschulen wurde die BSL 1998 zertifiziert (ISO 9001/2000): Nachweis hoher Dienstleistungsqualität und –orientierung. Fünf Jahre später konnten neue Werkstätten bezogen werden. Mit dem Bau eines neuen Gebäudes 2010/11 wurde das Weiterbildungszentrum eigenständig. Und 2013 belegte die BSL bei der Wahl der besten Schule der Schweiz den zweiten Platz.

Raucherdächer und Kiosk

Als 2014 für sieben Millionen Franken ein Schulgebäude renoviert werden musste (Boden-, Wand-, Deckenbeläge, Lüftung, Beleuchtung, Heizungsverteilung, Energie), überbrückte man den temporären Platzmangel kreativ: Die Lehrlinge arbeiteten für die Öffentlichkeit, indem sie beispielsweise in Rebbergen Mauern bauten oder Spielplätze renovierten. Und in einer «Tour d’Argovie» umrundeten die Schülerinnen und Schüler den Kanton in mehreren Etappen.
Letztes Jahr erfuhren ein Werkstattgebäude und der Pausenplatz eine umfangreiche Sanierung. So wurde die Zimmereiwerkstatt zur Automobil- und Schreinerwerkstatt. Dazu kamen neue Lüftungen, Belagsanpassungen, bessere Beleuchtung, Raucherdächer, Kiosk auf dem Pausenplatz.

Gute Lage als Trumpf

Was bringt die Zukunft? Kleineren Schulen drohen Schliessungen. Eine Frage der Effizienz und der Kosten: Kleinstklassen sind teuer. Zusammenlegungen optimieren Klassenbestände. Dem stehen regionalpolitische Interessen gegenüber. «Ich sehe das als Chance; wir sind in einer guten Situation», sagt Ruedi Suter. Zentrale Lage, Theorie (Schule) und Praxis (Werkstätten für die überbetrieblichen Kurse) sind am gleichen Ort. «So besuchen die Säger, Isolierspengler und Zeichner Fachrichtung Innenausbau nicht nur aus dem Aargau, sondern aus der ganzen Deutschschweiz die Berufsschule in Lenzburg», sagt Suter. Dazu gehören auch ein, zwei Berufslernende aus Liechtenstein.

Schwerpunkte an der Berufsschule Lenzburg sind unter insgesamt 27 Berufen das Automobilgewerbe, Metall- und Holzbauberufe, aber auch die Haustechnik mit Heizungs- und Sanitärinstallateuren. Traditionelles Handwerk, welches sich ich im Zug der Digitalisierung rasant verändert. Ein Bus ab Bahnhof, der direkt auf das verkehrsfreie Areal fährt, gewährleistet die Anbindung an den öffentlichen Verkehr. Und der Autobahnanschluss ist optimal.

Etwas Kopfzerbrechen, nicht zuletzt aus finanziellen Gründen, machen dem Rektor zuweilen die «Exoten», Berufe wie Industriepolsterer oder Büchsenmacher. Mit zwei Lernenden lässt sich keine Klasse füllen, und für diese zwei einen Juristen zu engagieren, der die angehenden Büchsenmacher über das Waffenrecht ins Bild setzt, grenzt an Unverhältnismässigkeit.

Geburtstagsaktivitäten

Dieses Jahr wird gefeiert. Die Jubiläumsfeier für Mitarbeitende und Gäste – unter ihnen Lenzburgs Stadtammann Daniel Mosimann und Regierungsrat Alex Hürzeler – veranstaltet die Berufsschule Lenzburg am nächsten Freitag im Zirkus Monti, der in Aarau gastiert. Zimmerleute und Metallbauer restaurieren zum Jubiläum für den Industrielehrpfad ein altes Metall-Wasserrad. Alle Lernenden haben im Projekt «Multikulti Argovie» vor den Sommerferien bereits gefeiert: Da besuchte man kulturelle Sehenswürdigkeiten im Kanton, kam auf einem Sternmarsch oder einer Sternfahrt zurück zur Berufsschule, wo ein «Street Food Festival» exotische Kulinarik bot.

Multikulti sind nämlich die Lehrlinge: 378 Lernende, also 16 Prozent, sind nicht Schweizer. 39 Nationen sind dieses Jahr vertreten: Kosovo, Italien, Deutschland, Eritrea, Türkei, Serbien, Portugal, Mazedonien stellen über 10 Schüler. Einige von 17 Nationalitäten, die bloss einen Lehrling stellen: Grossbritannien, Kambodscha, Nigeria, Lettland oder Bangladesch.