Holderbank
«Als ich morgens zittrig war»: Süchtige erzählen von ihrem Kampf

Der Effingerhort bietet stationäre Entwöhnungsbehandlungen für Alkoholiker, aber auch für Leute mit Drogen- und Medikamentenproblemen. Über 40 Männer und Frauen leben im Rehahaus, drei von ihnen geben Auskunft über ihre Sucht.

Stephanie Häfeli*
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Süchtiger: «Es gibt einfach Situationen, wo man merkt, dass es besser läuft, wenn man ein bisschen Alkohol hat, man gewöhnt sich mit der Zeit daran.» (Symbolbild)

Süchtiger: «Es gibt einfach Situationen, wo man merkt, dass es besser läuft, wenn man ein bisschen Alkohol hat, man gewöhnt sich mit der Zeit daran.» (Symbolbild)

Keystone
Die Autorin *Stephanie Häfeli aus Seon ist Schülerin an der Neuen Kantonsschule Aarau. Sie macht dort die Fachmatur. Die Kurzporträts gingen aus ihrem Praktikum im «Effingerhort» beziehungsweise ihrer Maturaarbeit hervor.

Die Autorin *Stephanie Häfeli aus Seon ist Schülerin an der Neuen Kantonsschule Aarau. Sie macht dort die Fachmatur. Die Kurzporträts gingen aus ihrem Praktikum im «Effingerhort» beziehungsweise ihrer Maturaarbeit hervor.

ZVG

Auf diesem Leitspruch baut der Effingerhort in Holderbank die Therapien auf. Im Rehahaus für alkohol- und medikamentenabhängige Menschen kämpfen Menschen seit hundert Jahren gegen ihre Sucht an, suchen den Weg zurück in ein eigenständiges Leben. Die az wollte von drei Bewohnern erfahren, wie sich ihre Sucht entwickelt hat und wie sie mit therapeutischer Unterstützung dagegen vorgehen.

Das Rehahaus Effingerhort in Holderbank für suchtkranke Menschen gibt es seit über 100 Jahren. Es wurde von Julie von Effinger aufgebaut.

Das Rehahaus Effingerhort in Holderbank für suchtkranke Menschen gibt es seit über 100 Jahren. Es wurde von Julie von Effinger aufgebaut.

Chris Iseli

Frau W. (63): «Es war mir nicht bewusst, dass sich mein Alkoholkonsum zu einer Sucht entwickelte. Ich nahm alles viel ruhiger, jedoch war immer irgendwo der Gedanke, dass es die falsche und keine gesunde Art ist, meine Probleme im Alkohol zu ertränken. Ich hatte zu dieser Zeit nicht das beste Gewissen, ich verdrängte die Sucht und dachte nie, dass sie ein solches Ausmass annehmen könnte. Den Haushalt hatte ich im Griff, aber irgendwie auf eine unbefriedigende Art und Weise. Denn ich trank immer ein, zwei Gläser Wein, bevor ich mich an die Hausarbeit machte.

Als ich dann meinen ersten epileptischen Anfall hatte, wurde mir klar, dass ich abhängig bin und etwas unternehmen muss. Ich machte einen Entzug für sechs Wochen, doch das war viel zu kurz. So kam es zu einem erneuten Rückfall: Ich bekam Besuch und kochte ‹Zürigschnetzlets›. Ich habe das Fleisch mit etwas Weisswein abgelöscht. Ich hatte dann zu viel Wein und stellte die Flasche in den Kühlschrank. Und dann am nächsten Tag dachte ich mir, nein, du kannst den nicht wegschmeissen, das wäre schade. Und Sie können sich vorstellen, wo er gelandet ist.

Mit der Zeit war das Trinken zu einer Gewohnheit geworden. Aus einer solchen kommt man nicht so leicht wieder heraus. Vorläufig bleibe ich hier im Effingerhort. Was weitergeht ... Ich will wirklich kein Risiko eingehen, da ich auch körperlich noch nicht da bin, wo ich sein will, aber es kommt langsam.»

Herr H. (47): «Es braucht sehr lange, bis man kapiert, dass man abhängig ist. Bei mir ging es 10 Jahre. Vorher habe ich ganz normal getrunken, wie andere auch, im Ausgang oder an Festen. Als ich meine Sucht zum ersten Mal bemerkte, war ich schon relativ alt, ungefähr 25 oder ein bisschen älter. Und da dachte ich noch nicht an einen Ausstieg, sondern dass ich mal einen alkoholfreien Tag einlegen oder den Konsum langsam reduzieren könnte. Es gibt einfach Situationen, wo man merkt, dass es besser läuft, wenn man ein bisschen Alkohol hat, man gewöhnt sich mit der Zeit daran. Zum Beispiel, dass man an einem Fest oder sonst im Ausgang besser und lockerer mit anderen sprechen kann.

Gemerkt, dass ich abhängig bin, habe ich, als ich am Morgen aufstand und arbeiten gehen musste und feststellte, dass ich nervös war und zittrig, nicht nur physisch mit den Händen, sondern auch wirklich psychisch. Man denkt, man schafft es nicht. Und dann trinkt man, bis man einigermassen auf einem Level ist, auf dem man wieder funktioniert. Ich weiss nicht, wie ich mich in der Zukunft sehe. Falls es mit dem Abstinentsein nicht klappen sollte, will ich es einfach so, dass es keine Abstürze mehr gibt. Ich hätte gerne wieder eine eigene Wohnung und eine Arbeit, mit der ich mein Leben finanzieren kann.»

Herr B. (54): «Das Wort ‹süchtig› existierte nicht in meinem Kopf. Erst, als ich hier in den Effingerhort kam, fing ich an, zu begreifen, was es heisst, süchtig zu sein, und dass es schlecht ist. Für mich war mein Zustand normal, ich sah es nicht als ein Problem an.

Man kam sich wichtig vor dannzumal. Diejenigen, die Musik machten damals, ich sage jetzt mal die Rolling Stones oder Jimmy Hendrix, konsumierten auch und man wollte dabei sein, man wollte ‹in› sein. Ich konsumierte am Anfang nur einmal die Woche Haschisch. Dann wickelte sich das zu einem täglichen Konsum. Man versuchte andere Drogen wie LSD. Ich war ein Hippie und sah auch so aus mit langen Haaren, Ketten um den Hals und Sandalen. Ich geriet dann zusehends in die falsche Szene, fing an zu schnupfen und konsumierte Opium. Mit der Zeit fängt man dann an zu spritzen.

Ich habe schon sehr viele Entzüge hinter mir, richtig gebracht hat keiner was, ausser der Effingerhort. Ich bin jetzt seit drei Jahren hier. Mir ist klar geworden, dass ich nie mehr etwas konsumieren darf und will. Mein Verhalten und meine Persönlichkeit haben sich stark verändert. Ich kann sogar sagen, dass ich mich nun nüchtern sehe. Ich gehe jetzt dann in meine eigene Wohnung. Darauf freue ich mich sehr. Ich möchte jetzt einfach wieder ‹leben› können. Selbstständig!»