Lenzburg

Als die Hünerwadels die Stadt unter Druck setzten

Projektassistentin Martina Badertscher ist Expertin und Bewunderin der Indienne-Stoffe im Museum Burghalde. Bild: Alex Spichale

Projektassistentin Martina Badertscher ist Expertin und Bewunderin der Indienne-Stoffe im Museum Burghalde. Bild: Alex Spichale

Die bedeutende Dynastie hat Lenzburg geprägt wie kaum eine andere Familie. Heute wohnen in der Stadt keine Hünerwadels mehr.

Der Name ist lustig und aufgrund der Umzugspläne der Stadtverwaltung wieder in aller Munde: Hünerwadel. Weil die KV-Schule schliesst, soll die Stadtverwaltung 2021 in das Hünerwadelhaus am Freischarenplatz ziehen. Das breite Haus mit der grossen Uhr wurde 1759/60 als Handelshaus erbaut. Es ist nicht das einzige Gebäude, mit dem sich die einflussreiche Familie im Bauinventar der Stadt verewigt hat: An der Schützenmattstrasse steht die Villa Hünerwadel. Das Müllerhaus am Bleicherain wurde ebenfalls von der Familie Hünerwadel gebaut.

Und nicht nur repräsentative Prachtbauten haben die Hünerwadels Lenzburg hinterlassen, sondern auch Handwerkbetriebe wie der Komplex um die Bleiche am Aabach. Irgendwoher musste das viele Geld ja kommen. Der erste Hünerwadel kam Anfang des 17. Jahrhunderts aus Schaffhausen nach Lenzburg. Die nächsten 250 Jahre sollten seine Nachfahren die Stadt prägen. «Die Hünerwadels waren Ratsherren, Schultheissen, Stadtschreiber oder Pfarrer in Lenzburg», schreibt Kurt Badertscher in seinem Beitrag in den Lenzburger Neujahrsblättern 2020.

1685 erhielt Hans Martin Hünerwadel-Hauri vom Kommerzienrat der Berner Herrschaft die Konzession für eine Bleicherei am Aabach. Das war, wie Kurt Badertscher schreibt, die erste Unternehmung der Familie Hünerwadel in Lenzburg. Es war der Anfang eines Textilimperiums, das die Hünerwadels steinreich machte und 70 Leute beschäftigte. Damit war die Industriellenfamilie voll im Trend. «Die Entstehung von Manufakturen wurde von der Berner Obrigkeit mit Handelsprivilegien und Darlehen gefördert», sagt Martina Badertscher, Projektassistentin im Museum Burghalde.

Es entstanden zwei Linien der Familie, eine Bleiche- und eine Walkelinie. Eine geschickte Heiratspolitik sorgte dafür, dass Macht und Manufakturen in der Familie blieben. Wenn gerade kein männlicher Erbe zugegen war, durften auch Frauen die Führung übernehmen. In den Betrieben der Hünerwadels wurden Tücher gebleicht und gefärbt. Die Bleicherei am Aabach wurde bald um Wohnhäuser, Stallungen und einen Hänkiturm (zum Aufhängen der Stoffbahnen) ergänzt. Auf der Bleichematte – der Flurname lebt im Strassennamen weiter – wurden die bis zu 36 Meter langen Stoffbahnen zum Bleichen ausgelegt. «Die Sonneneinstrahlung, der Sauerstoff und der chemische Prozess der Fotosynthese der Pflanzen sorgten dafür, dass die Tuche aufgehellt wurden. Das war ein Prozess, der sich über mehrere Wochen hinzog, sagt Martina Badertscher.

Das Edeltuch vom Lenzburger Aabach

1732 erhielt Markus Hünerwadel-Spengler die Konzession für eine Indienne-Manufaktur. Mit einem Holzmodel wurden filigrane Muster auf die Baumwollstoffe gedruckt. Die nach indischem Vorbild bedruckten Stoffe waren äusserst aufwendig in der Herstellung und so teuer, dass sie sich in der Schweiz kaum jemand leisten konnte. «Die Indienne-Stoffe waren für den Export ins Ausland bestimmt», sagt Martina Badertscher. Der Handel und die Veredelung der Baumwolltuche seien sehr erfolgbringend gewesen. 1773 wurden in Lenzburg mehr als 8400 gebleichte und 6700 bedruckte Baumwolltuche produziert, hält Kurt Badertscher fest.

Kleid aus Indienne-Stoff. ZVG

Kleid aus Indienne-Stoff. ZVG

Die dunkle Seite der Tuchindustrie

Die Bauten der Hünerwadels in Lenzburg sind Zeugen ihres Reichtums. In den Stuben der Heimarbeiter, auf deren Beitrag das System angewiesen war, sah es anders aus. Oft waren es verarmte Bauernfamilien, die sich mit dem Spinnen oder Weben von Garn etwas dazuverdienen konnten. Die Baumwolle oder das Garn blieb dabei stets im Besitz der Baumwollverleger. Und auch für die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken war das Leben hart. Ständig waren sie Hitze und Dampf ausgesetzt, in der Färberei kamen die Dämpfe von Farbstoffen dazu. Kurt Badertscher beschreibt, wie 1830 eine Fabrikschule für die zirka 20 Kinderarbeiter eingerichtet wurde. Auf zwölf Arbeitsstunden gab es eine Stunde Unterricht. Und eine weitere dunkle Seite: Die Tücher, für die in Lenzburg geschuftet wurde, waren in Westafrika ein Handelsgut gegen Sklaven.

Der Niedergang der Hünerwadels

Noch 1857 erhielt die Firma Söhne von Gottlieb Hünerwadel eine Konzession für die obere Bleiche auf dem Gebiet der heutigen Messer Schweiz AG. Doch die zweite Bleiche kam zu spät, die Textilindustrie war in der Schweiz kurz vor der Jahrhundertwende in einer grossen Krise. 1899 wurde die Betreiberfirma der oberen Bleiche liquidiert. 1920 war Emil Hünerwadel als Letzter seiner Dynastie als Konzessionsinhaber einer Färberei verzeichnet, wie Badertscher festhält.

Heute wohnen in Lenzburg keine Hünerwadels mehr. Aber ihre Häuser stehen noch. Und vielleicht dreht sich bald auch das Wasserrad in der Bleiche am Aabach wieder.

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