Lenzburg

Als der Heiligabend im Tränenmeer versank

Lea Grossmann vermisst Kater Tigi heute noch.

Lea Grossmann vermisst Kater Tigi heute noch.

Die Lenzburgerin Lea Grossmann hat als Kind ein sehr trauriges Weihnachtsfest erlebt.

«Die Aufgaben nach dem traditionellen Fondue bourguignonne an Heiligabend in meiner siebenköpfigen Familie waren verteilt: Während sich die einen ans Aufräumen und den Abwasch machten – zog ich als jüngstes Familienmitglied den Joker: Ich durfte zusammen mit meinem Vater auf die Hunderunde. Ein Segen, die von Öl geschwängerte Luft in unserem Wohn- und Esszimmer zu verlassen.

Eisig wehte mir draussen der Wind um die Ohren, und es roch nach Schnee. Es war eine stille Nacht, im wahrsten Sinne des Liedes. Wir spazierten gemütlichen Schrittes der Strasse entlang, als uns ein Auto im Tempo des gehetzten Affen überholte. Was für ein Idiot oder eine Idiotin!

Nachdem der Hund sein Geschäft erledigt hatte, stiefelten wir halb durchfroren zurück. Von weitem entdeckte ich Tigi, meine Katze, die auf der Strasse vor unserer Garageneinfahrt lag. Genaugenommen war es die Katze meiner Schwester Sarah. Dieser Umstand kümmerte mich allerdings kein bisschen.

Tigi war mein Ein und Alles. Er schlief in meinem Bett, heiterte mich auf, wenn ich Trübsal blies, und er brachte mir seine gefangenen Mäuse als Trophäen in mein Schlafzimmer. Kurzum: Ich liebte diese Katze, und sie gehörte zu mir wie der Heiligenschein zum Christkind.

Kein Geschenk vermochte aufzuheitern

Wie immer, wenn ich Tigi von weitem sah, sauste ich zu ihm, so auch an jenem Heiligabend. Sanft streichelte ich ihm übers Fell. Es war nicht wie gewohnt seidig und warm. Im Gegenteil: Tigis Fell fühlte sich kalt und steif unter meinen Händen an.

Ausserdem blieb das obligate Schnurren aus. Als ich eine kleine Blutlache neben seinem Kopf entdeckte, erstarrte ich: Mein Tigi war tot! Überfahren von dem autofahrenden Idioten, der autofahrenden Idiotin, so meine Vermutung. Der Heiligabend versank in meinem Tränenmeer.

Kein Geschenk konnte mich aufheitern. Ich wollte doch einfach nur meinen Tigi zurück.  Rund 35 Jahre ist es her. Und immer noch denke ich jeden Heiligabend an meine liebste Katze, die eigentlich gar nicht mir gehörte.» (zvg)

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